Gesundheit
Brüssel will Anreize für Entwicklung neuer Antibiotika setzen
Bakterielle Infektionen waren einst der Schrecken der Menschheit: Unzählige starben an Wundinfektionen, Lungenentzündung oder Scharlach. Mit der Entdeckung von Antibiotika hat sich das geändert. Mehr noch: Ohne die antibakteriellen Medikamente wäre der Siegeszug der modernen Medizin völlig undenkbar. Immerhin werden sie auch bei vielen OPs und Untersuchungen eingesetzt.
Umso bedenklicher ist es deshalb, dass viele Antibiotika nicht mehr wirken. Eine 2022 im Fachmagazin „Lancet“ veröffentliche Studie kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich 1,27 Millionen Kranke sterben, weil ihnen mit Antibiotika nicht mehr geholfen werden kann. Bei weiteren knapp fünf Millionen Menschen steht der Tod im Zusammenhang mit Resistenzen.
Resistenz ist zunächst einmal ein natürlicher Vorgang: Wenn sich Bakterien vermehren, kopieren sie ihr Erbgut. Dabei entstehen Mutationen, was zu einer Widerstandskraft gegen bestimmte Wirkstoffe führen kann. Dieser Vorgang wird noch zusätzlich dadurch begünstigt, dass die immer gegen bestimmte Bakterienstämme gerichtete Medikamente wahllos eingenommen werden. In vielen Ländern sind diese Mittel nicht einmal verschreibungspflichtig.
Zu wenige „Rettungsanker“
Zwar forschen Wissenschaftler und Firmen weltweit an neuen antibakteriellen Wirkstoffen. Allerdings gibt es bei sogenannten Reserve-Antibiotika – also Medikamenten, die genutzt werden, wenn sonst nichts mehr hilft – ein Dilemma. Diese Mittel sollen ja ausdrücklich so selten wir irgend möglich verordnet werden – auch, damit sich keine Resistenzen entwickeln können. Damit fehlt dem Hersteller eines solchen „Rettungsankers“ aber der Umsatz, den er bräuchte, um die Forschungskosten wieder einzuspielen und Profit zu erzielen.
Die Folge: Viele große europäische Arzneimittelhersteller haben sich in den vergangenen 20 Jahren aus diesem Segment zurückgezogen. Aktuell sind in Europa hier nur die Baseler Firmen Roche und Bioversys sowie die italienische Menarini-Gruppe tätig. Zugleich aber engagieren sich kleine und mittlere Unternehmen. In der BEAM-Allianz („Biotech Companies from Europe Innovating in Anti-Microbial Resistance Research“) sind mehr als 70 von ihnen zusammengeschlossen.
Neues Vergütungssystem
Diese kleinen und mittleren Unternehmen haben 68 Wirkstoffe entwickelt, die sich in der klinischen Prüfung befinden. Allerdings brauchen sie in der Regel für die Vermarktung die Mitwirkung eines Pharma-Riesen. Und der lässt sich – siehe oben – schwer finden, wenn er für die Innovation keinen nennenswerten Umsatz erzielen kann.
Deshalb schlägt die EU-Kommission nun ein neues Vergütungssystem vor. Wer neue und „revolutionäre“ Antibiotika entwickelt, soll einen Gutschein bekommen. Das heißt: Für ein anderes Medikament steht dieser Firma dann ein weiteres Jahr ein Schutz zu, der verhindert, dass andere Firmen jenes Arzneimittel als günstiges „Nachahmer-Präparat“ (Generikum) auf den Markt bringen können.
Die Verlängerung des exklusiven Marktzugangs macht laut Branchenschätzungen einen Umsatz von etwa einer Milliarde Euro aus. Die Kommission, so der Vorschlag, könnte über 15 Jahre zehn solcher Gutscheine vergeben, wobei es auch möglich ist, dass ein Hersteller den Gutschein an ein anderes Unternehmen verkauft.
USA müssen dabei sein
Noch ist offen, ob die EU-Staaten dem Vorschlag der Kommission folgen. Denn er erhöht auf nationaler Ebene die Kosten, weil das günstigere generische Nachahmer-Präparat dort erst später zur Verfügung steht. Anderseits müssen die Kostenträger im Gesundheitswesen (seien es die Krankenkassen oder der Staat oder beide) auch Geld aufbringen, um die Patienten zu versorgen, denen Ärzte mit den bestehenden Antibiotika nicht helfen können – vom Leid der Betroffenen ganz zu schweigen.
Doch selbst, wenn sich der Vorschlag der Kommission durchsetzte, wäre die Arbeit noch nicht getan. Die Chancen für neue Arzneimittel sind nämlich dann am größten, wenn auch die USA (sie sind der weltweit größte Pharmamarkt) eine ähnliche Lösung anstrebten. Sprich: Wenn auch dort der potenzielle Hersteller eines neuen Antibiotikums einen finanziellen Anreiz für die Forschung und Entwicklung bekäme. Entsprechende Überlegungen gibt es in den USA.