Im Einsatz ermordert RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Jahr nach der Messerattacke: Mannheim hat Rouven Laur nicht vergessen

Vor einem Jahr hat der Afghane Sulaiman A. hier auf dem Mannheimer Marktplatz den Polizisten Rouven Laur heimtückisch erstochen.
Vor einem Jahr hat der Afghane Sulaiman A. hier auf dem Mannheimer Marktplatz den Polizisten Rouven Laur heimtückisch erstochen.

Seit der tödlichen Messerattacke auf dem Mannheimer Marktplatz ist ein Jahr vergangen. Für die Polizeigemeinschaft in Deutschland war der heimtückische Angriff eine Zäsur.

Ganz ruhig und menschenleer ist es nie auf dem Mannheimer Marktplatz mitten in der Innenstadt. Ein junges Mädchen sprintet Richtung Bahnstation, verpasst die Tram aber um wenige Sekunden. Auf der anderen Seite scheitert ein etwas stämmigerer Mann gerade beim Versuch, einen Döner unfallfrei zu verzehren. Und auf der Stufe vor dem Marktplatzbrunnen sitzen vier Jugendliche mit Bier in der Hand und starren auf ihre Handys. Das Leben auf dem Marktplatz geht an diesem Abend seinen gewohnten Gang.

Bei der unscheinbaren Szenerie vergisst man fast, dass dieser Ort vor genau einem Jahr der Tatort für ein Verbrechen war, das ganz Deutschland erschütterte. Am 31. Mai vergangenen Jahres erstach der Afghane Sulaiman A. den 29-jährigen Polizisten Rouven Laur auf dem Mannheimer Marktplatz und verletzte fünf weitere Menschen schwer. Die islamkritische „Bürgerbewegung Pax Europa“ hatte dort zur Kundgebung eingeladen – und wurde damit zum Ziel des Angreifers. Der Fall wird seit Februar am Oberlandesgericht in Stuttgart verhandelt.

Bundesweite Trauer und Anteilnahme

„Ich dachte, heute muss jemand sterben.“ So beschreibt der mittlerweile 26-jährige Islamist vor Gericht seine Gedanken, wenige Sekunden bevor er von hinten zweimal auf Rouven Laur einsticht. Zwei Tage später stirbt der 29-jährige Polizist im Krankenhaus an den Folgen der Attacke.

„Dieser Angriff hat unsere Nation in eine Art Schockstarre versetzt. Eine solche bundesweite Trauer und Anteilnahme nach dem Tod eines Polizisten gab es in Deutschland in der Form bislang noch nie“, sagt Ralf Kusterer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Baden-Württemberg.

Der Prozess gegen den angeklagten Afghanen wird seit Februar am Oberlandesgericht in Stuttgart verhandelt.
Der Prozess gegen den angeklagten Afghanen wird seit Februar am Oberlandesgericht in Stuttgart verhandelt.

Eine Kamera am Stand der Islamkritiker hat die ganze Tat mitgefilmt. Die Aufnahmen verbreiten sich danach im Internet wie ein Lauffeuer. „Aufgrund des Videos hat jeder Polizist diesen mörderischen Angriff miterlebt. Das hat sich in unsere Gedanken eingebrannt“, betont Kusterer.

Polizisten schildern Tat vor Gericht

Die Betroffenheit bei den Kolleginnen und Kollegen in Mannheim sei ein Jahr nach der Tat nach wie vor groß. „Der Verlust eines Kollegen durch ein Gewaltverbrechen, bei dem dieser nur deshalb sterben musste, weil er Polizeibeamter war, schmerzt natürlich besonders. Und so ein Jahrestag wühlt die ganze Tat nochmals neu auf“, erklärt der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft.

Von den Beamten aus Mannheim will offiziell keiner über das Geschehene sprechen. Die Tat und die daraus resultierenden Emotionen seien durch die Jährung und den Gerichtsprozess wieder sehr in den Fokus der Kolleginnen und Kollegen gerückt, heißt es vom Polizeipräsidium Mannheim. „Wir bitten um Verständnis, dass wir in diesem Zusammenhang aktuell nicht für Interviews zur Verfügung stehen.“

