USA RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Jahr nach dem Kapitol-Sturm: Der Angriff als Probelauf

Unterstützer von US-Präsident Trump stürmten am 6. Januar 2021 das Kapitolgebäude in Washington, wo die Abgeordneten den Sieg de
Unterstützer von US-Präsident Trump stürmten am 6. Januar 2021 das Kapitolgebäude in Washington, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden bei die Präsidentschaftswahlen im vorangegangenen November bestätigen sollten.

Ein Jahr nach dem blutigen Angriff auf das Gebäude des US-Kongresses vom 6. Januar 2021 hat ein Untersuchungsausschuss die Verwicklung von Ex-Präsident Donald Trump offengelegt. Die ersten Aufrührer sitzen im Gefängnis. Doch die Mehrheit der Republikaner glaubt fester denn je an den Wahn vom „Wahlbetrug“. In mehreren Bundesstaaten bereiten sie nun den nächsten Umsturz vor – dieses Mal ohne Gewalt.

Der Mann hat 545 Tage als Soldat im Irak gekämpft. Seit 15 Jahren trägt er stolz die schwarze Uniform der Washingtoner Kapitolspolizei. Doch wenn Aquilino Gonell von jenem „furchtbaren Tag“ am Kongressgebäude berichtet, kann er seine Gefühle nur schwer beherrschen. Ein aufgepeitschter Mob hat ihn geschlagen, getreten, mit einem Laser geblendet, zu Boden gestoßen und dann brutal an Beinen und Schulter gezerrt. „Verräter!“, brüllten die Angreifer und drohten, ihn umzubringen. „Ich hätte sterben können an jenem Tag“, sagt der Beamte. „Nicht einmal, sondern viele Male.“

Noch Monate später muss sich der 43-jährige Migrant aus der Dominikanischen Republik die Tränen wegwischen, als er bei einer Anhörung im amerikanischen Kongress von seinem Einsatz berichtet: „Wir befanden uns in einer Kriegszone“, schilderte er im vergangenen Juli den verzweifelten Versuch, die mit Hämmern, Schlagstöcken, Messern und Pfefferspray ausgestatteten Aggressoren vom Eindringen in das Parlamentsgebäude abzuhalten: „Es war wie auf einem mittelalterlichen Schlachtfeld.“

Revolte dauert fünf Stunden

Fünf endlose Stunden dauerte die Revolte am 6. Januar 2021. Es sei eine aus dem Ruder gelaufene Trump-Party mit rechter Folklore gewesen, verharmlosten anfangs einige. Durch Fotos, Videoaufnahmen und Zeugenaussagen wurde in den Wochen darauf das ganze Ausmaß deutlich. Tatsächlich hatte Trump seine Anhänger mit der Lügen-Kampagne vom gestohlenen Sieg nach den Präsidentschaftswahlen im November systematisch aufgehetzt und sie dann, am Morgen des 6. Januar, mit dem Schlachtruf „Kämpft wie der Teufel!“ zum Kapitol geschickt. Am Ende waren fünf Menschen tot. Insgesamt 140 Polizisten wurden verletzt. Vier Beamte nahmen sich in den folgenden Tagen das Leben.

Äußerlich behielt Sergeant Gonell Verletzungen an beiden Händen, seiner linken Schulter, seiner linken Wade und am rechten Fuß zurück. Nach mehreren Operationen und einer mehrmonatigen Rehabilitation ist der verheiratete Vater eines neunjährigen Sohns inzwischen wieder im Dienst – vorerst hinter dem Schreibtisch. Die inneren Blessuren bleiben: „Für die meisten Menschen hat der 6. Januar ein paar Stunden gedauert. Aber für diejenigen von uns, die mittendrin waren, hat es nie aufgehört.“

Auch das politische Trauma ist nicht verflogen. Im Gegenteil. „Wir werden uns weder der Gesetzlosigkeit noch Einschüchterungen beugen“, hatte Mitch McConnell, der republikanische Fraktionschef im Senat, wenige Stunden nach dem Aufruhr in der Kammer staatstragend versichert. Doch die anfängliche Kritik führender Republikaner am Drahtzieher der Gewaltorgie ist schnell verstummt. Abgeordnete, die für die Absetzung von Donald Trump stimmten, wurden politisch kaltgestellt. Und die Trump-Getreuen in den Bundesstaaten arbeiten längst an der Fortsetzung des Coups mit noch perfideren Mitteln.

