Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Fake News: Vorsicht, Falle!

AbgestempeltDas Schlagwort Fake News ist zum Etikett ohne Wert geworden: Es wird zu häufig für die unterschiedlichsten Dinge ver
AbgestempeltDas Schlagwort Fake News ist zum Etikett ohne Wert geworden: Es wird zu häufig für die unterschiedlichsten Dinge verwendet.

Überall nur Fake News? Das Mantra von der gefährlichen Manipulation im Netz ist selbst gefährlich, sagen Forscher. Warum Desinformation so wenig greifbar ist.

Fake News. Der Begriff ist in aller Munde, ständig wird geredet von der Meinungsmanipulation im Netz. Ihre Gefahr für die Demokratie wird oft beschworen, messen lässt sich ihr Einfluss allerdings kaum. Und die ständigen Warnungen könnten, glaubt man neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, übertrieben sein. Droht uns also wirklich die Infodemie? Eine Annäherung in fünf Thesen.

Etikett ohne Wert

Den endgültigen Beweis, dass der Begriff Fake News jegliche Trennschärfe verloren hat, lieferte ausgerechnet das Bundesgesundheitsministerium. „Achtung Fake News!“, twitterte es am 14. März. Es würde behauptet, dass die Bundesregierung bald massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen könnte. „Das stimmt NICHT! (sic). Bitte helfen Sie mit, die Verbreitung zu stoppen“, so der alarmistische Tweet des ministerialen Social-Media-Teams. Nur zwei Tage später schlossen Museen, Clubs und Kinos, weitere Maßnahmen folgten Schlag auf Schlag. Die Episode illustriert: Das Schlagwort Fake News ist zu einer politischen Worthülse geworden, die vor allem der eigenen Deutungshoheit dient.

Für viele Wissenschaftler ist der Begriff deshalb sogar auf der Abschussliste gelandet. „Jeder versteht etwas anderes darunter“, sagt die Medienforscherin Jana Laura Egelhofer von der Universität Wien. Manchmal gehe es wirklich um Desinformation, wie sie besonders von gefälschten Nachrichtenseiten verbreitet würde. Dann wiederum nutzten politische Akteure das Etikett zur pauschalen Abwertung von Journalisten und ihrer Arbeit – als Pionier gilt dabei Donald Trump. Und nicht zuletzt diene es mittlerweile häufig dazu, beliebige Dinge schlicht als falsch abzustempeln – und zwar unabhängig davon, ob überhaupt eine Täuschungsabsicht dahintersteckt. Egelhofer rät deshalb dazu, den Begriff zu vermeiden. Andernfalls spiele man vielleicht sogar Populisten in die Hände. „Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass die ständige Präsenz des Begriffs zu einem geringeren Vertrauen in die Medien führt.“

Überschätzter Einfluss

Am 14. April veröffentlicht die New York Times ein langes Stück mit dem Titel „Putin’s Long War Against American Science“. Der Autor stellt darin eine ominöse russische Nachrichtenseite vor, die offenbar falsche Informationen über das Coronavirus verbreite. Vieles deute auf Verbindungen der Betreiber zu Nachrichtendiensten, mächtigen Oligarchen und dem Kreml hin. Das klang so brisant, dass sogar der ehemalige US-Präsident Barack Obama den Text teilt.

Wie eine Recherche des britischen Investigativnetzwerks Bellingcat zeigt, steckt hinter der Webseite aber kein Fake-News-Influencer aus Moskau, sondern ein schwedischer Blogger namens Karl. Und als der Text in der New York Times erschien, hatten gerade einmal drei Nutzer auf den irreführenden Tweet über das Coronavirus reagiert – das reichte aus, um in der renommiertesten Zeitung der Welt als mysteriöse russische Fake-News-Fabrik erwähnt zu werden.

Die Episode verweist auf ein größeres Problem im Umgang mit Desinformation: Ihr Einfluss wird gerne überschätzt. Zwar gibt es nachweislich immer wieder Versuche, gezielt Desinformation im Netz zu verbreiten – auch von ausländischen Regierungen. Vieles davon verpufft jedoch einfach oder wird von den Plattformbetreibern erkannt.

Beispiel USA: Die Wahl Donald Trumps gilt als Geburtsstunde des Fake-News-Hypes und der Angst vor Desinformation aus Russland. Forscher der Duke University haben sich die russische Kampagne jetzt einmal genauer angeschaut, konnten aber keinen Einfluss auf das Wahlverhalten feststellen. Eine andere Studie zur US-Wahl zeigt, dass nur ein Prozent der Nutzer für 80 Prozent der Aufrufe von Desinformationsmeldungen verantwortlich waren und gleichzeitig 80 Prozent der Retweets von nur 0,1 Prozent der Nutzer stammten. Das heißt: Die Reichweite von Falschinformationen ist oft sehr begrenzt.

