Waffenlieferungen RHEINPFALZ Plus Artikel Ex-Tornado-Pilot: Ukraine wäre mit westlichen Kampfjets überfordert

Seit 1981 bei der Bundeswehr im Dienst: der Tornado.
Seit 1981 bei der Bundeswehr im Dienst: der Tornado.

Kaum kündigt der Westen an, Kampfpanzer zur Abwehr der russischen Angreifer zu liefern, möchte die Ukraine von den Verbündeten auch Kampfflugzeuge bekommen. Ein ehemaliger Tornado-Pilot erklärt, wie dieses Waffensystem funktioniert und warum er dagegen ist, den Wunsch zu erfüllen.

Nach der Waffendebatte ist vor der Waffendebatte: Erst in dieser Woche haben nach langer Diskussion die westlichen Verbündeten beschlossen, die Ukraine mit Kampfpanzern zu unterstützen. So will etwa die Bundesregierung 14 Leopard-2-Panzer in das von Russland angegriffene Land schicken, die USA haben Abrams-Panzer angekündigt. Doch nach der Freude über die Waffenhilfe bat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj direkt um Kampfflugzeuge. Vize-Außenminister Andrij Melnyk, bis vor ein paar Monaten Botschafter in Deutschland, hat schon konkrete Vorstellungen: Bei Twitter schrieb er, die Ukraine brauche dringend westliche Kampfjets wie die US-amerikanischen F-16 und F-35 sowie Eurofighter und Tornados. Letztere beiden Typen werden auch von der deutschen Luftwaffe genutzt.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat indes die Lieferung von Kampfflugzeugen klar ausgeschlossen. Auch die FDP-Verteidigungspolitikern Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die sich vehement für die Panzerlieferungen eingesetzt hat, ist hier bisher auf der Linie des Kanzlers.

Die polnische Regierung sieht Kampfjet-Lieferungen positiv

Bei manchen Nato-Partnern ist die Tonlage allerdings eine andere. Die polnische Regierung würde es nach eigenen Angaben unterstützen, sollte die Nato Jets liefern wollen. Von der US-Regierung sind ausweichende Äußerungen zu hören. So sagte Jon Finer, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, am Donnerstag (Ortszeit) im US-Fernsehsender MSNBC, man habe kein bestimmtes Waffensystem ausgeschlossen.

Doch wären die Ukrainer überhaupt in der Lage, westliche Jets sinnvoll einzusetzen? Die Hürden wären jedenfalls enorm, wie Tobias Mayer schildert. Mayer flog 14 Jahre für die Luftwaffe den Tornado-Kampfjet. Mayer heißt eigentlich anders, aber da er gelegentlich als Reservist im Einsatz ist, möchte er nicht namentlich genannt werden.

Der Ex-Tornado-Pilot sagt, es sei sehr sinnvoll, die Ukraine mit westlichem Militärmaterial zu unterstützen, aber Kampfjets seien ein überaus komplexes System. „Ich sage bewusst System, weil ein Kampfjet nicht alleine mal eben durch die Gegend fliegt.“ Da stecke enorm viel an Logistik, an Wartung und anderen Unterstützungsleistungen dahinter. „Die Ukraine wäre mit westlichen Kampfjets überfordert“, ist er überzeugt.

„Die Pilotenausbildung ist das kleinste Problem“

Sollte es zu der Lieferung kommen, müssten die ukrainischen Piloten, die bisher mit Flugzeugen sowjetischer Herkunft unterwegs waren, auf den westlichen Modellen ausgebildet werden. Nach Mayers Einschätzung brauche es etwa 20 bis 40 Flüge, bis Piloten ein neues Flugzeug einsetzen könnten. Das bedeute aber nicht, dass die Ukrainer dann schon für hochgefährliche Missionen gerüstet seien, sagt der Ex-Soldat mit Blick auf seine eigene Zeit im Cockpit: „Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich den Tornado beherrscht habe. Bis dahin habe ich nur getan, was der Tornado wollte. Nach über einem Jahr hat endlich mal der Tornado das getan, was ich wollte.“

Mayer hatte das Glück, in Friedenszeiten ausgebildet zu werden; für die Ukrainer wäre das anders . Sie stehen im Krieg gegen einen starken Gegner. „Ich habe heute noch einen Heidenrespekt vor der russischen Flugabwehr. Das können die Russen sehr gut“, meint Mayer. Der Einsatzraum wäre nahe der russischen Grenze und damit in Reichweite der russischen Systeme. In die russische Flugabwehr reinzufliegen, sei hochkomplex und hochgefährlich, das könnten ukrainische Piloten nicht nach 20 bis 40 Flügen auf westlichen Maschinen, ist sich der Reservist sicher. Und dennoch: „Die Pilotenausbildung ist das kleinste Problem.“

