Leitartikel
Fußball-WM in Katar: Empörung und Heuchelei
Am 18. Dezember werden 26 Fußballer, eine Horde Betreuer, Trainer, Offizielle und die Fans eines gesamten Landes feiern – weil sie gerade Fußball-Weltmeister geworden sind. Sollten in den kommenden Wochen nicht Dinge geschehen, die im Moment unvorstellbar sind, krönt sich ein würdiger, ein verdienter Weltmeister. Am reinen Sport, dem Spiel auf dem Rasenrechteck, wird es keine Veränderungen zu vorherigen Turnieren geben.
Sehr wahrscheinlich wird die Welle der Empörung im Zusammenhang mit dem Turnier in der Wüste nach dem Finale abgeebbt sein, weil die Feiertage vor der Tür stehen und ohnehin die Scheinwerfer der Öffentlichkeit auf andere Themen ausgerichtet sind. Das ist im Moment, unmittelbar vor dem WM-Start, anders. Der Pegel der Aufregung hat ungeahnte Höhen erreicht. Der Fußball und WM-Ausrichter Katar stehen am Pranger, wobei – und das ist zu kritisieren – nicht deutlich genug differenziert wird.
Der Wunsch der Katarer ist legitim
Es war ein Fehler, die Weltmeisterschaft nach Katar zu vergeben. Aber dieser Fehler wurde nicht von dem Golf-Emirat begangen. Der Weltfußballverband Fifa hätte die Situation der Menschenrechte bedenken müssen, bevor er die Ausrichtung der WM einem Land überträgt, in dem beispielsweise Homosexualität ein strafbares Vergehen ist. Das hat die Fifa unterlassen – nicht nur bei Katar 2022. Die WM 2026 steigt unter anderem in Mexiko. Dort herrscht vielfach Gewalt, Frauen werden unterdrückt.
Der Wunsch und das Streben Katars, eine Weltmeisterschaft im Fußball auszurichten, sind legitim. Vor dem Hintergrund der existenziellen Bedrohungen, denen das Emirat durch seine Nachbarn ausgesetzt ist, ist es verständlich, geradezu zwingend, dass die Katarer durch wirtschaftliche und sportliche Beziehungen versuchen, sich Verbündete im Rest der Welt zu suchen.
Eine Fußball-Weltmeisterschaft darf grundsätzlich im europäischen Winter und in der arabischen Welt stattfinden. Fußball ist ein globaler Sport, es dürfen nicht nur Annehmlichkeiten der Europäer zählen. Dabei darf nicht entscheiden, wer schon wie oft bei einer WM dabei war, wer schon mal gewonnen hat. Die Fragen müssen künftig lauten: Kann das Land ein nachhaltiges Turnier garantieren? Wie ist der Lage der Menschenrechte in der Nation? Das ist elementar wichtig.
Das Endspiel darf nicht das Ende des Diskurses sein
Am Ende müssen wir uns selbst den Spiegel vorhalten, auch wenn uns nicht gefällt, was wir im Spiegelbild sehen.
Wenn Menschenrechte, wenn Rechte von Arbeitsmigranten oder die der LSBTIQ-Gemeinschaft – der schwulen, lesbischen und queeren Menschen – universell sind und immer gelten müssen, dann müssten wir Debatten führen, ob wir Gas aus Katar beziehen dürfen. Dann dürfte das WM-Endspiel nicht das Ende des Diskurses sein. Die Frage muss lauten: Wie groß ist unser Anteil daran, dass Menschen in anderen Regionen der Welt ausgebeutet werden? Welche Arbeitsbedingungen herrschen auf den Gasfeldern rund um Doha?
Wenn wir in Deutschland und Europa unseren Reichtum und unseren Wohlstand nähren können, gelten in der Beurteilung offensichtlicher Missstände andere Maßstäbe als bei einem sportlichen Großereignis. Das ist heuchlerisch.