Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Digitale Corona-Warnung: App in die Tonne?

Keine Wunderwaffe gegen das Virus: Corona-Warn-App.
Keine Wunderwaffe gegen das Virus: Corona-Warn-App.

Die Corona-Warn-App ist nicht die Wunderwaffe gegen das Virus, wie sich manche das erträumt hatten. Doch den ach so bösen Datenschutz dafür verantwortlich zu machen, führt in die Irre.

Datenschutz statt Virenschutz – auf diese knappe Formel lässt sich ein Teil der Kritik an der Corona-Warn-App bringen: Die strengen deutschen Regeln für die Preisgabe personenbezogener Informationen führten dazu, dass die von SAP und Deutsche Telekom entwickelte Anwendung für Smartphones nicht ihre Wirkung zur Eindämmung der Pandemie entfalten könne. Immer aber, wenn Erklärungen so simpel erscheinen, ist Vorsicht angebracht.

Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Ulrich Kelber, hat sich den Spaß erlaubt und auf Twitter einen Aufruf gestartet: Man möge ihm doch Beispiele nennen, wo der Datenschutz bei der Warn-App ein Hemmschuh sei. Da kam nichts. Es bleibe zumeist bei der steilen These, schlussfolgerte er. Solche Scheingefechte führen also nicht weiter, haben im Gegenteil nachteilige Effekte. Denn beim Bürger bleibt angesichts der Parolen am Ende hängen, dass die App nichts taugt und in den virtuellen Abfalleimer des Mobiltelefons gehört. Das wäre schade, nicht nur wegen der vom Bund aufgewendeten Millionenbeträge.

Google und Apple wollten es so

Die Warn-App funktioniert durchaus, ist aber alles andere als perfekt und hat sich bislang keineswegs als Wundermittel erwiesen. Ihr Beitrag zur Unterbrechung von Infektionsketten scheint ausbaufähig. Wobei es schwierig ist, das genau einzuschätzen wegen des Ansatzes des Systems: Kontakte werden anonymisiert gespeichert, der Abgleich mit gemeldeten Infektionen von Nutzern erfolgt dezentral auf den jeweiligen Geräten. Behörden haben hier keinen Einblick.

Das ist so gewollt und unumgänglich. Für eine zentralisierte Datensammlung hätten Google und Apple die erforderliche Bluetooth-Technik überhaupt nicht zur Verfügung gestellt. Und eine derart konstruierte Anwendung wäre wohl auch auf breite Ablehnung gestoßen.

Der Nutzer ist in der Verantwortung

So wurde sie schon knapp 23 Millionen Mal heruntergeladen, ein hoher Wert im europäischen Vergleich. Wie stark sie im Corona-Alltag tatsächlich zum Einsatz kommt, hängt von jedem einzelnen ab. Zu selten geben bislang Personen mit positivem Test der App eine Freigabe, die Warnung von Kontaktpersonen auszulösen. Die wiederum müssen sich entsprechend verhalten. Diese Verantwortung nimmt uns die Technik nicht ab.

Grundlegende Probleme wie die unzureichende digitale Infrastruktur im Gesundheitswesen werden nun durch die Warn-App augenfällig. Davon abgesehen sind andere Kritikpunkte lösbar: etwa mehr Information und Transparenz für die Nutzer zu schaffen. Die Software kann aktualisiert und an einzelnen Stellschrauben kann gedreht werden, ohne dass der Datenschutz dem entgegenstünde.

Lückenlose Überwachung nicht akzeptabel

Große Hoffnungen, die App würde uns wieder eine Rückkehr zur Normalität ermöglichen, waren von Anfang an übertrieben. Ein elektronisches Werkzeug auf Basis einer neuartigen Technologie kann das nicht leisten. Es ist ein Baustein in einem Gesamtkomplex. Das gilt selbst für asiatische Staaten wie Südkorea, China oder Taiwan, die gerne als Vorbild genannt werden angesichts ihrer offenbar erfolgreicheren Corona-Politik. Auch ihre digitalen Lösungen sind nur ein Faktor unter mehreren. Und sie setzen teils auf eine derart lückenlose Überwachung und Kontrolle, wie sie für uns keinesfalls akzeptabel sein sollte.

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