Afrika RHEINPFALZ Plus Artikel Chaos in der Sahelzone

Nach zehn Jahren zog Frankreich seine Soldaten aus der afrikanischen Sahelzone ab.
Nach zehn Jahren zog Frankreich seine Soldaten aus der afrikanischen Sahelzone ab.

Sieben Militärcoups in drei Jahren: In Sachen Staatsstreiche steht Afrikas Sahelzone ganz oben auf der Weltrangliste. Das hat auch Folgen für Europa.

Die Kapitulationserklärung war in eine Demonstration der Stärke versteckt. Vor zwei Kampfhubschraubern im Marinestützpunkt Toulon platziert gab Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vergangene Woche das Ende der Barkhane-Mission in der afrikanischen Sahelzone bekannt. Mit dem Ende der über zehnjährigen Militäroperation, um den islamistischen Terrorismus zu bekämpfen, sehen viele auch das Ende der „Francafrique“ gekommen, des postkolonialen Einflusses Frankreichs in Afrika.

Wäre der Landstrich, der sich von Mauretanien im Westen bis nach Eritrea im Osten des Kontinents fast 6000 Kilometer lang südlich der Sahara durch den Erdteil zieht, tatsächlich nur jener trostlose Streifen, als der er vom Flugzeug aus erscheint – die der Sahelzone gewidmete Aufmerksamkeit wäre kaum zu erklären. Doch dem dürren Gürtel kommt gleich in dreifacher Hinsicht außerordentliche Bedeutung zu: als Bodenschatztruhe (Gold und Uran), als Aufmarschgebiet islamistischer Extremisten und als Migranten-Hürde. Wenn es hier brennt, wird es auch im europäischen Nachbarkontinent heißer.

Vom Klimawandel am schlimmsten betroffen

Und derzeit brennt es lichterloh. Die Opferbilanz einer Oktoberwoche sieht so aus: In Burkina Faso kommen in einem Hinterhalt 13 Soldaten ums Leben, im Tschad werden mehr als 50 Demonstranten erschossen, im Zentrum Malis finden bei einem Massaker 60 Zivilisten den Tod, im Gegenzug will das Militär 41 Extremisten „ausgeschaltet“ haben. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres forderten die Gewalttaten in der westlichen Sahelzone mehr als 2200 Tote. Blutige Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen, miserable Regierungsführung, extremistische Umtriebe, ausländische Einflussnahme und die Folgen der Klimaerwärmung hätten sich zu einem „perfekten Sturm“ zusammengeballt, sagen Experten.

Aus historischer Sicht hätte man in der Sahelzone mehr Homogenität erwartet. Die Region war einst ausschließlich von Frankreich kolonialisiert. Im Gegensatz zur indirekten Herrschaft der Briten hatte Paris tiefer und nachhaltiger in die Strukturen seiner Kolonien eingegriffen – und auch nach deren Unabhängigkeit nicht wirklich losgelassen. In den meisten westlichen Sahelstaaten waren bis vor Kurzem noch Fremdenlegionäre stationiert, ihre Währung, der Franc, ist an den Euro gekoppelt – auch das wird sich womöglich bald ändern.

Nomaden gegen Ackerbauern

Die Auseinandersetzungen in der Sahelzone werden mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Der Landstrich gilt als der am schlimmsten betroffene in Afrika. Bereits seit Jahrzehnten breitet sich die Sahara unbarmherzig in den Süden aus. Die Viehhirten sehen sich gezwungen, mit ihren Herden ebenfalls nach Süden auszuweichen. Dort kommt es immer häufiger zu Konflikten mit den Ackerbauern. Uralte Vereinbarungen, die die Koexistenz zwischen den nomadischen Viehherden und den Landwirten bisher regelten, gelten nicht mehr. Die Regierungen, die von postkolonialen Eliten in entfernten Städten geführt werden, zeigen sich machtlos. Sie hatten bislang die Landwirte begünstigt, weil diese für Nahrungsmittelsicherheit sorgten und besteuert werden konnten. Die Nomaden konnten hingegen sehen, wo sie blieben.

Manche von ihnen schlossen sich der fundamentalistischen Erweckungsbewegung an, die gegen die Vorherrschaft und Dekadenz des christlichen Westens in der islamischen Welt entstanden war. Die Bewegung wurde in der Sahelzone mit Geld und Ideologie aus Saudi-Arabien sowie mit Waffen aus den Ruinen des mit Nato-Bomben zerstörten libyschen Gaddafi-Reichs versorgt. Die Feinde der Fundamentalisten waren neben den Ackerbauern die urbanen Eliten, die als korrupte, vom Westen geführte Marionetten galten.

Sieben Staatsstreiche in drei Jahren

Die Regierungselite konnte sich im Kampf gegen die islamistischen Extremisten zunächst noch auf ihre Armeen verlassen. Doch bald sahen sich die Soldaten in dem Buschkrieg verheizt und wandten sich schließlich gegen ihre politischen Auftraggeber. Die Saison der Militärcoups brach an. Innerhalb von drei Jahren kam es in der Sahelzone zu sieben Staatsstreichen. Da Frankreich bei der Jagd auf die „Terroristen“ eher glücklos operierte und mit den politischen Eliten verbunden war, konnte die Ex-Kolonialmacht bald nicht mehr auf die Sympathie der Militärs setzen. Diese warfen Paris allen Ernstes die Finanzierung der islamistischen Extremisten vor. Sich dermaßen unverfroren gegen die ehemaligen Verbündeten zu stellen, konnten sich die Putschisten nur leisten, weil sich inzwischen neue Freunde angedient hatten – die russische Söldnertruppe „Wagner“. Seit Beginn dieses Jahres sind rund 1000 ihrer Kämpfer in Mali stationiert, auch in der Zentralafrikanischen Republik und im Sudan sind sie bereits.

Die Präsenz der russischen Söldner besiegelte den Abzug der französischen Soldaten. Doch noch immer sind in Mali mehr als 1000 Bundeswehrsoldaten stationiert, die mit der Aufklärung für die UN-Mission Minusma beauftragt sind. Allerdings dürfen sie ihre Drohnen inzwischen nur noch dann fliegen lassen, wenn Malis Militärregierung grünes Licht gibt. Was in Deutschland wieder einmal die Frage nach dem Sinn dieser Mission aufwirft.

Haben die Franzosen mit ihrem Abzug also nicht die einzig richtige Entscheidung getroffen? Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) widerspricht: Im Gegensatz zum Auftrag der Fremdenlegionäre, Extremisten zu jagen, sei die Mission der Bundeswehrsoldaten, die malische Bevölkerung zu schützen. Ihre Erfolgsbilanz sieht allerdings auch nicht besser aus.

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