Afrika RHEINPFALZ Plus Artikel Erdöl fördern oder Regenwald schützen?

Einer der letzten noch lebenden Berggorillas in seinem Versteck. Die kongolesische Regierung behauptet: „Wir sorgen uns eben meh
Einer der letzten noch lebenden Berggorillas in seinem Versteck. Die kongolesische Regierung behauptet: »Wir sorgen uns eben mehr um die Menschen als um Tiere.«

Die Regierung in Kinshasa will die fossilen Bodenschätze des Kongobeckens ausbeuten. Allerdings sind diese Gebiete von unschätzbarem Wert für den Natur- und Klimaschutz. Die Frage ist auch, ob die Bevölkerung vom neuen Reichtum etwas abbekäme – oder ob Korruption und Gewalt weiter zunehmen würden.

Zumindest rückt Tosi Mpanu Mpanu mit der Wahrheit recht unverblümt heraus. „Unsere Priorität ist nicht, die Welt zu retten“, erklärt der Klimabeauftragte der Regierung der Demokratischen Republik Kongo. „Für uns ist das Wirtschaftswachstum wichtiger.“ Der Berater des kongolesischen Ministers für Kohlenwasserstoffe unterstützt deshalb vorbehaltlos seinen Auftraggeber, der die sagenhaften Erdöl- und Erdgasvorkommen des Riesenstaats im Zentrum Afrikas ausbeuten will – selbst wenn diese unter dem zweitgrößten Regenwald der Welt liegen. Dort, wo die vom Aussterben bedrohten Berggorillas leben und wo sich einer der größten Klimagasspeicher der Erde verbirgt.

In der bis zu acht Meter dicken Torfschicht des Kongobeckens nämlich sollen rund 30 Milliarden Tonnen Kohlendioxid gebunden sein. Diese CO2-Menge entspricht in etwa jener, die sämtliche Fahrzeuge, Heizungen und Industrieanlagen der Welt innerhalb von drei Jahren in die Atmosphäre blasen.

Regelmäßig auftretende Lecks

Trotz eines weltweiten Aufschreis schrieb die Regierung in Kongos Hauptstadt Kinshasa Ende Juli insgesamt 30 Blöcke für die Erdöl- und Erdgasgewinnung aus. Auf einem Gebiet, das elf Millionen der 160 Millionen Hektar des Regenwalds sowie eine Million Hektar Torfland abdeckt. Dort sollen rund 16 Milliarden Fass Rohöl im Boden schlummern, die derzeit gut 650 Milliarden Euro wert sind – dies entspricht dem Zwölffachen des jährlichen Bruttoinlandsprodukts des Kongo.

„Können Sie sich vorstellen, was dieses Erdöl für uns tun kann?“, fragt Mpanu Mpanus Chef, Minister Didier Budimbu. „Es wird unserer Entwicklung einen einzigartigen Schub verschaffen.“

Mineralöl-Multis haben bis Februar Zeit, ihre Angebote einzubringen. Immerhin drei – Total, Eni und Shell – winkten bereits ab: Ihnen ist die Erdölgewinnung dort zu heikel. Auch wenn Kongos Regierung verspricht, dass bei der Förderung des fossilen Rohstoffs alles nach modernsten umweltverträglichen Maßstäben zugehen wird, müssen doch Straßen in den Urwald geschlagen, Pipelines verlegt und Schneisen für die seismischen Messungen gerodet werden. Von Unfällen, die es dabei geben kann, wissen insbesondere die Manager von Shell ein Lied zu singen. Die regelmäßig auftretenden Öllecks im nigerianischen Niger-Delta haben das Feuchtgebiet von der Größe Baden-Württembergs weitgehend zerstört.

Rebellengruppen un Milizen

Das Kongobecken sei „der schlechteste Ort der Welt, um Erdöl zu fördern“, urteilt auch Simon Lewis, Professor für Klimawandel am University College in London. Die Absicht der kongolesischen Regierung komme „einer Klima-, Wildtier-, Gesundheits- und Menschenrechtskatastrophe“ gleich.

