USA RHEINPFALZ Plus Artikel Der Erpresser am Telefon im Weißen Haus

Wer hat die Macht im Kapitol von Washington? Darüber entscheiden an diesem Dienstag nochmal die Wähler von Georgia.
Wer hat die Macht im Kapitol von Washington? Darüber entscheiden an diesem Dienstag nochmal die Wähler von Georgia.

Dass Donald Trump nach wie vor nicht vorhat, seine Niederlage vom 3. November einzugestehen, zeigt der Mitschnitt eines Telefonats, der seit dem Wochenende die USA erschüttert. Der Vorfall könnte die Senatsnachwahlen in Georgia an diesem Dienstag entscheidend beeinflussen.

Trumps Anrufe sind längst berüchtigt. Wie schon im Sommer 2019, als er seinen ukrainischen Amtskollegen Wolodimir Selenskij aufforderte, ihm Wahlkampfmunition gegen Joe Biden zu liefern, klingt der amerikanische Präsident im aktuellen Mitschnitt wie ein Erpresser. In einem einstündigen Gespräch mit dem Innenminister Georgias – einem Parteifreund – droht Trump unverhohlen mit Konsequenzen, sollte er nicht tun, was der Präsident wünscht.

Zugespielt wurde die Tonaufnahme der „Washington Post“, die sie in voller Länge ins Netz stellte. „Schauen Sie, ich will nur eines, ich will 11.780 Stimmen finden“, sagt Trump zu Brad Raffensperger, einem Republikaner, dem die Aufsicht über die Wahlen in dem südlichen Bundesstaat obliegt. Joe Biden hatte das Votum dort mit 11.779 Stimmen Vorsprung für sich entschieden. Zwei Nachzählungen in Folge, eine per Maschine, eine per Hand, hatten Bidens Sieg bestätigt, sodass auch die Wahlleute Georgias pflichtgemäß ihre Stimmen für den Demokraten abgaben.

Minister zeigt Rückgrat

Das alles hinderte dessen Widerpart nicht daran, Raffensperger quasi in der Nachspielzeit zum groben Foul aufzufordern. Es könne nicht sein, dass er verloren habe, es müsse Betrug im Spiel sein, wiederholte Trump, was er schon seit Wochen behauptet. „Die Menschen in Georgia sind wütend. Die Menschen im Land sind wütend.“ Raffensperger solle sich die Sache noch einmal anschauen: „Es ist nichts Falsches daran zu sagen, dass Sie nachgerechnet haben“. Wenn der Minister das tue, verdiene er sich echten Respekt, schmeichelt der Präsident.

Als Raffensperger kühl entgegnet, Trumps Daten seien nicht akkurat, die offiziellen Angaben dagegen von Gerichten bestätigt, schlägt er andere Töne an. „Sie wissen, was getan wurde, und Sie berichten nicht darüber“, wirft er dem Mann in Atlanta vor, wobei er seine Manipulationstheorien zu erwiesenen Fakten erklärt. „Wissen Sie, das ist eine Straftat. Das dürfen Sie nicht zulassen. Das ist ein großes Risiko für Sie und Ihren Anwalt. Ein großes Risiko.“

Wie ein Mafiaboss

Demokratische Abgeordnete in Washington vergleichen das Verhalten Trumps denn auch mit dem eines Mafiabosses. Alexandria Ocasio-Cortez, eine der Symbolfiguren des linken Flügels ihrer Partei, fordert ein zweites Amtsenthebungsverfahren gegen den Staatschef, auch wenn der in zwei Wochen ohnehin seinen Hut nehmen muss. Der Kalifornier Adam Schiff, federführend beim ersten, erfolglosen Impeachment-Versuch, spricht von einer Verachtung für die Demokratie, die sich einmal mehr manifestiere. „Wahrscheinlich kriminell. Und ein weiterer Missbrauch der Macht durch einen korrupten Mann, der ein Despot wäre, würden wir es erlauben.“

Auch in den Reihen der Konservativen fanden einige den Mut, sich ohne Wenn und Aber von Trump zu distanzieren. Adam Kinzinger, ein Volksvertreter aus Illinois, charakterisierte das Telefonat als „absolut beschämend“.

Historisches Rennen in Georgia

Was Beobachter indes vor Rätsel stellt, ist das Timing des Erpressungsversuchs, so kurz vor zwei Senatsstichwahlen in Georgia, die darüber entscheiden, ob der künftige Präsident Biden seine Agenda im Kongress durchsetzen oder ob ihn die Opposition ausbremsen kann. Zwar rührt Trump kräftig die Werbetrommel für Kelly Loeffler und David Perdue, die beiden Republikaner, die ihr Mandat verteidigen. Doch wenn er Zweifel am korrekten Ablauf des Präsidentschaftsvotums in Georgia sät, könnte dies manche seiner Fans dazu bringen, den anstehenden Urnengang zu boykottieren. Ob es so kommt, ob der Bumerang-Effekt für die Republikaner tatsächlich eintritt, bleibt indes abzuwarten.

Herausgefordert wird das republikanische Duo von Raphael Warnock (51), einem politisch auf der Linken angesiedelten Geistlichen, und Jon Ossoff, einem 33-Jährigen, der bislang Dokumentarfilme produzierte. Da kein Kandidat beim ursprünglichen Votum am 3. November mindestens die Hälfte der Stimmen erhielt, muss nach den Gesetzen Georgias ein zweiter Durchgang entscheiden.

Gewinnen sowohl Warnock als auch Ossoff, kommen die Demokraten im US-Senat auf 50 Sitze. De facto wäre es eine Mehrheit, denn bei einem Patt würde das Votum der Vizepräsidentin Kamala Harris den Ausschlag geben. In dem Fall könnte die Regierung Biden vieles von dem durchsetzen, was sie sich vorgenommen hat. Die Blicke sind dabei vor allem auf Warnock gerichtet. Zieht er in die Kammer ein, schreibt er Geschichte. Es wäre das erste Mal, dass ein schwarzer Politiker Georgia, eines der Schwergewichte der Südstaaten-Konföderation des amerikanischen Bürgerkriegs, im Senat repräsentiert. Hinzu kommt die Symbolik seines bisherigen Amtes: An der Ebenezer Baptist Church, deren Pfarrer er seit 2005 ist, predigte einst Martin Luther King, der legendäre Bürgerrechtler.

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