Meinung
Die Rolle der Kirchen – mehr als nur ein Gefühl
In ein paar Wochen wird auch in der Pfalz jenes Phänomen zu beobachten sein, das sich jede Weihnachten wiederholt: Die Feiertage locken mit Lichterglanz, Musik und Gemeinschaftsgefühl auch diejenigen in die katholischen und protestantischen Gottesdienste, denen Religion und Glaube sonst herzlich egal oder zumindest nicht so wichtig ist: Kirche als Event-Dienstleister in den Wochen vor dem Jahreswechsel, der mit seiner Melange aus Zuversicht auf der einen und Zukunftsangst auf der anderen fürs Zwiespältige dieser Zeit steht.
Und irgendwie wirkt es, als seien die großen christlichen Kirchen auch hier ein Spiegelbild der Gesellschaft: Sie stehen beide vor der Herausforderung, sich grundlegend reformieren und modernisieren zu müssen, wenn sie ihre gesellschaftliche Relevanz über Ostern und Weihnachten hinaus erhalten möchten. Oft erinnern die Debatten darum ein bisschen an Gespräche, die Firmenmanager bei Meetings führen: Auch bei der Herbsttagung der Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz ging es in der vergangenen Woche viel um Effizienz, um Personal, um Kostenstrukturen. Da ist häufig von Prozessen die Rede und selten von Menschen. Da dreht sich der Disput oft um juristische Feinheiten und selten um das, was kirchliches Leben im Kern ausmachen sollte.
Größtmögliche Nähe zu den Gläubigen
Dass sich Mitglieder derselben Kirche ihrer Bereitschaft versichern müssen einander zuzuhören und es schon als Erfolg feiern, wenn das gelingt, zeigt, wie schwer sich die Synodalen bei ihrem Treffen in Speyer mit der Suche nach dem richtigen Weg getan haben. Die Kernfrage: Mit welchen Strukturen gelingt es, dass sich sinkende Mitgliederzahlen und geringere finanzielle Ressourcen mit größtmöglicher Nähe zu den Gläubigen in den Gemeinden vereinbaren lassen?
Bei den Katholiken des Bistums Speyer heißt das Konzept „Ein Segen sollt ihr sein“, die Protestanten haben ihr Motto – vielleicht etwas flotter – „#kirche.mutig.machen“ getauft. Gemeinsam ist beiden, dass sie Verwaltungsaufgaben zentralisieren und die Kleinteiligkeit der organisatorischen Strukturen reduzieren möchten. Die Hoffnung ist dieselbe: Hauptamtliche sollen die realistische Perspektive bekommen, sich aufs Kerngeschäft konzentrieren zu können – und sich nicht im Mikromanagement zu verheddern.
Prozess muss Vertrauen schaffen
Während es so wirkt, als seien sich Gremien und Führung des katholischen Bistums über den strukturellen Rahmen mit neun Mega-Pfarreien weitgehend einig, hakt es bei den Protestanten noch gewaltig. Die Entscheidungsprozesse der Landeskirche sind basisdemokratisch, es hat sich mit der Initiative „Pro Presbyterium!“ zudem eine laute Opposition etabliert. Der bevorstehende Stellungnahmeprozess, an dem möglichst viele Protestanten in Pfalz und Saarpfalz beteiligt werden sollen, muss vor allem gegenseitiges Vertrauen schaffen.
Die Akteure dürfen trotz aller Vehemenz im Streit für ihre Argumente nicht vergessen, dass sie dasselbe Ziel haben: eine Kirche, die Anlaufstelle für alle Lebenslagen bleibt, die im Alltag spür- und sichtbar ist, wenn’s schöne Anlässe zu feiern und große Not zu bewältigen gilt. Und die bei allen Sachzwängen den Halt im Glauben vermittelt, den die Menschen bald wieder in Kirchen landauf, landab suchen werden.