USA
Die Knarre als häufigste Todesursache
Einen Grabstein gibt es nicht. Nur ein Foto. Es zeigt einen schüchtern lächelnden jungen Mann mit auffällig großer Brille. Daneben eine leere Blumenvase. Und ringsum lehmige Erde. Sie ist leicht zu übersehen, die Stelle, an der Jarell Jackson beigesetzt wurde. Obwohl zwei Friedhofswärter bei der Suche helfen, dauert es fast eine halbe Stunde, bevor man sie gefunden hat im Merion Memorial Park, einem ausgedehnten Gräberfeld auf einem Hügel in Bala Cynwyd, einem Vorort von Philadelphia. Jarell Jackson wurde 26 Jahre alt. An dem Tag, an dem er starb, war er gerade aus der Karibik zurückgekehrt in seine Heimatstadt, der er im ersten Herbst der Pandemie für ein paar Tage entflohen war. Vom Flughafen fuhr er zur Wohnung seiner Mutter, um sich kurz darauf erneut ans Lenkrad zu setzen. Er wollte Shahjahan McCaskill nach Hause bringen, einen Freund, mit dem er den Urlaub verbracht hatte. Als er losfuhr, näherte sich ein schwarzer Geländewagen. Schüsse fielen, eine halbe Stunde später wurden Jackson und McCaskill in einem Krankenhaus für tot erklärt.
Tod eines Mitglieds der Straßengang rächen
Drei Teenager, der Jüngste 15, der Älteste 18, hatten zwei Dutzend Mal auf die beiden gefeuert, um den Tod eines Mitglieds ihrer Straßenbande zu rächen. Ihre Gang, die Northsiders, hatte noch eine Rechnung mit den Rivalen, den Southsiders, offen. Die Northsiders beanspruchen ein Viertel nördlich der Market Street, einer breiten Straße, die sich von Ost nach West quer durch Philadelphia zieht, während die Southsiders ihren Claim südlich der Magistrale abgesteckt haben.
Nach dem Doppelmord postete einer der Angreifer, offenbar voller Stolz, bei Instagram ein Foto des Tatfahrzeugs. Der Leiter der zuständigen Mordkommission sprach von einer tragischen Verkettung von Umständen: Jackson und McCaskill seien zufällige Opfer eines Bandenkonflikts geworden, mit dem sie nichts zu tun hatten, weil sie in dem von den Southsiders beanspruchten Viertel lebten und damit für die Northsiders Zielscheiben waren.
Bis Juli 300 mit Schusswaffen begangene Morde
Jackson arbeitete als Psychologe in einer Klinik, er kümmerte sich um Jugendliche mit Depressionen und Suizidgedanken. Sein Lebensmotto – das stand in einem Nachruf – sei ein Spruch des Rappers Tupac Shakur gewesen. Er lautet: „Hast du von der Rose gehört, die aus einem Spalt im Beton wuchs?“
Philadelphia hat, wie andere amerikanische Großstädte auch, nicht erst seit heute ein Problem mit der Schusswaffengewalt. Aber in diesem Jahr ist das Problem so akut, dass es an die späten 1980er- und die frühen 1990er- Jahre erinnert, an jene Zeiten, in denen die Kriminalität Höchststände erreichte.
1990 hatte man bis Anfang August 300 mit Schusswaffen begangene Morde registriert. Es sollte in der Statistik der Ostküsten-Metropole das bisher schlimmste Jahr werden. In diesem Jahr könnte die Bilanz noch trauriger ausfallen, denn die Marke 300 wurde bereits Mitte Juli erreicht.
