Bundeswehr
Elitesoldaten im Zwielicht
Ein Abend in Afghanistan: Die deutschen Kommandosoldaten haben ihre US-amerikanischen Kameraden von den Navy Seals zu einer Party geladen. Gefeiert wird die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Spezialkräften in dem Land am Hindukusch. Der Alkohol fließt in Strömen, die Deutschen haben die Musik aufgedreht und singen laut mit. Was da aus den Lautsprechern dröhnt, sind – Wehrmachtslieder. Geschildert hat diese Szene der frühere Navy Seal Brandon Webb in seinem 2012 erschienenen Buch „The Red Circle“. Webb ist ein glaubwürdiger Zeuge, er schildert die Episode nicht anklagend, sonder eher nachdenklich. Er ist dem KSK zugetan, er rühmt die Kooperation mit den deutschen Elitesoldaten und deren Kampfstärke.
Das Kommando Spezialkräfte hat seit seiner Aufstellung im Jahr 1996 serbische Kriegsverbrecher auf dem Balkan gejagt, Kommando-Unternehmen in Afghanistan ausgeführt und sich auch anderswo an Missionen beteiligt. Wo genau? Das unterliegt der Geheimhaltung. Oft dringt von den KSK-Einsätzen nur etwas an die Öffentlichkeit, wenn Angehörige verbündeter Streitkräfte in ihren Memoiren davon berichten.
„Wir suchen die Härtesten der Harten“
Die dreijährige Ausbildung zum Kommandosoldaten, deren Leitsatz „Der Wille entscheidet“ lautet, ist legendär. Es sei das Härteste, was man Menschen in einer Demokratie zumuten könne, heißt es gern. Hans-Peter Bartels, der Anfang Mai aus dem Amt des Wehrbeauftragten schied, beschrieb vor Kurzem im Interview mit der „Welt“ das Prinzip der Personalauswahl folgendermaßen: „Wir suchen die Härtesten der Harten, die wir in der Ausbildung noch härter machen!“ Doch das könne auch ein Problem sein: „Wenn das die Philosophie ist, dann kann das im Kopf von einigen Soldaten dazu führen, dass sie glauben, sie müssten auch politisch die Härtesten sein“, so Bartels weiter, „und dann kommen einige auf seltsame Bezüge zur deutschen Vergangenheit oder andere krude Theorien.“ Der SPD-Politiker betonte, das betreffe nicht das ganze KSK, aber es seien mehr als nur bedauerliche Einzelfälle.
Anfang des Jahres berichtete der Präsident des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), Christof Gramm, dass 20 KSK-Angehörige unter dem Verdacht stehen, Rechtsextremisten zu sein. In Relation zur Personalstärke seien das fünfmal mehr als im Rest der Truppe. Dem KSK, das in Calw in Baden-Württemberg stationiert ist, gehören inklusive Unterstützungskräften gut 1000 Soldaten an.
Sprengstoff bei KSK-Soldat gefunden
Mitte Mai erschütterte dann der Fall des langjährigen Kommandosoldaten Philipp S. die Bundeswehr, auf dessen Grundstück in Sachsen Ermittler nicht nur ein Sturmgewehr, eine Kalaschnikow, fanden, sondern auch mehrere tausend Schuss Munition und zwei Kilogramm Sprengstoff mit Zünder aus Bundeswehrbeständen. Nun stellt sich die Frage, was der Unteroffizier, der in U-Haft sitzt, damit vorhatte und ob er Komplizen besaß. Seine Gesinnung dürfte hingegen recht klar sein, es wurden nämlich auch nationalsozialistische Devotionalien gefunden.
Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer richtete daraufhin ein Arbeitgruppe ein, die über Konsequenzen beraten soll. Am Mittwoch will die CDU-Chefin die Ergebnisse dem Verteidigungsausschuss des Bundestages vorstellen.
Rechtsextreme Tendenzen vertuscht?
Der Fall des Philipp S. ist indes nur der Höhepunkt einer Reihe von Vorfällen. Im April 2017 wurden bei einer Abschiedsfeier für einen Kompaniechef laut einer Zeugin nicht nur abgetrennte Schweineköpfe um die Wette geworfen, sondern auch rechtsextreme Musik gehört und der Hitler-Gruß gezeigt. Vergangenes Jahr musste ein Offizier das Kommando verlassen, dessen aggressiv-nationalistische Gesinnung lange bekannt war und der Soldaten bedroht hatte, wenn sie ihm zu links waren.
Für Aufregung in der Bundeswehr und im Ministerium sorgte dann Anfang Juni ein Kommandosoldat in Ausbildung, der einen Brief direkt an Kramp-Karrenbauer schickte. Laut „Spiegel“, der als erstes Medium darüber berichtete, beklagte der Hauptmann, dass innerhalb des KSK rechtsextreme Tendenzen geduldet, teilweise wissentlich vertuscht würden und den Mitgliedern eingebläut werde, keine Vorkommnisse zu melden. Er schrieb von „Kadavergehorsam“. Es habe sich ein nicht auszutrocknender Sumpf innerhalb des KSK entwickelt, dieser sei „tief greifender und struktureller als derzeit im Ministerium bekannt sein dürfte“. Die Ministerin scheint den Schilderungen des Hauptmanns Glauben zu schenken, jedenfalls hat sie ihn in den Reformprozess eingebunden.
Kommandeur gefeuert
Für eine ungute Kultur beim KSK stand mindestens einmal auch ein Kommandeur. General Reinhard Günzel wurde 2003 vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) ohne Anhörung gefeuert, weil er antisemitische Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann (damals CDU, heute AfD) gelobt hatte. Günzel trat später immer wieder in rechten Kreisen auf. Die Ablösung des Generals erzürnte viele im KSK. Auch ein Soldat, der einen Migrationshintergrund hat und die Äußerungen Günzels verurteilte, zeigte sich im vertraulichen Gespräch empört über den Umgang mit dem General, den er gut kannte. Hier spielte ganz offensichtlich die gerade für das KSK so wichtige Kameradschaft eine Rolle. Die Elitesoldaten vertrauen einander ihr Leben an, da sehen manche wohl auch über problematische Äußerungen hinweg – oder über Wehrmachtslieder, die in einem Camp in Afghanistan gespielt werden.
Brandbrief an KSK-Mitglieder
Doch das bringt das Kommando nun ordentlich in die Bredouille. Zwar hat bisher nur die Linksfraktion dessen Auflösung gefordert, aber selbst die Ministerin, die betonte, die Funktionsfähigkeit der Spezialkräfte müsse erhalten bleiben, sagte: „Keine Maßnahme wird ausgeschlossen.“ Auch dem derzeitigen KSK-Kommandeur Markus Kreitmayr ist klar, wie ernst die Lage ist. Nachdem bei dem Kommandosoldaten Philipp S. Sprengstoff und Munition gefunden worden war, schrieb er Mitte Mai in einem Brief an die KSK-Angehörigen, dass der Verband in der „schwierigsten Zeit seiner Geschichte“ sei. Kreitmayr kündigte an, diejenigen in seiner Einheit zu finden, die mit dem rechten Spektrum sympathisierten und nicht von sich aus die Spezialkräfte verließen. Und er machte deutlich: „Unser aller Ruf, die Reputation unseres Verbands und das Ansehen der Bundeswehr stehen auf dem Spiel.“