Doch vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht haben vier Polizeibeamte vor wenigen Wochen die Messerattacke aus ihrer Sicht beschrieben – und geben Einblick in ihre Gefühlswelten. Für alle vier sind die Erlebnisse an jenem letzten Maitag bis heute sehr belastend. Die Situation vor Ort sei chaotisch und unübersichtlich gewesen, sagen sie. „Richtig klar wurde mir das alles wohl erst Stunden danach“, betont ein 26-jähriger Polizeioberkommissar, der bei der Attacke auf Rouven Laur dabei war. „In dem Moment habe ich einfach funktioniert.“ Seit der Tat habe er immer wieder Herzklopfen und innere Unruhe, betont der Beamte. „Es ist schon ein Stück Leichtigkeit verloren gegangen.“

Wendepunkt in der Polizeiarbeit

Einer 24-jährigen Polizeimeisterin habe die Tat am Anfang den Boden unter den Füßen weggezogen. „Das war schwer zu verarbeiten. Ich bin nicht ängstlich, aber mittlerweile viel aufmerksamer“, meint die 24-Jährige. Eine gleichaltrige Kollegin, die ebenfalls beim Einsatz dabei war, bekommt „die Bilder nicht mehr aus dem Kopf“. Sie habe viele schlaflose Nächte. Die jüngste Beamtin, eine 21-Jährige, habe es nie bereut, Polizistin geworden zu sein. „Bis zu diesem Tag.“ Den fünfköpfigen Einsatzzug leitete der ermordete Rouven Laur. Das Team ist nach der Tat psychologisch betreut und für zwei Wochen aus dem Dienst genommen worden. Alle vier aus dem Zeugenstand arbeiten weiter bei der Polizei.

„Diese tödliche Messerattacke war definitiv eine Zäsur und ein Wendepunkt in der polizeilichen Arbeit“, erklärt Ralf Kusterer von der DPolG. „Die Eigensicherung ist bei den Beamten wieder mehr in den Vordergrund gerückt“, betont er. Heutzutage müsse ein Polizist im Dienst fast immer mit einem potenziellen Angriff rechnen. „Mittlerweile ist fast jeder Beamte schon mal Opfer von Gewalt geworden“, meint der Gewerkschaftsvorsitzende.

Anstieg bei Gewalt gegen Polizisten

Fakt ist: Laut Bundeskriminalamt (BKA) ist die Anzahl der Bedrohungen und tätlichen Angriffe auf einem Höchststand. Der aktuellsten Statistik des BKA nach sind 2023 so viele Gewalttaten gegen Polizisten verzeichnet worden wie nie zuvor. Etwa 106.000 Beamte seien Opfer einer gegen sie gerichteten Gewalttat geworden – ein Anstieg von rund zehn Prozent. „Die Entwicklung ist katastrophal. Die Politik muss dringend bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit der Beruf des Polizisten attraktiv bleibt“, mahnt Kusterer.

Er fordert bessere Ausstattung und mehr Personal für die Polizei – hierfür müsse Geld in die Hand genommen werden. „Außerdem sollten Gewalttaten gegen Beamte härter und rigoroser bestraft werden“, sagt er.

Gedenken an getöteten Polizisten

Seit dem Tod von Rouven Laur sei aber kaum etwas passiert. Politiker hätten zwar mehrfach ihre Trauer bekundet, aber solange damit „keine Veränderungen einhergehen, wirkt das ehrlicherweise wie Heuchelei. Der Tod von Rouven Laur darf nicht umsonst gewesen sein“.

Im Mannheimer Polizeipräsidium erinnert man sich noch heute oft an den ermordeten Kollegen zurück, berichten die vier Beamten vor Gericht. Rouven Laur sei kompetent und enthusiastisch gewesen, immer am Lachen – ein Sympathieträger eben. Die Stadt Mannheim hat anlässlich des Jahrestags zu einer öffentlichen Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz eingeladen. Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat seine Teilnahme zugesagt.

Dort war Rouven Laur aber das ganze Jahr über ständig präsent. Wenige Meter neben den Jugendlichen, die immer noch an ihrer Bierflasche nuckeln, sind hinter dem Gitterzaun des Marktplatzbrunnens einige Blumen, Kerzen und Bilder des Getöteten aufgestellt. Im alltäglichen Trubel geht es manchmal etwas unter, dass genau hier vor einem Jahr ein grausamer Mord stattgefunden hat. Und der Marktplatz der Ort war, an dem Rouven Laur in seinen Einsatz für Sicherheit und Gerechtigkeit letztlich mit seinem Leben bezahlte.

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