Ukraine-Überfall RHEINPFALZ Plus Artikel Der russische Feldzug gegen das Wort „Krieg“

EIn russischer Soldat hinter einem Busfenster mit dem Symbol für die „Spezialoperation“.
EIn russischer Soldat hinter einem Busfenster mit dem Symbol für die »Spezialoperation«.

Die Attacke auf die Ukraine bezeichnen manche Russen inzwischen offen als „Krieg“. Doch die Verwendung dieses Begriffs ist erneut gefährlich geworden.

Am 24. September, wenige Tage nach Beginn der Teilmobilmachung in Russland, malte Alissa Klimenkowa mit farbiger Kreide die Worte „Njet w***e“ auf einen Platz der Stadt Tjumen. Vor Gericht versicherte sie, die Parole habe nicht „Njet wojne“, „Nein zum Krieg“ , sondern „Njet woble“, „Nein zu Plötzen“ bedeutet. Das ist eine Fischart, die Russen getrocknet gerne zum Bier verzehren. Klimenkowa versicherte, sie könne diesen Fisch nicht ausstehen.

Ein Richter stellte das Bußgeldverfahren gegen die Frau wegen Diskreditierung der russischen Armee zunächst ein. Doch das Regionalgericht, das den Richterspruch annullierte und den Prozess wieder aufnahm, verdächtigt die Sibirierin weiter, Kriegsgegnerin zu sein. Zumal sie neben „Njet w***e“ auch noch ein Friedenszeichen auf den Asphalt gemalt hatte. Ihr drohen umgerechnet 500 bis gut 700 Euro Bußgeld.

Es hagelte wieder Arreste

Das Wort „Krieg“ bleibt in Russland eben toxisch. Jedenfalls, wenn es in einem kritischen Zusammenhang mit Wladimir Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine steht. Dabei gebrauchen selbst dem Kreml nahestehende Politiker und Propagandisten den Begriff – ziemlich oft und unbehelligt.

Spätestens nachdem Sergei Kirijenko, Kreml-Beauftragter für Innenpolitik, im Oktober in einer mit der Vokabel „Krieg“ gespickten Rede vor Lehrern zum „Volkskrieg“ aufgerufen hatte, schien der verfemte Begriff rehabilitiert zu sein. Aber wenig später hagelte es bei seinem Gebrauch wieder Arreste und Verfahren.

Auch unpolitische Medien betreiben vorsichtshalber Selbstzensur. Bei der Übertragung eines Schlagerwettbewerbs schnitt der Kanal Mus-TV die Wörter „Frieden“ und „Krieg“ aus einem Liebeslied, das vor 18 Jahren geschrieben worden war. Zuvor hatte der Unterhaltungssender TNT das Wort „Krieg“ aus der Gesangsbegleitung einer Tanznummer entfernt. Die Romanze war schon fünf Jahre lang auf dem Markt.

Zusammenhang entscheidend

„Man kann das Wort ,Krieg’ aussprechen, aber eben im ,richtigen’ Kontext“, analysiert Ilja Schepelin, Medienredakteur des Oppositionssenders TV Doschd: „Die ganze Welt führt gegen die Russen Krieg – und wir wehren uns.“ Man dürfe indes keinesfalls andeuten, dass Russland den Krieg angefangen habe oder den Krieg in einen negativen Zusammenhang stellen. Das gilt auch für verwandte Begriffe wie „Front“.

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