Politik
Deutsche Wirtschaft: Lockerungen im Inland allein reichen nicht
In der Debatte darüber, wann und wie die durch die Corona-Krise bedingten Einschränkungen zurückgefahren werden sollten, wird immer wieder – und völlig zu Recht – auf die schwerwiegenden Folgen des „Lockdowns“ für die deutsche Wirtschaft verwiesen. Dabei entsteht manchmal der Eindruck, als hänge das Wohl und Wehe der Wirtschaft vor allem von den Entscheidungen der Bundes- und der Landesregierungen ab. Eine Studie, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) an diesem Dienstag vorlegt, weitet nun den Blick über den nationalen Tellerrand hinaus, was angesichts einer Exportquote von fast 47 Prozent und einer Importquote von fast 41 Prozent auch naheliegend ist.
Zwar laufe die Produktion in China derzeit wieder an. Hingegen habe die Corona-Krise einen anderen Wirtschaftsgiganten – die USA – voll erfasst, betont man beim IMK. Auch in Europa, prognostizieren die gewerkschaftsnahen Forscher, werde es erst gegen Ende des zweiten Quartals dieses Jahres mit der Wirtschaft wieder aufwärts gehen. „Entsprechend dürfte die Auslandsnachfrage im zweiten Quartal deutlich negativ sein und sich stark dämpfend auf Produktion und Investitionen in Deutschland auswirken“, lautet das ernüchternde Fazit.
Lage in EU-Ländern muss sich stabilisieren
Eine Folge der starken internationalen Verflechtung der hiesigen Wirtschaft ist laut IMK, dass nur „deutlich weniger als die Hälfte“ des Einbruchs bei den Wirtschaftsaktivitäten auf die geltenden Kontaktbeschränkungen zurückzuführen sei. Für einen erheblich größeren Teil seien Produktions- und Absatzschwierigkeiten des verarbeitenden Gewerbes verantwortlich. Denn dieses steuert einen wesentlich höheren Anteil zum Bruttoinlandsprodukt bei als von den inländischen Kontaktbeschränkungen besonders stark betroffene Sektoren wie Gastronomie, Hotellerie, Handel, Kultur und Freizeitwirtschaft. Die logische Konsequenz: Ohne eine Erholung der Weltwirtschaft wird auch die deutsche Wirtschaft kurzfristig nicht wieder auf die Beine kommen. Und angesichts der großen Bedeutung Europas für die deutsche Wirtschaft sei es unabdingbar und auch im ureigenen deutschen Interesse, daran mitzuwirken, dass sich die Lage in den EU-Partnerländern möglichst rasch wieder stabilisiert.
Warnung vor zu schnellem Ende der Beschränkungen
Gleichwohl würden laut IMK die wirtschaftlichen Kosten überproportional höher ausfallen, sollten die seit März geltenden Kontaktbeschränkungen im Inland über einen Zeitraum von drei Monaten unverändert bestehen bleiben. Konkret bedeute jeder Monat, in dem die Beschränkungen unverändert fortgesetzt würden, ein Wachstums-Minus von einem Prozent.
Allerdings warnen die Wirtschaftswissenschaftler zugleich vor einer „vorschnellen Aufhebung“ der Beschränkungen, weil dann die Gefahr bestehe, dass die Anzahl der Corona-Infektionen wieder stark ansteige mit der Folge, dass erneut – wirtschaftlich kostspieligere – Einschränkungen nötig werden könnten. „Es ist wichtiger, dass die Kontaktbeschränkungen nachhaltig gelockert werden, als dass sie schnell gelockert werden“, betont Sebastian Dullien, der Wissenschaftliche Direktor des IMK. Zugleich fordert Dullien von der Politik eine rasche und klare Kommunikation in Richtung Gesellschaft und Wirtschaft, damit Unternehmen und öffentliche Einrichtungen wüssten, „was ab wann auf sie zukommt“.