Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Chemiebranche: Mehr Versicherungsschutz im Pflegefall

Für den Pflegefall können die Chemie-Beschäftigten nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Angehörigen zusätzlich absichern.
Für den Pflegefall können die Chemie-Beschäftigten nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Angehörigen zusätzlich absichern.

Pflegebedürftige sehen sich häufig vor der Frage, wie sie die benötigten Leistungen finanzieren sollen. Die gesetzliche Pflegeversicherung reicht dafür oft nicht aus. Für die Beschäftigten der Chemieindustrie gibt es künftig eine tarifliche Pflegezusatzversicherung.

Kurzarbeit, Lohnkürzungen, drohender Abbau von Arbeitsplätzen – das sind Themen, mit denen sich Tarifpolitiker in vielen Branchen angesichts der andauernden Corona-Krise derzeit zu beschäftigen haben. Da macht die Chemieindustrie keine Ausnahme.

Dieser Tage wird aber auch eine Vereinbarung in die Praxis umgesetzt, mit der nicht nur für Ralf Sikorski, Tarifvorstand der IG BCE, ein „neues Kapitel in der Tarifpolitik“ aufgeschlagen wird: eine tarifliche Pflegezusatzversicherung, neudeutsch Careflex Chemie.

Geld bei häuslicher und stationärer Pflege

Ausgangspunkt dafür, sich in Tarifverhandlungen überhaupt mit diesem Thema zu beschäftigen, war die Erkenntnis, dass in einer älter werdenden Gesellschaft das Risiko steigt, selbst pflegebedürftig zu werden. Hinzu kommt, dass die gesetzliche Absicherung in vielen Fällen nicht ausreicht, um die Kosten im Pflegefall vollständig zu decken. Und so war nicht nur die Gewerkschaft, sondern auch der Arbeitgeberverband BAVC gewillt, in der Chemie-Tarifrunde des vergangenen Jahres über eine Lösung zu verhandeln, um diese Finanzierungslücke zu schließen oder zumindest zu verkleinern. Der gemeinsame Wille wurde in die Tat umgesetzt; am Ende stand der bundesweit erste Flächentarifvertrag für eine Pflegezusatzversicherung.

Der Vertrag sieht vor, dass alle rund 580.000 Tarifbeschäftigten in der Chemieindustrie künftig ein tarifliches Pflegegeld erhalten, wenn sie pflegebedürftig werden. Bei häuslicher Pflege gibt es, bei Pflegegrad zwei bis vier, monatlich 300 Euro, bei stationärer Pflege bei Pflegegrad zwei bis fünf 1000 Euro im Monat.

Mitversicherung von Angehörigen möglich

Für solche Leistungen müssen freilich Beiträge gezahlt werden. In der Chemie werden die vom Arbeitgeber entrichtet. Und zwar zahlt dieser je Mitarbeiter monatlich 33,65 Euro, unabhängig vom Gehalt des Arbeitnehmers.

Neben dieser Grundversorgung bietet Careflex Chemie Beschäftigten die Möglichkeit, sich selbst noch besser abzusichern – dann auf eigene Kosten. Die Beiträge richten sich dabei nach der Höhe der gewünschten Zusatzleistung und dem Alter des Mitarbeiters. Will beispielsweise ein 40-Jähriger die Leistungen für stationäre Pflege aufstocken, so fallen pro 100 Euro Aufstockungsbetrag monatlich 1,65 Euro an. Zudem muss er sich einer „Mini-Gesundheitsprüfung“ unterziehen.

Darüber hinaus können sowohl Kinder und Ehepartner als auch Eltern, Schwiegereltern und Enkel mitversichert werden. Auch hier richten sich die vom Arbeitnehmer zu zahlenden Beiträge nach dem Alter sowie der Höhe der Leistung. Kinder und Ehepartner müssen sich einer „verkürzten Gesundheitsprüfung“ unterziehen, für Eltern, Schwiegereltern und Enkel wird eine „einfache Gesundheitsprüfung“ fällig.

BASF eines der Pilotunternehmen

Für jeden lasse sich so ein „maßgeschneidertes Paket“ schnüren, streicht Ralf Sikorski, der für die IG BCE die Tarifverhandlungen führt, heraus. Beginnen wird die Versicherung im kommenden Juli. Weil weder die Gewerkschaft noch der Arbeitgeberverband selbst als Versicherer auftreten können, wurden mit drei einschlägigen Unternehmen entsprechende Verträge unterzeichnet: der R+V Krankenversicherung, der Deutschen Familienversicherung und der Barmenia Krankenversicherung.

Nachdem das Vertragliche geklärt ist, startet nun die nächste Phase. Von August bis Dezember können sich die rund 1900 tarifgebundenen Chemieunternehmen registrieren und für den Versicherungsschutz anmelden. Die Beschäftigten ihrerseits können sich beraten lassen. Für die Mitarbeiter von bundesweit zehn Pilotunternehmen, darunter die BASF, starten diese Beratungen bereits im Oktober. Ansonsten geht es im Januar 2021 los.

Was ist mit AT-Angestellten?

Nun gilt ein Tarifvertrag typischerweise zunächst nur für Tarifbeschäftigte. Pflegebedürftig können freilich auch außertarifliche und leitende Mitarbeiter und deren Angehörige werden. Deshalb fordert Ralf Sikorski die Unternehmen auf, die Zusatzversicherung auch dieser Angestelltengruppe zu ermöglichen. Bei der BASF ist man diesbezüglich offensichtlich schon einen Schritt weiter: Stand der Verhandlungen sei, dass die BASF diese Versicherung nicht nur den bis zu 24.000 Tarifbeschäftigten anbiete, sondern allen Mitarbeitern, sagt der Ludwigshafener IG-BCE-Bezirksleiter Gunther Kollmuß.

Für Kollmuß handelt es sich bei dieser Zusatzpflegeversicherung um eine „klassische gewerkschaftliche Tätigkeit“, weil es darum gehe, im solidarischen Verbund bessere Bedingungen für die Beschäftigten zu erreichen. Konkrete Informationen zu Careflex Chemie soll es am kommenden Montag ab 17 Uhr bei einer Veranstaltung im Ludwigshafener Heinrich-Pesch-Haus geben.

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