Berg-Karabach
Die Ängste der Armenier nach der Niederlage
Über dem aserbaidschanischen Kontrollpunkt Latschin leuchtet grünweiß die Aufschrift „Azerbaycan Respublikasi“. TV-Reporter aus Baku haben sich hier aufgestellt und interviewen Armenier, die Berg-Karabach verlassen. Es sind meist ältere Männer mit grauen Schnauzbärten, die ausweichend auf Standardfragen antworten.
Nein, niemand habe sie gezwungen, wegzufahren; nein, es habe auf dem Weg keinerlei Probleme mit Aserbaidschanern gegeben. Warum sie wegfahren? Alle anderen führen ja auch, man habe Verwandte in Jerewan oder in Russland, zu denen wolle man jetzt. Früher, vor 30 Jahren, als es in der Karabach-Hauptstadt Stepanakert noch Aserbaidschaner gab, habe man freundschaftlich zusammengelebt. Vielleicht würde man später wiederkommen. Von Angst redet keiner. „Schuld an allem ist Gorbatschow“, sagt ein dicker Mann noch – mit Verweis auf den in Deutschland hoch angesehenen ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion, der dieses Staatsgebilde in den 80er Jahren erfolglos zu reformieren suchte. Die Sowjetunion zerbrach in viele Einzelstaaten. Auch Aserbaidschan und Armenien gehörten einst zur Union.
Endlose Blechschlangen
Jetzt kommt es zum Exodus aus dem bis vor Kurzem umkämpften Berg-Karabach, der armenischen Exklave in Aserbaidschan. Auf den Serpentinen vor dem Kontrollpunkt staut sich eine endlose Blechschlange aus Lada-Kleinwagen, Geländewagen, vereinzelt reihen sich Traktoren ein.
Am Sonntag hatten die Aserbaidschaner den seit Monaten blockierten Latschin-Korridor für Flüchtlinge geöffnet, der die armenische Exklave mit dem Mutterland verbindet. Bis Dienstagmorgen verließen nach Angaben der armenischen Behörden über 13.500 Armenier ihre Karabacher Heimat.
Ein Großteil von ihnen ist selbst gegenüber westlichen Reportern nicht besonders gesprächig. „Wenn jemand bei den Aserbaidschanern bleiben will, kann er das tun“, sagt eine ältere Frau aus Martakert der BBC. „Aber niemand will das.“
Das Nationaltrauma
Vergangene Woche zwang die Aserbaidschanische Armee die armenische Separatistenrepublik Berg-Karabach mit einem Großangriff binnen zwei Tagen zur Kapitulation. Seitdem hängt die Angst vor Massakern und Repressalien über Karabach, um das schon zwischen 1992 bis 1994 und 2020 erbittert gekämpft worden war.
Hinter der Furcht der Armenier vor blutiger Rache durch die Aserbaidschaner steht auch noch ihr Nationaltrauma: der Völkermord an Hunderttausenden Armeniern durch das türkische Osmanenreich in den Jahren 1915 und 1916. Im jetzigen Konflikt ist die Türkei der mächtigste Verbündete Aserbaidschans.
Vorbereitungen der Aserbaidschaner
Bisher sind entgegen aller Befürchtungen keine Gemetzel der Sieger bekannt geworden. Aber der armenische Exodus hat seine eigenen Katastrophen. Am Dienstag explodierte in einem Treibstofflager bei Stepanakert, wo Benzin an ausreisewillige Kraftfahrer ausgegeben wurde, ein Tank. 20 Menschen starben, knapp 300 erlitten zum Teil schwere Brandverletzungen, viele Personen werden noch vermisst.
Auch die Aserbaidschaner schickten einen Sanitätswagen mit Medikamenten gegen Verbrennungen. Sie bereiteten nach Angaben des Präsidentenberaters Hikmet Hadschijew mehrere Krankenhäuser für den Empfang der Verletzten vor. Die Armenier aber haben ihrerseits begonnen, diese per Hubschrauber auszufliegen. Nach der fast neunmonatigen Blockade Berg-Karabachs trauen sie den Ankündigungen der Aserbaidschaner nicht.