Ukraine
Flucht nach Deutschland: „Ich bin so erleichtert, hier zu sein“
Berlin Hauptbahnhof, Gleis 14. Einfahrt hat der Eurocity aus Warschau. Angekündigt wird der wegen „Pass- und Zollkontrollen“ um eine halbe Stunde verspätete Zug noch auf Deutsch. Als die ersten Türen geöffnet werden, erfolgen die Durchsagen erst auf Ukrainisch, dann auf Englisch.
Auf dem Bahnsteig warten bereits Dutzende Helfer in gelben Warnwesten, die die Kriegsflüchtlinge in Empfang nehmen. Es steigen überwiegend Frauen mit Kindern aus dem mit zusätzlichen Waggons verlängerten Zug aus, die meisten kaum älter als 40 Jahre. Ein Rucksack oder ein Koffer, ein Kuscheltier, manchmal auch nur eine Plastiktüte – mehr hat keiner dabei. Den meisten sieht man die Erschöpfung und die Aufregung an.
Züge können gratis benutzt werden
„Ich bin so erleichtert, hier zu sein“, erzählt Katia auf Englisch. Ihre kleine Tochter Nataliya lässt die Hand der Mutter nicht los. Für einen kurzen Moment kämpft die junge Frau darum, ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung nicht zu verlieren. „Ich will nur, dass mein Kind in Sicherheit ist.“ Mehrere Tage sind sie bereits unterwegs. In der Nähe von Kiew hat Katia nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Eltern zurückgelassen. Ihre engsten Verwandten hätten sie ermutigt, jetzt zu flüchten. „Es war die bisher schwerste Entscheidung meines Lebens, aber schon bald könnte es zu spät sein.“
Eine Helferin führt sie zum Fahrkartenschalter, vor dem sich eine Schlange von rund 100 Ukrainern gebildet hat. Auf der Flucht vor dem Krieg dürfen Betroffene Züge der Deutschen Bahn gratis benutzen. Katia hat eine Adresse von einer Familie in Köln. „Das sind Freunde von Bekannten einer Bekannten. Ich kenne sie nicht, aber sie warten auf uns. So weit weg war ich noch nie.“
Wohnungsbörse für Geflüchtete
Der nächste ICE an den Rhein geht in einer Stunde. Aus einem Einkaufswagen voller Spenden schnappt sich die Englisch sprechende Helferin ein paar Bananen, Kekse und zwei Wasserflaschen für Mutter und Tochter.
Die allermeisten Ukrainer kommen mit den Zügen aus Polen am Hauptbahnhof an. Über 10.000 Berliner und Berlinerinnen haben sich bereits mit Privatunterkünften bei der Wohnungsbörse für Geflüchtete auf der Plattform unterkunft-ukraine.de registriert. Von den Menschen, die aus dem Eurocity steigen, scheint rund die Hälfte zum Reisezentrum zu gehen, um sich kostenlose Tickets für die Weiterfahrt abzuholen.
Nicht überrascht vom Ausbruch des Krieges
Im Zwischengeschoss des Hauptbahnhofs steht auch Wladyslaw in gelber Warnweste. Über die Brust seines Hoodies hat er einen breiten Streifen Krepp geklebt. Darauf stehen abgekürzt fünf Sprachen (Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Englisch und Spanisch), die der Softwareentwickler beherrscht. Seit gut drei Jahren lebt der Ukrainer in Berlin. Der Krieg hat ihn nicht überrascht. „Wir haben zuvor gesehen, was Putin in Tschetschenien und Georgien angerichtet hat, was er mit der Krim gemacht hat. Solange Putin Präsident ist, wird die Welt nicht mehr ruhig schlafen können.“
Wladyslaw stammt aus Mykolajiw, auf halbem Weg zwischen Odessa und der gerade von russischen Truppen eroberten Hafenstadt Cherson am Schwarzen Meer gelegen. Mit seiner Familie hält er über Skype und Emails Kontakt. „Wir sprechen täglich. Die Verbindung ist gut. Aber jetzt mache ich mir größte Sorgen. Das nächste Ziel der Russen in der Südukraine ist meine Heimatstadt.“ Vor allem beunruhigt ihn, dass die russische Armee zunehmend zivile Ziele anvisiert.
Mit dem Charterbus in die Unterkünfte
Der schätzungsweise 30-jährige Mann ist sehr beeindruckt von den vielen Leuten und ihrer Organisationsfähigkeit, den Hauptbahnhof in eine „Kleinstukraine“ zu verwandeln. Es gibt in dem mehrgeschossigen Bau blau-gelbe Wegweiser für die Flüchtlinge, auf den Bahnsteigen handgeschriebene Hinweise auf Ukrainisch für diejenigen, die bleiben wollen. Im unteren Geschoss werden sie mit Essen und Trinken versorgt, mit vom Senat gecharterten Bussen in Unterkünfte gebracht. Kamen an Dienstag 350 Menschen an, so waren es am Mittwoch bereits 1400, die durch das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten untergebracht werden müssen.
Auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung aus Syrien im Jahr 2015 kamen täglich rund 1000 Menschen in der Hauptstadt an. Manche der überwiegend deutschen Helfer waren schon vor sieben Jahren dabei. Heute tragen sie neben den knallgelben Warnwesten Namensschilder oder Hinweise auf ihre Sprachkenntnisse; zusätzlich blau-gelbe Schals oder eine kleine ukrainische Flagge um die Hüfte gebunden.
Lesen Sie hier mehr zur Lage an der polnisch-ukrainischen Grenze