Dies ist nicht zuletzt auch eine Folge privater Aufrüstung während der Corona-Pandemie. Im Jahr 2020 stieg der Erwerb von Waffen landesweit auf ein Rekordhoch. Ursächlich dafür sind Experten zufolge Ängste im Zusammenhang mit dem Virus und den Protesten gegen Polizeigewalt. Fünf Millionen mehr Schusswaffen seien verkauft worden, als dies ohne die beiden Faktoren der Fall gewesen wäre, haben die Professoren Phillip Levine und Robin McKnight vom Wellesley College in Massachusetts berechnet. Dabei führen die USA die Liste der Länder mit den, gemessen an der Bevölkerung, meisten Waffenbesitzern schon heute an.
Schusswaffengewalt häufige Todesursache
Dorothy Johnson-Speight sieht auch in der Verbrechenswelle eine Epidemie. Diese müsse mit der gleichen Dringlichkeit behandelt werden wie Covid-19. In der Gruppe männlicher 14- bis 35-Jähriger mit dunkler Haut hat Johnson-Speight beobachtet, sei Schusswaffengewalt mittlerweile die häufigste Todesursache. Es handle sich typischerweise nicht um Massenschießereien, die für Schlagzeilen sorgten. Sondern um Angriffe, von denen die Medien kaum Notiz nehmen. Johnson-Speight, eine elegante Frau mit Doktortitel, empfängt in einem Büro im Norden Philadelphias, an dessen Wand ein überdimensionales Foto ihres Sohnes hängt. Khaaliq Jabbar Johnson wurde im Streit um einen Parkplatz erschossen. Eigentlich, erzählt seine Mutter, sei es gar nicht ums Parken gegangen, sondern einfach um den Neid, den Frust eines Nachbarn.
Mütter suchen Jugendgefängnisse auf
Nach dem Tod ihres damals 24-jährigen Sohnes „wollte ich nur noch sterben. Ich wollte diese Welt zusammen mit Khaaliq verlassen“, erinnert sich Johnson-Speight. Nach der Tat habe sie fast zwei Jahre gebraucht, um aus dem Tal der Verzweiflung herauszukommen. Dann kontaktierte sie Frauen, die wie sie ihre Kinder durch tödliche Schüsse verloren hatten. „Auf einmal dachte ich, du musst jetzt in einen Boxring steigen. Du musst dich wehren gegen dieses sinnlose Töten.“
2003 gründete sie die Initiative „Mothers in Charge“. Ihre Devise: Mütter übernehmen jetzt Verantwortung. Irgendwann beschlossen die Frauen, in Jugendgefängnissen mit den Insassen zu reden. Das tun sie bis heute. Leute, die als Teenager allzu schnell eine Waffe zogen, und sei es auch nur, um vor Gleichaltrigen nicht als Schwächling zu gelten, sollen verstehen, was ihre Tat für die Familien der Erschossenen bedeutet.
Mutter als einzige Besuchsperson im Leben
„Oft erreichen wir sie, weil wir Mütter sind. Die Mutter ist häufig die einzige Bezugsperson, die es in ihrem Leben noch gibt.“ Die Väter dagegen machten sich oft aus dem Staub, als die Kinder noch klein gewesen seien. „Einmal habe ich in die Runde gefragt: „Wer von euch hat eine Beziehung zu seinem Vater?“ Von 100 Leuten hoben vielleicht 20 die Hand. Von einem Menschen im Stich gelassen zu werden, der einen doch beschützen müsste, dieses Trauma, sagt die Familientherapeutin, liege dem Gewaltproblem oft zugrunde.
Strengere Gesetze, die die Anzahl privater Schusswaffenbesitzer zumindest nicht noch mehr ansteigen lassen, glaubt Johnson-Speight, wird es in den USA auf absehbare Zeit nicht geben. Auch nicht in Philadelphia. Dazu sei die Lobby derer, die es verhindern wollten, zu stark. „Die Hoffnung ist, dass wir die Hirne der Menschen erreichen, die Pistolen und Gewehre benutzen. Eine andere Hoffnung habe ich realistischerweise nicht“, sagt Johnson-Speight.
Zum Thema: Echte Pistolen in Lego-Optik sorgen für Kontroverse