Preisträger 2021
Friedensnobelpreis als Schutzpanzer für Journalisten
Bis zur Verkündigung der Träger des Friedensnobelpreises 2021 am Freitagmittag wurden vor allem zwei Kandidaten aus den Ländern gehandelt, die bis zum Zerfall der Sowjetunion einen Staat bildeten: die Belarussin Swetlana Tichanowskaja, die jetzt im Exil lebt, und Russlands berühmtester politischer Gefangener Alexei Nawalny. Aber den Zuschlag erhielt überraschend der Moskauer Journalist Dmitri Muratow.
Der 59-Jährige ist Chefredakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“, die er 1993 gründete. In den vergangenen sechs Jahren ist dieses Blatt selbst mehrfach als Institution für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Ihre Reporter liefern Enthüllungsreportagen aus kriegerischen, aber auch kriminellen Brennpunkten wie Tschetschenien oder dem Donbass. Sechs Redaktionsmitglieder haben diese Enthüllungen – auch über die allgegenwärtige Korruption – mit dem Leben bezahlt.
Der dritte Russe
Die Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Berit Reiss-Andersen, hob bei der Verkündigung der Preisträger hervor: „Morden und Drohungen zum Trotz gab Chefredakteur Muratow das Prinzip der Unabhängigkeit nie auf und verteidigte das Recht der Journalisten, über Themen zu schreiben, die sie selbst auswählten.“
Muratow ist der dritte Russe, der nach seinem engen Freund Michail Gorbatschow, dem einstigen Staatspräsidenten, und dem Dissidenten Andrei Sacharow den Friedensnobelpreis erhalten hat. Im Gespräch mit russischen Medien sagte Muratow: „Wir nehmen diese Prämie für den gesamten russischen Journalismus in Empfang, den man jetzt zu unterdrücken versucht.“ Man werde den Menschen helfen, die jetzt als „ausländische Agenten“ diskriminiert und aus dem Land getrieben würden.
Kreml: Er ist talentiert
„Der Nobelpreis stellt einen Schutzpanzer dar“, sagte Alexei Wenediktow, Chefredakteur von Radio Echo Moskwy, dazu. Die weltweit wohl prestigeträchtigste Auszeichnung könne helfen, neue Repressalien gegen Muratow und seine Zeitung, aber auch gegen andere Journalisten zu erschweren.
Warum aber ging Nawalny leer aus, fragten sich am Freitag nicht nur viele Russen. Die Entscheidung wird so gewertet: Das Komitee aus Oslo verzichtet darauf, die russische Innenpolitik noch mehr zu polarisieren. „Nawalny ist ein Revolutionär,“ erklärt der Oppositionspolitiker Maxim Schewtschenko auf YouTube, „aber im Gegensatz zu Muratow keiner, der Menschen in konkreten Situationen geholfen hat.“ Der Kreml reagierte jedenfalls höflich. „Er arbeitet konsequent für seine Ideale, lebt für sie, er ist talentiert und mutig“, kommentierte Putin-Sprecher Dmitri Peskow. „Wir gratulieren ihm.“
Ressa nur gegen Kaution frei
Ein Jahr jünger als Dmitri Muratow, nämlich 57 Jahre, ist die zweite Preisträgerin: Maria Ressa von den Philippinen. Die ehemalige Korrespondentin des US-Nachrichtensenders CNN gründete mit weiteren Kollegen das Investigativmedium Rappler, das viel im Internet macht.
Ressa ist derzeit nur vorübergehend und gegen Kaution auf freiem Fuß, nachdem sie gegen eine Verurteilung wegen Verleumdung aus dem vergangenen Jahr Berufung einlegte. Ihr drohen bis zu sechs Jahre Gefängnis.
„Das ist die beste Zeit, um Journalist zu sein“, sagte Ressa dazu. „Die Zeiten, in denen es am gefährlichsten ist, sind auch die Zeiten, in denen es am wichtigsten ist.“
Sie ist eine ausgesprochene Kritikerin des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Der autokratisch herrschende Politiker tritt entgegen bisheriger Pläne nicht mehr zur Wiederwahl an; vielmehr ermittelt der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag gegen ihn – wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
„Krieg gegen die eigenen Leute“
Immer wieder habe Ressa in ihrem Medium die „mörderische Anti-Drogen-Kampagne“ Dutertes hinterfragt und Übergriffe sowie Morde dokumentiert. Denn Dutertes Anti-Drogenkampf habe sich in einen „Krieg gegen die eigene Bevölkerung“ verwandelt, sagte die Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen.
Duterte war 2016 mit dem Versprechen eines gnadenlosen Kampfs gegen Kriminalität und Drogen ins Amt gekommen. Polizisten sollen in dieser Zeit viele Zivilisten rechtswidrig getötet haben. Die Ankläger des Strafgerichtshofs gehen von 12.000 bis 30.000 Toten aus. Ressa und ihre Mitstreiter prangerten immer wieder die Willkür an, die die Sicherheitskräfte bei ihrem Vorgehen walten ließen. Denn offenbar ging es nicht nur gegen Drogendealer, sondern auch gegen missliebige Bürger.