Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ex-Generalvikar Sturm blickt zurück: Raus aus dem goldenen Käfig

Die St.-Thomas-Kirche in Singen: die neue Heimat von Andreas Sturm.
Die St.-Thomas-Kirche in Singen: die neue Heimat von Andreas Sturm.

Andreas Sturm trat vor einem Jahr aus der römisch-katholischen Kirche aus. Inzwischen lebt er als Pfarrer einer alt-katholischen Gemeinde in Singen. Wie steht er heute zu seiner damaligen Entscheidung?

An einer viel befahrenen Straße in Singen im Süden Baden-Württembergs hat Andreas Sturm sein neues Domizil gefunden. Im Pfarrhaus neben der 1864 erbauten St.-Thomas-Kirche lebt der gebürtige Frankenthaler seit Sommer vergangenen Jahres. Das kleine Büro im Erdgeschoss des alten Hauses mit den niedrigen Decken ist mit Schreibtisch, Stuhl und einem Schrank mehr als ausgefüllt. Kein Vergleich zu dem großen hellen Raum, in dem Andreas Sturm noch im Frühjahr vergangenen Jahres im Speyerer Ordinariat seine Arbeit verrichtete. Und während ihn dabei dort eine persönliche Sekretärin und mehrere Mitarbeiter unterstützten, erhält er nun als alt-katholischer Pfarrer nur einmal in der Woche für zwei Stunden bei der Büroarbeit Hilfe von einer Mitarbeiterin. Ansonsten ist er quasi Mädchen für alles – Kirchenglocken läuten, den Gemeinderaum für Sitzungen herrichten oder den Rasen hinter der Kirche und dem Pfarrhaus mähen. „Das ist sogar im Mietvertrag festgelegt“, merkt Sturm an.

Seine Entscheidung, der römisch-katholischen Kirche den Rücken zu kehren, war kein spontaner Entschluss. Es sei ein Prozess gewesen, sagt der Theologe. Es war der Missbrauchsskandal in der Kirche, der ihn aufrüttelte. „Ich habe mich selbst lange damit getröstet, dass dies nur Einzeltäter seien“, gesteht er. Doch mit jeder Studie wurde das dramatische Ausmaß deutlicher. „Und ich habe begonnen, vieles infrage zu stellen.“ Die zölibatäre Lebensform, in der er nicht glücklich und erfüllt leben konnte; die Diskriminierung von Frauen durch den Ausschluss von kirchlichen Ämtern, das Machtgefüge von Bischöfen und Priestern.

Unsicherheit und innere Kämpfe

Als im März vergangenen Jahres aus Rom die Anweisung kam, dass katholische Priester keine homosexuellen Paare segnen dürfen, schrieb sich der damalige Generalvikar seinen Ärger von Seele: Er habe Wohnungen, Autos und Fahrstühle gesegnet, aber zwei Menschen, die sich lieben, da solle er den Segen verweigern? „Das kann nicht Gottes Wille sein.“ Den Text veröffentlichte er im sozialen Netzwerk Facebook und erhielt Hunderte Reaktionen, Dutzende Interview-Anfragen. Und in ihm wuchs der Zweifel, dass seine Kirche sich noch ändern kann.

Seine Unsicherheit, inneren Kämpfe und Anfragen hat Andreas Sturm in einem Buch zusammengefasst – das den Titelzusatz trägt „...weil ich Mensch bleiben will“. Zu dieser Aussage steht der 48-Jährige noch heute – sein Buch ist ein Bestseller. Zwar habe ihm der Speyerer Bischof freie Hand gegeben, aber als Generalvikar habe er trotzdem in vielem nach außen die Lehrmeinung der Kirche vertreten müssen. „Ich hätte mich in dieser Kirche immer mehr verbiegen müssen“, sagt Sturm. Er zog die Konsequenzen, einschließlich finanzieller Einbußen, denn er ist kein Kirchenbeamter mehr und die Bezahlung bei den Alt-Katholiken geringer. „Aber ich musste raus aus dem goldenen Käfig“, betont der Theologe. In der alt-katholischen Kirche erlebe er eine Kirche der Freiheit. Er habe den Eindruck, dass er sagen könne, was er denke und fühle.

Bodensee-Region lange schon vertraut

Der Pfälzer ist derzeit Pfarrer im Auftrag. Heißt, der alt-katholische Bischof Matthias Ring hat ihn in die Gemeinde im Landkreis Konstanz geschickt, die schon einige Zeit vakant war. Für Sturm eine gute Entscheidung, denn die Region ist ihm seit Jahrzehnten vertraut. Schon als Kind habe er mit seinen Eltern Urlaub am Bodensee gemacht. Irgendwie sei für alle in der Familie diese Region „ein Sehnsuchtsort“. „Sie kommen alle sehr gerne hierher.“

In vier Jahren – bis dahin sollte Sturm seinen Master in alt-katholischer und ökumenischer Theologie in der Tasche haben – kann sich der Theologe auf die Pfarrstelle, die dann ausgeschrieben wird, regulär bewerben. Aber auch andere können dies tun. „Die Gemeindemitglieder wählen dann ihren Pfarrer oder ihre Pfarrerin“, erklärt Sturm. Bis dahin muss er während des Semesters etwa einmal im Monat an der Bonner Universität in die Rolle des Studenten schlüpfen. Etwa 15 Studierende sind an dem alt-katholischen Seminar mit einem Lehrstuhl in Bonn eingeschrieben. Die alt-katholische Kirche in Deutschland umfasst eine Diözese mit 60 Gemeinden und etwa 17.000 Mitgliedern.