Wie die Gewinnung fossiler Brennstoffe das Sozialgefüge eines Landes zerstören kann, ist in so gut wie jedem afrikanischen Rohstoff-Staat abzulesen. Im Sudan kam es so zu mehreren Kriegen, in Nigeria zum kriminellen Bandenwesen, in Angola zur endemischen Korruption, und in Mosambik sollen sich Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ mit den Gegnern der dortigen Erdgasgewinnung verbündet haben.

Von welcher Seite im Kongo die Gefahr droht, ist schon heute klar: In den im Osten des Landes ausgeschriebenen Explorationsblöcken tummeln sich zahllose Rebellentruppen. Auch der weltberühmte Virunga-Park mit seinen Berggorillas und Okapis dient mehreren Milizen als Versteck. Tauchen dort nun auch noch Erdölarbeiter, Holzfäller, Lastwagenfahrer und Wilderer in großem Stil auf, wird der Kollaps des Unesco-Weltnaturerbes nicht mehr aufzuhalten sein.

Vorwurf zielt auf Europäer

„Wir sorgen uns mehr um Menschen als um Gorillas“, sucht hingegen Kongos Informationsminister Patrick Muyaya bei seinem Wahlvolk zu punkten. Dazu muss man wissen: Europäern wird in Afrika oft vorgeworfen, wilde Tiere wichtiger als Menschen zu nehmen (zumindest wenn es sich bei diesen um Afrikaner handelt).

Ob Kongos Bevölkerung den Beteuerungen ihrer Regierung glaubt, wonach es ihr nicht um das Füllen der eigenen Taschen, sondern um das Volk gehe, muss allerdings bezweifelt werden. Denn obwohl in Afrikas Rohstoff-Schatzkammer schon seit Jahrzehnten riesige Summen am Export von Kupfer, Kohle, Coltan oder Uran verdient werden, ist der Kongo einer der ärmsten Staaten der Welt geblieben.

Statt zum Wohlstand beizutragen, haben die Gold-, Kobalt- und Zinn-Minen im Osten des Landes nur zu endlosen Bürgerkriegen geführt. Das Land ist damit eines der erschütterndsten Beispiele für den „Fluch der Ressourcen“. Weitere Milliarden Dollar und Euro aus dem Erdöl- und Erdgasverkauf würden vermutlich nur zu noch mehr Korruption und noch mehr Toten führen.

Einlage auf dem Emissionsmarkt

Gegenüber Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ ließ Kohlenwasserstoffminister Budimbu jüngst freilich durchblicken, dass sein Ministerium für die ausgeschriebenen Erdöl- und drei Erdgasblöcke auch Angebote von Interessenten annehmen würde, die den Rohstoff nicht fördern, sondern als Einlage auf dem Emissionsmarkt nutzen wollen. Was bedeutet: Falls der fossile Brennstoff – zugunsten des Klimaschutzes – im Boden gelassen würde, könnte sein Gegenwert verkauft werden.

So wollte es zum Beispiel auch Ecuadors Präsident Rafael Correa vor 15 Jahren handhaben. Er kündigte damals an, die Erdölförderung im Yasuni Nationalpark erst gar nicht aufzunehmen, wenn ihn das Ausland entschädige. Als drei Jahre später jedoch nur 13 Millionen US-Dollar der angesetzten 3,6 Milliarden US-Dollar zusammengekommen waren, ließ der Präsident die Erdölförderung im Yasuni-Park beginnen.

Beim letzten Weltklimagipfel in der schottischen Stadt Glasgow im Jahr 2021 sind dem Kongo für den Schutz seines Urwalds 500 Millionen Euro versprochen worden. Das ist nicht einmal ein Tausendstel der Summe, mit der das Land bei einer Ausbeutung seiner fossilen Brennstoffe rechnen könnte.

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