Leitartikel
Gewalt gegen Frauen: Es braucht mehr sichere Orte
Pünktlich zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen am Dienstag wurden in der vergangenen Woche reihenweise Studien und Berichte veröffentlicht. Der Tenor: Übermäßig viele Frauen und Mädchen in Deutschland und weltweit sind von Gewalt betroffen, werden nicht ausreichend davor geschützt und erhalten zu wenig Unterstützung. Und es kann davon ausgegangen werden, dass es eine deutlich höhere Dunkelziffer von Fällen gibt, die nie angezeigt werden.
Täter sind in den meisten Fällen Partner oder Ex-Partner; von häuslicher Gewalt waren im vergangenen Jahr in Deutschland zu 80 Prozent weibliche Personen betroffen – für viele Frauen ist also der unsicherste Ort das eigene Zuhause.
In der vergangenen Woche hat das Bundeskabinett einen Gesetzesentwurf nach dem Vorbild des sogenannten „spanischen Modells“ verabschiedet. Künftig soll es möglich sein, dass Täter, die bereits durch häusliche Gewalt aufgefallen sind, eine elektronische Fußfessel tragen – und dass ihr Opfer dadurch gewarnt wird, sollten sie beabsichtigt oder unbeabsichtigt in der Nähe sein. Erfahrungswerte aus Spanien zeigen, dass sich dadurch viele Femizide – Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts – verhindern lassen.
Dieses Vorgehen kann durchaus dabei helfen, dass Gewaltopfer sich zu Hause und im öffentlichen Raum sicherer fühlen. Allerdings kann es nur Personen schützen, die bereits mindestens einmal Opfer geworden sind – und die Tat auch angezeigt haben. Das tut nur ein kleiner Teil der Betroffenen häuslicher Gewalt.
Die Hemmschwelle ist noch deutlich zu hoch, sich an die Polizei zu wenden, wenn der Partner übergriffig wird, oder andere Schritte zu unternehmen, um eine von Gewalt geprägte Beziehung zu verlassen. Es fehlen Hilfsangebote – nicht nur, aber auch für Frauen mit Migrationserfahrung, die überproportional oft von häuslicher Gewalt betroffen sind und denen häufig auch die Unterstützung durch das unmittelbare soziale Umfeld fehlt. Zudem fehlen in Deutschland seit Jahren tausende Plätze in Frauenhäusern, die dringend benötigt werden, um Opfern häuslicher Gewalt und ihren Kindern einen sicheren Ort zu bieten.
Gewaltprävention muss allerdings lange vorher ansetzen, damit Männer gar nicht erst zu Tätern werden und Frauen nicht erst Unterstützung bekommen, wenn sie schon Gewalt erfahren haben. Gewalt gegen Frauen fängt nicht mit körperlichen Übergriffen an, sondern mit vermeintlich harmlosen sexistischen Sprüchen. Ein oft unterschätztes Problem sind männliche Influencer, die Jugendlichen in den sozialen Medien vermitteln, wie Männlichkeit und heterosexuelle Beziehungen vermeintlich auszusehen haben. Dahinter stecken oft reine Frauenfeindlichkeit und antiquierte Rollenbilder. Sichtweisen wie „Frauen gehören an den Herd“ gehören leider noch lange nicht der Vergangenheit an.
Es braucht ein gesellschaftliches Umdenken, um von klassischen Geschlechterrollen wegzukommen. Das fängt damit an, dass Männer hinterfragen, wie sie selbst mit Frauen umgehen. Das ist nichts, was von heute auf morgen alle Probleme lösen kann. Aber es kann auf lange Sicht dazu führen, dass es mehr sichere Orte für Frauen gibt.