Gläubige wohnen weit zerstreut

Während er als Generalvikar und damit Stellvertreter des Speyerer Bischofs Karl-Heinz Wiesemann einst über Macht verfügte, bestimmt nun ein Kirchenvorstand über die finanziellen und seelsorgerischen Belange der Gemeinde. „Das ist schon eine Umstellung gewesen“, gibt Sturm zu.

340 Mitglieder umfasse seine Gemeinde Singen und Sauldorf, erzählt der 48-Jährige, während er einen engen Flur entlang geht und die Sakristei betritt. Diese verbindet das Pfarrhaus mit der Kirche. In dem Gotteshaus, das die Alt-Katholiken 1917 den Lutheranern abkauften, finden sich sonntags zwischen 35 und 45 Gläubige ein. Andreas Sturm setzt sich in eine der alten Kirchenbänke. Die Gläubigen wohnten weit verstreut, fährt er fort. „Manche müssen mehr als eine Stunde fahren, um am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen.“ Aufgrund der Entfernung ist auch ein Gemeindeleben mit Treffen von beispielsweise Frauengemeinschaft und Verbänden, Proben von Kirchenchor oder Kinder- und Jugendarbeit nicht möglich.

Weggefährten verloren

Ein ganz wesentlicher Punkt der Gemeindearbeit ist das Kirchencafé im Anschluss an den Gottesdienst. „Hier ergeben sich viele Gespräche mit Mitgliedern, aber auch mit Interessierten, die einfach mal vorbeikommen und schauen wollen“, erklärt Sturm. In seinem Alltag sind die Hausbesuche bei alten, kranken Mitgliedern und Familien ein fester Bestandteil – mit Fahrzeiten von zwei bis drei Stunden. „Ich habe heute viel Zeit für Seelsorge“, meint er zufrieden. In Singen ist er bei der ökumenischen Krankenhausseelsorge in der Rufbereitschaft eingetragen, begleitet bei Anfrage Sterbende und betreut Angehörige.

Viel Zeit in Anspruch nehmen derzeit die Telefonate, die Sturm mit Menschen seiner früheren Kirche führt. Da melden sich Priester, die in einer Beziehung leben und selbst über einen Austritt nachdenken. Da rufen Gläubige an, die sich in ihrer Kirche nicht mehr beheimatet fühlen und einfach reden wollen.

Beziehungen zu Weggefährten liegen auf Eis

Die alt-katholische Kirche bietet vieles, was in der römisch-katholischen Kirche gefordert wird: Pfarrer können heiraten, Frauen sind Priesterinnen, homosexuelle Paare werden gesegnet, und die Laien treffen Entscheidungen mit. Doch warum wächst die alt-katholische Kirche nicht stärker? Die Kirche werde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, stellt Sturm fest. Einen Grund sieht er darin, dass die Alt-Katholiken befürchteten, in den Ruf zu geraten, Gläubige anderer Konfession abzuwerben. „Aber ich kann denen, die in ihrer Kirche nicht mehr glücklich sind, ein Angebot machen“, erklärt der Pfälzer seine Haltung. Trotzdem gibt es keinen Run. Er glaube, so Sturm, dass für viele Katholiken das Gemeindeleben wichtig sei – die Frauengemeinschaft, der Kirchenchor, Kolping. „Diese Beheimatung aufzugeben, fällt schwer.“

Mit seinem Austritt aus seiner Kirche vor einem Jahr hat er manchen Freund oder Bekannten vor den Kopf gestoßen. So manche Beziehung zu Weggefährten, die sich von ihm im Stich gelassen fühlten, liege auf Eis, beschreibt es der Pfarrer. „Ich hoffe, dass die Zeit die ein oder andere Wunde heilt.“ Ab und an kommt Andreas Sturm in die Pfalz, besucht Familie und Freunde. Um Speyer, seine frühere Wirkungsstätte, hat er bislang einen Bogen gemacht. „Es ist für mich auch ein emotionaler Schritt gewesen, da brauche ich noch Zeit und Abstand.“ Aber bereut habe er seinen Schritt noch nie, versichert er.

Stichwort

Die alt-katholische Kirche hat sich aus Protest gegen Beschlüsse des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) von der römisch-katholischen Kirche abgespalten. Vor allem die päpstliche Unfehlbarkeit und die oberste Leitungsgewalt des Papstes wurden kritisiert. Zusammengeschlossen sind die alt-katholischen Kirchen in der 1889 gegründeten Utrechter Union. Aktuell gehören diesem Bündnis nationale Kirchen aus West- und Mitteleuropa mit etwa 60.000 Mitgliedern an. In Deutschland gibt es rund 17.000 Alt-Katholiken, verteilt auf rund 60 Gemeinden. Für sie zuständig ist das „Katholische Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland“ mit Sitz in Bonn. Die Alt-Katholiken sind quasi die demokratische Version einer katholischen Kirche. Ihre Pfarrer dürfen heiraten, Frauen die Priesterweihe erhalten und Laien bestimmen mit.

Das Interview mit Andreas Sturm hören Sie hier:

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