„Wie auf der Autobahn bei Tempo 280“

Mayer verdeutlicht das an einem Beispiel aus dem Flugbetrieb in Afghanistan. Damals habe die Luftwaffe sechs Tornados vor Ort gehabt, mit denen sie zweimal täglich geflogen ist. Um dies zu ermöglichen, seien mindestens 200 Leute vor Ort gewesen – um die Flugzeuge zu warten, zu reparieren, Flugbilder zu erstellen und mit Waffen zu bestücken. „Jeder dieser mehr als 200 Soldaten ist jahrelang ausgebildet worden, ist ein absoluter Spezialist, in dem was er tut.“ Es sei nicht möglich, einen Ukrainer zwei Wochen lang auszubilden, damit dieser danach das Triebwerk eines Tornados reparieren könne. „Ich weiß nicht, was die Ukrainer verleitet, solche hochkomplexen Systeme zu fordern.“

Ein Kampfjet müsse nach jedem Flug gewartet werden. In Friedenszeiten werde dies zwar intensiver gemacht als im Kriegseinsatz, aber auch da bleibt es nicht ganz aus. „So ein Kampfflugzeug wird jeden Tag am Limit geflogen“, sagt Mayer, „das ist, wie wenn ich jeden Tag mit meinem privaten Auto zwei Stunden auf der Autobahn mit Tempo 280 fahre. Wenn ich das Auto abgestellt habe, muss ich mich schon ein bisschen darum kümmern.“ Ein Kampflugzeug sei nicht gebaut wie ein Airbus oder eine Boeing, die Hunderte von Stunden geradeaus flögen, niemals mit überhöhter Geschwindigkeit, niemals Ziele anvisierten oder beschossen würden. „Die fliegen ganz sachte. Ich fliege mit einem Kampfflugzeug niemals sachte“, betont Mayer.

Es ist ein großer Unterschied, ob man der Ukraine Kampfjets oder Kampfpanzer zur Verfügung stellt. „Der Panzer ist dafür gebaut worden, auch im Feld gewartet zu werden“, erklärt Mayer. Da gebe es Feldwartungstrupps für die mobile Instandsetzung unterwegs. Das geht bei Flugzeugen logischerweise nicht. Diese brauchen eine feste Infrastruktur.

„Die Russen schießen die Dinger am ersten Tag kaputt“

Der Ex-Tornado-Pilot schätzt, dass etwa 15 Flugplätze in der Ukraine Kampfflugzeuge beherbergen könnten. Das wüssten die Russen aber auch. Die würden auch mitkriegen, wo die Jets starteten und landeten, wo das große Logistik-Team sei. „Die Russen haben Marschflugkörper, die schießen die Dinger am ersten Tag kaputt. Fertig. Aus.“ Leopard-2-Panzer sind demgegenüber schwerer aufzuklären, weil diese ständig ihre Position wechseln können.

Sollte die Debatte über Kampfjets weitergehen, wird sie sich – wie schon bei den Kampfpanzern – auch um die Anzahl drehen. Denn um echte Wirkung zu erzielen, reichen ein paar Jets nicht aus. „Wenn wir große Missionen in einem Kalter-Krieg-Szenario unter Nato-Standard trainiert haben, sind wir mit 80 Flugzeugen gleichzeitig in die Luft gegangen“, berichtet Mayer aus seiner aktiven Zeit. So müssen Kampfbomber von Abfangjägern begleitet werden, damit sie nicht einfach von feindlichen Abfangjägern abgeschossen werden. Es braucht nach Möglichkeit auch Aufklärer und Flugzeuge, die die gegnerische Flugabwehr niederhalten.

Auch Sicht der Bundeswehr wäre es zudem sehr schwierig, Jets abzugeben. Von den Tornados hat die Luftwaffe um die 80 im Bestand, viele sind aber nicht einsatzfähig. Dieses Mehrzweckkampfflugzeug, das 1981 bei den deutschen Streitkräften eingeführt wurde, hätte eigentlich schon außer Dienst gestellt werden sollen. Aber erst nach dem russischen Angriff fiel im März vergangenen Jahres die Entscheidung, moderne F-35 als Nachfolger zu kaufen. Bis 2030 sollen es die Tornados noch machen – ein Flugzeug, für das es manche Ersatzteile gar nicht mehr gibt. Die Luftwaffe selbst räumt ein, dass größere Inspektionen bis zu anderthalb Jahren dauerten. Ob der Ukraine mit einem solch wartungsintensiven Flugzeug geholfen wäre, ist auch deshalb fraglich.

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