Faktencheck mit Tücken

Es grenzt fast an Ironie: Studien legen nahe, dass ein Großteil der Menschen erst mit Desinformation in Kontakt kommt, wenn klassische Medien darüber berichten – etwa in Form von Faktenchecks. Auf den Faktenfindern lastet eine große Verantwortung. Sie sollen Falschmeldungen aus den Untiefen des Internets keine unnötige Plattform bieten, sollen problematische Meinungsäußerungen nicht als falsche Fakten abtun, sollen die Flüchtigkeit absoluter Wahrheiten jederzeit mitdenken. Das gelingt selbstverständlich nicht immer – denn eine reine Wahrheit gibt es nicht. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schwierig es sein kann, über wahr und falsch zu entscheiden, wenn es um laufende wissenschaftliche Forschung geht.

Trotzdem sind öffentliche Faktenchecks nicht sinnlos. Obwohl man in diesem Zusammenhang immer wieder vom sogenannten Backfire-Effekt lesen konnte – jenem Phänomen also, dass neue Fakten, die den eigenen politischen Ansichten widersprechen, diese paradoxerweise noch verfestigen können. Mittlerweile geht die Forschung aber davon aus, dass dies nur bei Menschen mit außergewöhnlich starker Überzeugung der Fall ist. Die meisten seien dagegen für neue Perspektiven empfänglich.

Aufgeblähter Blödsinn

Nein, auch wenn Xavier Naidoo und Attila Hildmann es zuletzt in die Schlagzeilen schafften: Wir leben nicht im Zeitalter der Verschwörungsmythen. Denn den Glauben an mächtige Verschwörungen hat es schon immer gegeben. Und er war schon immer mehr als nur ein Nischenphänomen, sagt die an der Universität Mainz forschende Psychologin Pia Lamberty, Co-Autorin des Buchs „Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“: „Es ist etwas, das sich durch die gesamte Gesellschaft zieht.“ Die Berichterstattung über Aluhut-Träger und andere Verschwörungsgläubige gleicht aber dennoch einem Spagat. Gerade während der Corona-Krise neigten Medien dazu, Kleinstgruppen wie den gegen Corona-Maßnahmen gegründeten „Widerstand 2020“ in beinahe absurder Weise mehr Platz einzuräumen, als ihn eine Handvoll Menschen normalerweise erhalten hätte, findet Lamberty.

Gar nicht zu berichten, hielte sie aber auch für verkehrt. Es müsse nur viel Kontext geliefert werden. „Man wird Verschwörungsgläubige mit Faktenchecks nicht zurückholen“, meint Lamberty. „Aber man kann die Mehrheitsgesellschaft damit stärken und Menschen für diese Form der Desinformation sensibilisieren.“

Mythos Bot-Armeen

Es gibt wohl keine gesellschaftliche Debatte, bei der sogenannte Social Bots nicht ihre Finger im Spiel gehabt haben sollen. Glaubt man den Schlagzeilen, haben die unheimlichen Social-Media-Roboter die Diskussionen über US-Wahl oder Brexit im Netz dominiert. „Ein Viertel aller Tweets zum Klimawandel stammen von Bots“, titelte etwa im Februar der englische „Guardian“. Gemeint sind damit Computerprogramme, die im Netz eine menschliche Identität vortäuschen und so den Eindruck erwecken, dass eine bestimmte Meinung von vielen Personen vertreten wird. Vor allem bei Twitter sollen solche Bots ihr Unwesen treiben.

Der Aussagewert der Studien, die Bot-Armeen beschrieben haben, wird jedoch mittlerweile von einem großen Teil der Forschungsgemeinschaft bestritten. Denn sie stützten sich meist auf ein einziges Analyse-Werkzeug: „Botometer“. Das jedoch ist laut neuen Untersuchungen extrem anfällig für falsche Ergebnisse. Konkret heißt das: Eine riesige Anzahl der angeblichen Bots in solchen Studien sind ganz normale Menschen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es gibt Fake-Accounts. Es gibt auch ganz normale Accounts, die teilweise mit Automatisierung arbeiten – beispielsweise Tweets über den Tag hinweg vorplanen. Und es gibt auch wirkliche Bots, die beispielsweise automatisch alle Tweets mit einem bestimmten Schlagwort teilen.

Nur: All das ist nicht mit den immer wieder beschworenen „Social Bots“ gemeint. Diese sollen nämlich so clever sein, dass menschliche Nutzer ihr digitales Gegenüber nicht als Maschine erkennen könnten. Diese Annahme überschätzt den Stand der Technik aber völlig, sagen Experten. Wer schon mal versucht hat, auf einer Behörden-Webseite mithilfe eines Service-Chatbots ein Problem zu lösen oder an Sprachrobotern wie Googles Alexa verzweifelt ist, wird das nachvollziehen können.

Was bleibt also nach dieser Bestandsaufnahme? Vor allem das: Notorische Verweise auf Fake-News-Pandemien oder Bot-Armeen bieten zu simple Erklärungen von komplexen gesellschaftlichen Problemen. Der Datenexperte und Twitter-Analyst Luca Hammer formuliert das so: „Man muss sich schlicht eingestehen, dass es tatsächlich eine Menge Leute gibt, die extreme oder menschenverachtende Positionen vertreten, ohne deshalb gleich Teil einer gesteuerten Propagandakampagne zu sein. Diese Einsicht ist für eine demokratische Gesellschaft aber natürlich schmerzhafter, als wenn man einfach sagt, dass zwei Personen 100.000 Bots erstellt und dann auf uns losgelassen haben.“

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