Politik Der Imam rettet dem Täter das Leben

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Der Anschlag ereignet sich kurz nach Mitternacht am Montag. In der Nähe von Finsbury Park gibt es drei verschiedene Moscheen. Dort hat man gerade Tarawih beendet – die späten Gebete nach dem täglichen Fastenende im heiligen Monat Ramadan. Deswegen befindet sich trotz vorgerückter Stunde eine große Menschenmenge von Muslimen auf den Straßen. In der Sackgasse Whadcoat Street bricht ein älterer Mann zusammen, anscheinend erleidet er einen Herzinfarkt. Viele Menschen eilen herbei, um ihm zu helfen. Das ist der Moment, in dem der Anschlag passiert. Augenzeuge Mohammed Abdullah beschreibt, was geschah. „Er hat es absichtlich getan. Ich war auf meinem Fahrrad drei Wagen hinter dem Kleinlaster, der auf die Busspur fuhr. Dann bog er scharf links ab, in diese Sackgasse, in die man eigentlich gar nicht reinfahren darf. Er raste in die Leute hinein.“ Der Laster wird durch Poller gestoppt, der Fahrer springt heraus und wird sofort von aufgebrachten Muslimen zu Boden geworfen. Augenzeuge Khalid Amin berichtet, dass der Fahrer gerufen habe: „Ich will Muslime töten, ich will alle Muslime töten!“. Und: „Ich habe meinen Teil getan.“ Der erste Alarm bei der Polizei geht um 0.21 Uhr ein, die ersten Beamten sind in weniger als zehn Minuten am Tatort. Imam Mohammed Mahmoud kann in der Zwischenzeit verhindern, dass der Täter von der wütenden Menschenmenge gelyncht wird. „Rührt ihn nicht an!“, soll er Männern zugerufen haben, die auf den Täter einzuschlagen beginnen. Toufik Kacimi, der Geschäftsführer des nahe gelegenen „Muslim Welfare House“, sagt gegenüber dem Nachrichtensender Sky News: „Unser Iman hat dem Mann das Leben gerettet.“ Die Polizei kann einen 47-jährigen weißen Mann in dunklen Shorts verhaften. Er war Behörden zuvor nicht aufgefallen, soll aus Wales kommen und allein gehandelt haben, wie es gestern Abend dann heißt. Noch auf dem Pflaster der Whadcoat Street verstirbt derweil der ältere Herr – ob an dem Herzanfall, den er offenbar kurz zuvor erlitten hat, oder weil ihn der Kleinlaster erfasst hat, ist unklar. Zehn Menschen sind verletzt, acht von ihnen so schwer, dass sie sofort ins Krankenhaus gebracht werden. Londons Bürgermeister Sadiq Khan, selbst bekennender Muslim mit pakistanischen Wurzeln, ruft nach dem Anschlag, der offensichtlich gezielt auf die islamische Gemeinde gerichtet war, zu Ruhe auf. „Die Attacken auf der Westminster Bridge, auf der London Bridge und die Attacke in Manchester“, erinnert er an die jüngsten Anschläge in Großbritannien, „sie sind alles Attacken auf die von uns allen geteilten Werte von Freiheit, Toleranz und Respekt. Terrorismus ist Terrorismus, ob er nun von Islamismus gespeist wird oder von anderen Formen der ,Inspiration’.“ Labour-Chef Jeremy Corbyn, der zugleich Abgeordneter des Wahlkreises ist, in dem der Anschlag passierte, eilt noch in der Nacht an den Tatort, um mit den Leuten zu reden. „Ich bin total schockiert durch den Anschlag heute Nacht“, lässt er über den Kurznachrichtendienst Twitter verlauten. Der „Muslim Council of Britain“ (MCB), ein Dachverband britischer Muslime, verurteilt den Anschlag als die „bis jetzt gewalttätigste Manifestation“ von jüngsten islamophoben Zwischenfällen. Der Dachverband ruft nach mehr Polizeischutz: „Wir erwarten, dass die Behörden die Sicherheit außerhalb von Moscheen dringend erhöhen.“ Es besteht durchaus Grund zu Angst. Nach dem Terroranschlag vom 3. Juni auf der London Bridge durch mutmaßliche Islamisten kam es drei Tage später zu 20 Übergriffen gegen Muslime. Dies ist mehr als sechsmal so viel wie sonst pro Tag in London. Die Stimmung im Finsbury Park am Montag ist gespannt. Viele Muslime fühlen sich unsicher. Viele sind auch verärgert, weil sie denken, dass sie unter Generalverdacht stehen, selbst Islamisten und Terroristen zu sein. „Solch ein Anschlag wird die Spaltung in unserer Gesellschaft erhöhen“, sagte eine junge Muslima, die sichtlich aufgewühlt ist. „Ich erfahre es doch selbst jeden Tag, wenn ich die komischen Blicke von den Leuten im Bus sehe.“ Zugleich gibt es viele Akte der Solidarität. Rabbi Herschel Gluck eilte sofort am Morgen aus den nahe gelegenen Stamford Hill herbei, einem Zentrum des ultraorthodoxen Judentums in London. „Wir haben sehr gute Beziehungen zwischen den Gemeinden“, sagt er. „Meine Reaktion ist tiefer Schock und große Sorge über die Folgen dieser terroristischen Gräueltat.“ Alice, eine Frau, die seit 27 Jahren im Viertel wohnt, streift sich ein T-Shirt über mit der Aufschrift: „Nicht in meinem Namen“. Dann kommt sie mit einem Poster zum Finsbury Park, auf dem zu lesen ist: „Lasst unsere muslimischen Nachbarn in Ruhe!“. Schnell bildet sich ein kleiner Schrein für die Opfer unter einer der U-Bahn-Unterführungen. Blumensträuße werden abgelegt und Karten hinterlassen: „Dieses abscheuliche Verbrechen ist nicht, was wir sind“, steht auf einer Grußkarte. Die britische Premierministerin Theresa May, die am Morgen eine Krisensitzung des Notfallkomitees „Cobra“ leitete, unterstreicht die Botschaft der Solidarität. „Dieser Anschlag“, sagt sie in einer Ansprache vor ihrem Amtssitz in Downing Street, „will uns als Gesellschaft spalten. Wir werden dies aber nicht zulassen. Terrorismus, Extremismus und Hass nehmen viele Formen an. Wir werden vor nichts zurückschrecken, um sie zu besiegen.“

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