Politik Ganz vorsichtig Richtung Europa

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Abgeschottet, rückständig und diktatorisch regiert: Weißrussland (das sich Belarus nennt) hat nicht gerade den besten Ruf. Doch das Land ist dabei, sich vorsichtig zu öffnen und zu reformieren. So will Belarus nach Auskunft von Bildungsminister Mikhail Zhurakow in diesem Jahr dem europäischen Ausbildungssystem beitreten.

Weißrussen sind in der Regel ehrgeizig und sehr strebsam. Von klein auf werden Kinder zu Leistung erzogen, Disziplin heißt das Zauberwort. Nach der Schule, die meist bis in den Nachmittag dauert, folgt organisierte Freizeit, die immer einen gesellschaftlichen oder pädagogischen Mehrwert haben soll. Lehrer, Pädagogen, Jugendgruppenleiter – alle sind bestrebt, den Heranwachsenden zu sagen, wo es langgeht. Was deutsche Schüler mit Grausen erfüllen würde, ist für weißrussische ganz normal. Wenig Selbstverantwortung und Eigeninitiative, dafür aber ein beeindruckend hohes Bildungsniveau, das kennzeichnet das weißrussische Erziehungssystem. Noch in diesem Jahr will Belarus dem europäischen Bologna-System beitreten. Die Voraussetzungen seien alle erfüllt, sagt Bildungsminister Zhurakow im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Vor allem die Bindungen zu Deutschland seien traditionell sehr eng, erklärt der 55-Jährige. Schon früher habe man sich beispielsweise bei der Organisation der Diplom-Studiengänge an das deutsche System angelehnt. Seit vielen Jahren liefen erfolgreich diverse Projekte in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD). Auch die deutsche Sprache nimmt bei den Weißrussen eine bevorzugte Stellung ein. Sie ist nach Englisch die am häufigsten unterrichtete Fremdsprache. 2015 lernten offiziellen Statistiken zufolge 111.700 Schülerinnen und Schüler Deutsch, das sind mehr als 15 Prozent aller Schulpflichtigen in Weißrussland. Und obwohl die Allermeisten noch nie in einem deutschsprachigen Land waren, sind die Kenntnisse oft hervorragend. Nicht wenige Schulen in den großen Städten haben einen Sprachenschwerpunkt Deutsch. So auch die Schule „Nummer 24“ in Minsk. Sie liegt in einem wohlhabenden Viertel und gilt als Eliteschule – als Sprungbrett für die begehrte Hochschulzulassung und eine anschließende Karriere. Hier unterrichtet Dominik Krammer als Austauschlehrer. Der 34-Jährige stammt aus Bayern. Er ist beeindruckt von der Disziplin und dem Lerneifer der jungen Weißrussen. Allerdings sei der Druck auf die Schüler auch riesig, gibt er zu bedenken. Alles hänge von guten Noten ab. Die Erwartungen der Eltern, die viel Geld für die Schule bezahlten, seien hoch. Und auch staatlicherseits werde ganz klar gesagt, dass nur Leistung zähle. Um einen Studienplatz zu bekommen, müssen die jungen Leute eine gewisse Punktzahl vorweisen, die von ihren Abschlussnoten abhängt. Wer die nötige Gesamtpunktzahl für die Zulassung nicht erreicht und dennoch studieren will, muss dies selbst finanzieren. „Das kann sich aber fast keiner leisten“, sagt Kataryna*. Die Deutsch-Studentin hat einen der begehrten Plätze an der Hochschule in Minsk ergattert. Da ihre Eltern auf dem Land leben, ist sie auf einen Wohnheimplatz angewiesen. „Zurzeit leben wir zu dritt in einem Wohnheimzimmer, das für maximal zwei Personen ausgelegt ist“, erzählt sie: „Da ist konzentriertes Arbeiten oder Lernen so gut wie unmöglich.“ Sobald sie ihr Studium beendet habe, werde ihr ein Arbeitsplatz irgendwo im Land zugewiesen. Diesen anzunehmen, sei sie verpflichtet, weil der Staat ihr Studium finanziert habe, erklärt sie. Dabei wünscht sich Kataryna nichts mehr, als nach dem Abschluss eine Weile im deutschsprachigen Ausland zu leben. Sie hat Ehrgeiz und ist talentiert. In der Heimat sieht sie kaum Chancen für sich. Die aktuelle wirtschaftliche wie auch die politische Lage verhinderten, dass junge Leute etwas aus sich machen könnten, sagt sie. Kataryna würde zwar gern ihr Land voranbringen, sieht aber derzeit keine Möglichkeit, ihre Ideen umzusetzen. So wie ihr geht es vielen jungen Menschen in Weißrussland. In den vergangenen 25 Jahren sind unzählige hoch qualifizierte Frauen und Männer ins Ausland, vor allem in EU-Staaten, abgewandert. Ein Verlust an Qualifikation, der dem Land weh tut. Das ist auch dem Bildungsminister bewusst. Deshalb wolle er mit dem Beitritt seines Landes zum europäischen Bologna-System seinen Landsleuten die Möglichkeit eröffnen, im Ausland zu studieren und Erfahrungen zu sammeln, sagt Zhurakow. „Und dann hoffe ich, dass sie auch wieder nach Hause kommen und hier die Dinge zu einem Besseren wenden.“

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