Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Corona-Forscher: „Wir haben jetzt die richtigen Werkzeuge“

Für den Schweizer Molekularbiologen Emanuel Wyler eine „Sternstunde der Wissenschaft“: Die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes.
Für den Schweizer Molekularbiologen Emanuel Wyler eine »Sternstunde der Wissenschaft«: Die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. Hier die Produktion von Biontech in Marburg.

Vor genau einem Jahr wurde der erste Corona-Fall in Rheinland-Pfalz gemeldet. An diesem Tag interviewte Winfried Folz den Schweizer Molekularbiologen Emanuel Wyler, der am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin forscht. Ein Jahr danach haben die beiden sich erneut unterhalten. Was war das für ein Jahr?

Herr Wyler, im ersten Interview ging es um das Händewaschen als wichtigste Vorsichtsmaßnahme gegen eine Ansteckung. Warum haben wir alle die Corona-Gefahr unterschätzt?
Ich glaube, dass wir im letzten Jahr uns zu wenig vorstellen konnten, was da auf uns zukommt. Und vor allem auch, wie lange es dauern wird. Und wie umfassend die Auswirkungen der Pandemie sein würden.

Nach einem harten Corona-Winter mit viel Daheimbleiben freuen wir uns aufs Frühjahr. Doch die Fallzahlen steigen wieder – wegen der Virus-Mutationen. Können Sie uns trotzdem ein bisschen Hoffnung machen?
Atemwegsviren wie das Coronavirus verbreiten sich vor allem im Winter. Es ist daher durchaus wahrscheinlich, dass uns wie voriges Jahr der Frühling helfen wird. Auch haben wir jetzt die Impfung und viel mehr Testmöglichkeiten. Wir brauchen die richtigen Werkzeuge, um das Virus auch ohne starke Kontaktbeschränkungsmaßnahmen einzudämmen. Mittlerweile haben wir diese Werkzeuge und können und müssen sie anwenden.

Die Lockdown-Strategie der Politik ist angreifbar, weil wir trotz aller Forschung immer noch nicht genau wissen, wo man sich tatsächlich ansteckt. Wie ist das zu erklären?
Um das genau sagen zu können, braucht es akribische Detektivarbeit. Man müsste zum Beispiel in einer Stadt jede zehnte Ansteckung genau nachverfolgen und alle möglichen und unmöglichen Kontakte erfragen und testen. Das ist einfach, wenn sich jemand im Großraumbüro oder in der Familie angesteckt hat, und diese Fälle findet man bald. Umso schwieriger sind die nicht so naheliegenden Ansteckungen: im Zug oder beim Schlangestehen im Supermarkt. Wie soll man herausfinden, mit wem man vor der Kasse gewartet hat? Nur wenn auch diese Übertragungen genau bestimmt werden können, ergibt sich ein komplettes Bild. Für diese Detektivarbeit gibt es zurzeit keine Ressourcen.

Sie betreiben am Berliner Max-Delbrück-Centrum Grundlagenforschung und untersuchen, was in den Zellen passiert, wenn das Virus eindringt. Wann wird es ein Medikament gegen Covid-19 geben?
Das Schwierige in der Behandlung von Covid-19 ist, dass es nach der Ansteckung mit dem Virus drei Phasen gibt. In der ersten vermehrt sich das Virus. Nach der Ansteckung dauert es ja einige Tage, bis Symptome auftreten. Und dann muss erst noch getestet werden. Genau in dieser Zeit müssten virushemmende Medikamente gegeben werden. Aber bis die Infektion tatsächlich bestätigt ist, ist das Virus in den meisten Fällen schon auf den Rückzug. Deswegen wurden bisher für direkt gegen Virus gerichtete Medikamente nur geringe Wirksamkeit gesehen. Weil man sie schlicht meistens zu spät geben kann.

Also keine Chance für ein Medikament?
Doch. In der zweiten Phase, bei schwereren Verläufen, gibt es eine Überreaktion des Immunsystems, die sehr gefährlich werden kann. Hier gibt es mit dem Cortison Dexamethason, welches das Immunsystem dämpft, ein zumindest teilweise wirksames Medikament. Grundsätzlich sind solche Immunsystem-Dämpfer sehr schwierig anzuwenden. Denn das Immunsystem wird ja gebraucht, um das Virus loszuwerden. Und schlussendlich gibt es die dritte Phase der Langzeitwirkungen, das sogenannte „Long Covid“-Phänomen. Hier ist die Forschung noch ganz am Anfang, was Ursachen und mögliche Therapien angeht.

Rückblickend war das Corona-Jahr ein Triumph für die Wissenschaft. Etliche Impfstoffe wurden in Rekordtempo entwickelt. Wie ist das gelungen?
Die Impfstoffe werden rückblickend hoffentlich als Sternstunde der Wissenschaft gelten. Vor allem bei den mRNA-Impfstoffen wie denen von Biontech-Pfizer oder Moderna handelt es sich um eine neue und sehr innovative Methode. Die beruht aber auf jahrzehntelanger Grundlagenforschung, die eher wenig beachtet wurde. Das zeigt, wie wichtig in der Forschung der lange Atem ist – und die Förderung von heute noch als abseitig geltenden Themen.

Der Schweizer Emanuel Wyler ist Grundlagenforscher am Max-Delbrück-Centrum in Berlin.
Der Schweizer Emanuel Wyler ist Grundlagenforscher am Max-Delbrück-Centrum in Berlin.
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