INterview RHEINPFALZ Plus Artikel Botschafter: Deutsch-französischer Motor läuft auf Hochtouren

Ihr Einsatz ist gefragt, um die deutsch-französischen Beziehungen und damit auch die EU voranzubringen: Präsident Emmanuel Macro
Ihr Einsatz ist gefragt, um die deutsch-französischen Beziehungen und damit auch die EU voranzubringen: Präsident Emmanuel Macron (links) und Bundeskanzler Olaf Scholz.

In den vergangenen Monaten gab es zwischen Deutschland und Frankreich einige Reibereien. Darüber sprach Ralf Joas mit François Delattre, dem Botschafter Frankreichs in Berlin.

Herr Botschafter, für Sie schließt sich ein Kreis. Während der Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung waren Sie in der französischen Botschaft, damals noch in Bonn, tätig. Nun sind Sie als Botschafter Ihres Landes nach Deutschland zurückgekehrt. Was verbinden Sie mit Deutschland?
Es stimmt, ich war von 1989 bis 1991 als junger Diplomat in Bonn im Einsatz. Ich hatte das immense Glück, die Wiedervereinigung mit meinen deutschen Freunden zu erleben. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde. 30 Jahre später bin ich zurück in diesem Land, das ich liebe. Das ist mir eine große Ehre und Freude.

Im Moment hat man den Eindruck, dass Deutschland und Frankreich auf der politischen Ebene miteinander fremdeln.
Diese Ansicht teile ich nicht. Das Treffen zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Emmanuel Macron am 26. Oktober war sehr wichtig. Bei dieser Begegnung haben der Präsident und der Bundeskanzler zwei Dinge entschieden: Sie haben den starken politischen Willen bekräftigt, dass sie die aktuellen und kommenden Herausforderungen auf Basis der deutsch-französischen Zusammenarbeit angehen werden. Das ist sehr wichtig. Zudem haben sie beschlossen, mehrere Arbeitsgruppen einzurichten, um wichtige Punkte in den heutigen Beziehungen zu bearbeiten.

Worum geht es hier konkret?
Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Themen Energie und Wasserstoff. Es geht darum, von objektiv unterschiedlichen Positionen zu einer Konvergenz kommen, was das Thema Energie und Wasserstoff betrifft. Das ist nicht einfach, aber wir arbeiten daran. Die zweite Arbeitsgruppe behandelt die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. In diesem Zusammenhang war es eine sehr gute und sehr wichtige Nachricht, dass es nun ein Abkommen gibt über ein gemeinsames Luftkampfsystem, FCAS genannt. Beide Länder wollen auch gemeinsam auf das US-Investitionsprogramm, den Inflation Reduction Act, reagieren. Ich erinnere zudem daran, dass beim Besuch von Premierministerin Elisabeth Borne in Berlin am 25. November ein wichtiges Abkommen über Energiesicherheit unterzeichnet wurde. Der deutsch-französische Motor ist also wieder angesprungen, läuft auf Hochtouren.

Sie haben das US-Investitionsprogramm angesprochen. Präsident Emmanuel Macron hat als Reaktion ein europäisches Unterstützungsprogramm gefordert. Worum geht es Frankreich konkret und: Droht nicht die Gefahr eines transatlantischen Handelskriegs?
Die Gefahr eines Handelskriegs sehe ich wirklich nicht. Ich sehe aber die Gefahr, dass das US-Programm zwar ein gutes Ziel verfolgt, nämlich den Weg zu einer dekarbonisierten Wirtschaft zu ebnen. Aber als Europäer müssen wir aufpassen, dass die dabei vorgesehenen Steuergutschriften nicht unseren Interessen schaden. Es gibt in Frankreich wie in Deutschland viele Unternehmen, die darüber nachdenken, eigentlich in Europa geplante Investitionen künftig in den USA zu tätigen. Da besteht eine Gefahr für die europäische Industrie. Es gibt darüber einen intensiven Austausch mit Deutschland wie auch mit der EU, um eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Denn wenn wir nichts tun, besteht das Risiko, dass Europa bei dieser energiepolitischen Revolution als Verlierer dastehen wird. Es geht also um die Energiewende, um unsere Industrie und um Arbeitsplätze.

Sie haben auch das Luftkampfsystem FCAS angesprochen. Darüber gibt es nun eine politische Einigung. Zugleich kauft Deutschland in den USA F-35-Kampfflugzeuge. Ist das nicht ein Widerspruch?
Hier gilt es zwei Dinge auseinander zu halten. Die Begründung, die unsere deutschen Freunde für den Kauf der F-35 anführen, haben wir verstanden. Nämlich dass es um die nukleare Teilhabe geht. Natürlich hätten wir es auch gut gefunden, wenn Deutschland sich für ein europäisches Produkt entschieden hätte. Aber letztlich respektieren wir die von Deutschland genannten Gründe für diese Entscheidung.