Viele Angreifer vom 6. Januar entstammen der Mittelschicht

„Die Reden vom 6. Januar waren billig“, sagt der Politikwissenschaftler David Dagan von der liberal-konservativen Washingtoner Denkfabrik Niskanen Center. Weshalb Trump seine Partei inzwischen wieder komplett im Griff hat? „Viele Republikaner haben Bauchschmerzen und Angst“, erklärt Dagan. „Und sie leben lieber mit den Bauchschmerzen als mit der Angst.“ Denn Trump bleibt enorm populär. Nicht zu vergessen ist: Mehr als 74 Millionen der 158 Millionen Amerikaner, die im November abstimmten, gaben ihm ihre Stimme.

Wer verstehen will, weshalb so viele Menschen dem narzisstischen Demagogen verfallen sind, der sollte sich die Biografien der inzwischen 725 angeklagten Aufrührer anschauen. Darunter sind Vertreter der berüchtigten Proud Boys. Doch Forscher der Universität Chicago haben recherchiert, dass die große Mehrheit keine Beziehung zu rechtsextremen Milizen hatte. Unter den Angeklagten sind Geschäftsleute, Architekten, Ex-Polizisten und Studenten. Es sind weiße Männer, die sich bei ultrarechten Medien wie Fox News, OAN oder Newsmax informieren. „Dass diese Menschen mehrheitlich aus der Mittelschicht stammen, muss uns alarmieren“, sagt Politologe Dagan.

Gewaltbereite Massenbewegung

Die Aufrührer haben eine auffällige Gemeinsamkeit: Sie kommen alle aus Gegenden der USA, wo der weiße Bevölkerungsanteil schrumpft. Offenbar ist es Trump gelungen, mit seinen Verschwörungsmythen, dem Wahn von der gestohlenen Wahl und seiner rassistisch untermalten Angst-Rhetorik aus Menschen, die sich in ihrer Daseinsform bedroht fühlen, eine gewaltbereite Massenbewegung zu formen. Abschreckend wirkt offenbar weder die juristische noch die politische Aufarbeitung des Umsturzversuches: Nach aktuellen Umfragen unterstützt mittlerweile ein Viertel der republikanischen Wähler den Kapitolssturm. Erschreckende 40 Prozent halten Gewalt in der Politik „unter bestimmten Umständen“ für gerechtfertigt.

So liegt die Frage nahe, ob bei der Präsidentschaftswahl 2024 der nächste Umsturzversuch droht. Das Magazin „The Atlantic“ schlägt Alarm: „Der 6. Januar war nur eine Übung“ steht in greller gelber Schrift auf dem schwarzen Cover. „Technisch könnte sich der nächste Versuch, das Wahlergebnis umzudrehen, nicht als Putsch qualifizieren“, malt Barton Gellmann, der Autor der Titelstory, ein düsteres Szenario: In drei Jahren müssten die Trump-Anhänger nicht zu Baseballschlägern, Pfefferspray und Elektroschockern greifen, um ihr Idol zurück ins Weiße Haus zu befördern. Sie könnten den Wahlvorgang schon vorher so manipulieren, dass ein demokratischer Kandidat de facto keine Chancen hat.

Schwarze Wähler werden ausgebremst

Das klingt wie ein Plot etwa aus Belarus. Tatsächlich laufen die Vorbereitungen für dieses unerhörte Manöver in Amerika. In mehr als 15 Bundesstaaten versuchen die Republikaner mit zwei Methoden, ihren Sieg sicherzustellen: Zum einen erschweren sie durch eine Verkürzung von Fristen, höhere Auflagen zur Identifizierung oder eine Verringerung der Wahllokale vor allem für schwarze Wähler die Stimmabgabe. Zum anderen schaffen sie mit neuen Gesetzen in umkämpften Staaten wie Arizona, Georgia, Pennsylvania oder Wisconsin, die Voraussetzung zur Manipulation der Stimmenauszählung. 2021 ging der Sieg dort an Demokrat Joe Biden. Vielerorts werden Trump-kritische Wahlleiter entmachtet, Wahlvorstände neu besetzt und Abläufe so verändert, dass das mehrheitlich republikanische Landesparlament das Wahlergebnis beim Verdacht auf Unregelmäßigkeiten anfechten und mit Mehrheitsbeschluss eigene Wahlleute nach Washington schicken kann.

Genau das hatte Trump 2020 gefordert. Damals war er am Widerstand aufrechter Republikaner gescheitert. Politikwissenschaftler Dagan blickt höchst besorgt in die Zukunft. „Wir haben 2016 Donald Trump unterschätzt und geglaubt, er wird die Wahl nicht gewinnen. Ich fürchte, dass wir ihn 2024 noch einmal unterschätzen, wenn wir glauben, er werde die Macht nicht an sich reißen.“

x