G20-Treffen in Venedig
Finanzminister beraten vor historischer Kulisse
Es war der Moment, auf den alle Hoteliers und Gastwirte in Venedig sehnlichst gewartet hatten: Am vergangenen Samstag, um 10.58 Uhr, landete eine Maschine der Delta Airlines mit 214 Passagieren an Bord auf dem Flughafen Venezia Marco Polo. Gestartet war der Jet neun Stunden zuvor in New York: Es war der erste Direktflug aus den USA nach Venedig seit dem Ausbruch der Pandemie im Frühling 2020. „Die Wiederaufnahme der direkten Verbindungen ist ein wichtiges Zeichen“, betonte der regionale Tourismusminister Federico Caner. Und erinnerte daran, „dass wir eine sehr harte Zeit hinter uns haben, die ihre Spuren hinterlassen hat.“
In Venedig angekommen sind inzwischen auch die Finanzminister und die Notenbankchefs der G20 mit ihren Delegationen. Die Mächtigen der internationalen Geld- und Budgetpolitik logieren in sieben Luxus-Hotels in der Lagunenstadt, die meisten davon am Canal Grande gelegen: eine großartige Kulisse in einer zumindest unter der Woche immer noch halb leeren Stadt. Deren Tourismusbranche hängt zu 80 Prozent von ausländischen Gästen ab und wurde zunächst vom verheerenden Hochwasser im November 2019 und kurz darauf von der Pandemie schwer getroffen. Viele Hotels sind erst seit Juni wieder offen.
Historischer Tagungsort
Tagungsort des Gipfeltreffens ist das Arsenale, einst Schiffswerft und Flottenbasis der Seerepublik Venedig. Im Krieg gegen die Türken waren hier im Jahr 1570 innerhalb von zwei Wochen 100 Galeeren gebaut worden; bis zu 30.000 Menschen arbeiteten auf dem damals über 50 Hektar großen Areal im historischen Zentrum der Stadt. Für die Dauer des Gipfels wurde der Stadtteil von den Behörden zur roten Zone erklärt, rund 1500 Sicherheitskräfte beschützen die Delegationen. Ansonsten sollen die Touristen wenig von dem Spitzentreffen merken: „Wir haben die Beschränkungen auf das absolute Minimum reduziert – der Gipfel soll in einer freundlichen und offenen Atmosphäre stattfinden“, erklärte der Polizeichef der Stadt, Vittorio Zappalorto.
Nichts wäre jetzt, wo die Tourismusbranche endlich wieder Hoffnung schöpft, unpassender als eine militarisierte Stadt. Die Regierung von Mario Draghi hat das Arsenale hauptsächlich aus polizeistrategischen Gründen auserkoren: Dank der dicken Festungsmauern und der Kanäle rundum lässt sich der Tagungsort relativ leicht und undramatisch abriegeln.
Pandemie, Klimawandel, Tourismus
Venedig steht auch symbolisch für fast alle Probleme, die auf der Tagesordnung des G20-Gipfels stehen. Zwar wird auch bei diesem Treffen die Einführung einer Mindeststeuer für global tätige Unternehmen sowie eine Digitalsteuer für Internet-Riesen wie Google, Facebook, Apple und Amazon die Diskussionen beherrschen. Aber daneben geht es auch um den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Pandemie, um nachhaltigen Tourismus, um den grünen Umbau der Wirtschaft und damit um den Klimaschutz.
Pandemie, Klimawandel, Massentourismus: Venedig ist von all diesen globalen Herausforderungen betroffen, zum Teil ohne eigenes Zutun, zum Teil als Folge von hausgemachten politischen Fehlern. Zwar ist die unmittelbare Gefahr eines verheerenden „Acqua alta“, eines Hochwassers wie jenes vom November 2019, dank des neuen, milliardenteuren Hochwasserschutzsystems an den drei Eingängen zur Lagune fürs Erste weitgehend gebannt. Experten warnen aber schon heute davor, dass es durch das weitere Ansteigen des Meeresspiegels und immer stärker werdende Stürme und Sturmfluten in absehbarer Zeit an seine Belastungsgrenze kommen könnte.
30 Millionen Gäste binnen eines Jahres
Das Maß des Erträglichen überschritten hat die Flut der Touristen, zumindest war es so vor der Pandemie: 2019 hatten über 30 Millionen Gäste die 50.000-Einwohnerstadt überrannt. Wegen der negativen Auswirkungen des Massentourismus könnte Venedig bereits in der zweiten Hälfte des Juli auf der „Roten Liste“ der Unesco landen und damit mittelfristig den Status als Weltkulturerbe verlieren, den die Stadt seit 1987 besitzt. Die UN-Fachleute kritisieren den Schwund der einheimischen Bevölkerung, der zu einem „erheblichen Verlust an historischer Authentizität“ geführt habe. Ein besonderer Dorn im Auge sind der Unesco die gigantischen Kreuzfahrtschiffe, die in die Lagune fahren und sich dabei bis auf wenige Dutzend Meter dem Dogenpalast und der Piazza San Marco nähern. Gegen die Cruiseliner wehrt sich seit Jahren vergeblich die Bürgerbewegung „No Grandi Navi“, die auch während des G20-Gipfels Protestaktionen plant.
Chance für Urlaubsindustrie
Dass diesbezüglich endlich eine Lösung gefunden werden müsse, weiß man auch in Rom: „Würde Venedig auf die Rote Liste der Unesco gesetzt, wäre dies eine sehr ernste Sache für unser Land“, sagte Kulturminister Dario Franceschini nach dem Erscheinen des jüngsten Rapports der Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Geändert hat das nichts: Kaum war die Region Venetien im Juni im italienischen Corona-Ampelsystem zur weißen Zone erklärt worden, fuhr das erste Riesenschiff vor die Piazza San Marco.
Nach den dramatischen Umsatzeinbußen während der Pandemie ist es im Moment womöglich der falsche Zeitpunkt, um über eine Verbannung der Kreuzfahrtschiffe zu reden – zumindest aus der Sicht von Venedigs Tourismusbranche: Sie ist um jeden Gast froh, der die Stadt besucht, egal ob mit dem Flugzeug, dem Auto oder einem Kreuzfahrtschiff. Trotz der „grünen“ Tagesordnung wird deshalb der G-20-Gipfel in Venedig eher als Chance für die Urlaubsindustrie gesehen: „Das Treffen kann zur Wiedergeburt Venedigs beitragen“, betont der Hotelier Nicola Zane stellvertretend für die meisten seiner Kollegen.