Eine andere Sache sind Entscheidungen, was die Ausrüstung angeht. Als Deutsche und Franzosen werden wir oft mit der Frage konfrontiert, ob wir kurzfristig etwas bereits Bestehendes kaufen sollen, wobei es sich meist um US-Waffen handelt, oder ob wir uns etwas Zeit nehmen sollen, um gemeinsam etwas zu entwickeln. Das Ziel dahinter ist, die gemeinsame europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zu stärken. Rüstungsindustrie ist Teil der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Wenn dieser Teil auf längere Sicht verschwindet, ist die Existenz Europas als wichtiger Pol einer multipolaren Welt in Gefahr. Hier müssen wir gemeinsam, Deutsche, Franzosen und andere, überlegen, was wir machen wollen, was unsere Ziele sind. Das sind wichtige Fragen.

Das alles beherrschende Thema ist derzeit der Ukraine-Krieg. Präsident Macron hat kürzlich von Sicherheitsgarantien gesprochen, die man Russland geben müsse. Das hat bei einigen in Deutschland für Irritationen gesorgt. Ist ein System der europäischen Sicherheit unter Einschluss Russlands derzeit überhaupt möglich und denkbar?
Was Präsident Macron gesagt hat, wurde an dieser Stelle aus dem Zusammenhang gerissen. Es gilt zwei verschiedene Phasen zu unterscheiden. Die erste Phase ist der Krieg, die russische Aggression gegen die Ukraine. Unsere gemeinsame Pflicht ist es, der Ukraine zu helfen. Und Frankreich tut das. Nach Angaben des Kiel-Instituts sind wir weltweit die Nummer drei, was die Hilfe für die Ukraine betrifft, ob es nun um humanitäre, militärische oder ökonomische Hilfe geht. Wir machen viel. Wenn dann in einer zweiten Phase die Zeit gekommen ist, dass die Ukraine entscheidet, Verhandlungen mit Russland zu führen – was letztlich die einzige Möglichkeit ist, diesen Krieg zu beenden – dann stellt sich die Frage nach der russischen Rolle, nach Garantien für die Ukraine. Aber an diesem Punkt sind wir derzeit nicht.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges von einer Zeitenwende gesprochen. Was bedeutet aus Sicht Frankreichs diese Zeitenwende für Europa, wo muss die EU dringend weiterentwickelt und reformiert werden?
Es ist überaus positiv, dass sich Deutschland im Rahmen dieser Zeitenwende für Europa in strategischen Fragen engagiert. Die Herausforderung besteht darin, die Zeitenwende in die Realität umzusetzen. Hierzu hat der Kanzler wichtige Ankündigungen gemacht, zum Beispiel das Sondervermögen für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro. Jetzt wollen wir unsere Bemühungen bündeln mit dem Ziel einer wirklichen europäischen Verteidigungsidentität.

Die Zeitenwende ist aus französischer Sicht eine Gelegenheit, damit Deutschland und Frankreich in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik noch enger zusammenrücken. Auch auf ökonomischer Ebene haben sich beide Länder in letzter Zeit angenähert. Allen Berichten über Divergenzen zum Trotz ist es Fakt, dass wir uns annähern, auf wirtschaftlichem wie auf strategischem Gebiet. Die große Herausforderung wird sein, wie wir die anderen EU-Mitglieder überzeugen können, ein Europa der Verteidigung in völliger Komplementaritat mit der Nato zu fördern. Die USA sind übrigens die ersten, die uns bitten, mehr für unsere Sicherheit und Verteidigung zu tun.

Im Januar wird das 60-jährige Bestehen des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags gefeiert. Wo sehen Sie künftige Aufgaben für beide Länder?
Ich glaube, dass wir uns mit Blick auf die Zukunft positionieren müssen, beispielsweise mit Blick auf die zum Teil revolutionären neuen Technologien, sowie im Bereich der Werte, die uns als Europäer definieren. Wir wollen ein neues Kapitel in den deutsch-französischen Beziehungen eröffnen, ein Kapitel für das 21. Jahrhundert. Das ist nicht einfach, aber wir sind auf einem guten Weg.

Zur Person

Schon mit seiner Ausbildung legte der 1963 in Saint-Marcellin (Département Isère) geborene François Delattre die Grundlagen für eine Karriere im französischen Staatsdienst: Er ist Absolvent des Institut d’études politiques und der Ecole normale d’administration, zwei französische Elite-Hochschulen. Von 1989 bis 1991 war er an der französischen Botschaft in Bonn tätig. Im vergangenen Jahrzehnt war Delattre Botschafter in den USA und Vertreter Frankreichs bei den UN, ehe er 2019 Generalsekretär im Pariser Außen- und Europaministerium wurde. Seit September ist Delattre Botschafter seines Landes in Deutschland.

François Delattre ist seit September Botschafter Frankreichs in der Bundesrepublik.
François Delattre ist seit September Botschafter Frankreichs in der Bundesrepublik.
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