Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Bistum Speyer: Übergriffe in der Kapelle

Betroffene des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche protestierten am Rande der Bischofskonferenz im März in Mainz.
Betroffene des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche protestierten am Rande der Bischofskonferenz im März in Mainz.

Das Bistum Speyer geht Missbrauchsvorwürfen gegen den früheren, inzwischen verstorbenen Generalvikar Motzenbäcker nach. Bischof Wiesemann macht diesen Fall öffentlich. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Das Opfer, das dies ins Rollen brachte, berichtet von schwerem sexuellen Missbrauch in einem Speyerer Kinderheim.

Ein Tatort des sexuellen Missbrauchs soll das im Jahr 2000 geschlossene Kinderheim in der Speyerer Engelsgasse nahe des Doms gewesen sein. Dorthin kam Klaus O.* im Alter von sechs Jahren. An das Leben in dem von Niederbronner Schwestern geleiteten Kinderheim denkt der heute 63-Jährige mit Schrecken zurück. Wie er sagt, wurde er dort durch den Geistlichen Rudolf Motzenbäcker missbraucht.

„Unter dem Deckmantel der Nonnen“

„Dr. Motzenbäcker hielt in der Kapelle des Kinderheimes den Morgengottesdienst für die Schwestern“, erinnert sich Klaus O. Dort fand auch die erste Annäherung zwischen dem Kirchenmann und dem kleinen Jungen statt. „Ich wurde sein Messdiener bei diesen Andachten.“ Der Geistliche lud den Jungen dann ein, ihm im Garten zu helfen. Motzenbäcker bewohnte eine Wohnung in den Domkapitularshäusern. Klaus O. berichtet, dass dort die ersten schweren Übergriffe stattfanden. Hunderte sollten folgen – in der Wohnung des Priesters, in der Kapelle und in einem Raum im Kinderheim. Klaus O. spricht von „Sexpartys“ mit anderen Kindern und Erwachsenen. „Und das alles unter dem Deckmantel der Nonnen“, sagt er.

Im Alter von 14 Jahren verließ Klaus O. das Kinderheim und ging bei einem Bäcker in die Lehre. Dort wohnte er auch. Doch der Missbrauch hatte für ihn kein Ende. „Der Bäckergeselle, ebenfalls aufgewachsen im Kinderheim, verging sich immer wieder an mir“, berichtet der heutige Rentner.

„Sie haben mir geglaubt“

Klaus O. versuchte nach der Ausbildung, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Er heiratete, wurde Vater von zwei Kindern, lebte in der Nähe von Heidelberg, zog dann nach Heppenheim. Das, was ihm als Kind Schlimmes widerfahren war, verdrängte er jahrelang. Das gelang ihm auch, bis zu dem Zeitpunkt, als im Jahr 2010 die unzähligen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bekannt wurden. An der lange als Vorzeigeschule für neue pädagogische Ansätze geltenden Einrichtung hatten die Übergriffe einiger Lehrer auf Schüler System.

Zwei weitere Opfer melden sich

„Damals kam alles wieder hoch“, blickt Klaus O. zurück, der zu diesem Zeitpunkt schon geschieden war. Er versuchte, sich Hilfe zu holen, um aus dem tiefen Loch wieder herauszukommen. Er meldete sich beim Bistum Speyer. „Die einzigen, die mir damals geholfen haben, waren der Missbrauchsbeauftragte und ein Jurist des Bistums.“ Dafür ist der Rentner heute noch dankbar. „Sie haben mir zugehört. Im Laufe der Zeit meldeten sich weitere Betroffene. Sie glaubten meinen Schilderungen.“ 2014 und 2018 zeigten zwei weitere Männer den Missbrauch durch Motzenbäcker in den Jahren 1963 bis 1975 an. Der 1998 verstorbene Priester war von 1959 bis 1968 Generalvikar und von 1969 bis 1995 oberster Jurist im Bistum.

Klaus O. ist heute noch erleichtert darüber, „dass ich in Speyer nicht um Geld betteln musste“. In „Anerkennung des Leids“ überwies ihm das Bistum 15.000 Euro und übernahm Therapiekosten in Höhe von 10.000 Euro.

208 Opfer und 109 Täter

Bislang hat das Bistum Speyer 130 Verdachtsfälle untersucht. Sie beziehen sich auf den Zeitraum von 1946 bis heute. 208 Betroffene und 109 Täter wurden ermittelt. 82 Verdachtsfälle, bei denen die Beschuldigten noch leben, gab man an die Staatsanwaltschaft. 62 Verfahren wurden eingestellt. 14 kirchliche Mitarbeiter wurden verurteilt oder das Verfahren wurde gegen eine Geldbuße eingestellt. Sechs Fälle sind noch nicht abgeschlossen. Bislang hat das Bistum an 59 Opfer rund 527.000 Euro gezahlt. Doch ihnen könnte nach den neuen Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz mehr zustehen. Denn die Bischöfe haben sich im September auf ein einheitliches Verfahren für die Einmalzahlungen an Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche geeinigt. Bis zu 50.000 Euro sollen gezahlt werden. Ein unabhängiges Gremium wird die Höhe der Summe individuell festlegen. Laut Bistum Speyer wollen 21 der 59 Betroffenen, die bisher Leistungen erhalten haben, höhere Summen beantragen.

Klaus O., der von Hartz IV lebt, hat vor fünf Jahren noch einen anderen Weg beschritten. Er stellte einen Antrag auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz. Anspruch darauf hat derjenige, der in Deutschland Opfer einer vorsätzlichen Gewalttat wird, dazu zählt sexueller Missbrauch, und dadurch eine gesundheitliche Schädigung erleidet. Der Antrag des Rentners wurde jedoch abgelehnt – aufgrund fehlender Nachweise des Missbrauchs. Klaus O. gab nicht auf. „Ich wandte mich wieder an das Bistum Speyer. Man setzte mir ein Schreiben auf, in dem der Verdacht des sexuellen Missbrauchs durch Dr. Motzenbäcker bestätigt wurde.“ Dies sowie ein Glaubwürdigkeitsgutachten, das man von Klaus O. erstellte, überzeugten die Richterin am Darmstädter Sozialgericht. Im April wurde das Urteil verkündet: Der Anspruch auf Opferentschädigung ist gerechtfertigt. Nun erhält Klaus O. monatlich eine kleine Rente.

Bischof will Betroffene ermutigen

Zehn Jahre nachdem Klaus O. seinen Missbrauch durch den Priester Rudolf Motzenbäcker beim Bistum angezeigt hatte, geht der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann nun an die Öffentlichkeit. Er nennt den Namen des Täters, der in der Bistumsleitung Verantwortung getragen hatte. Warum erst jetzt? Das erklärt Wiesemann in einem Interview der Kirchenzeitung „Der Pilger“ so: „Angeregt durch die Aufarbeitungsprojekte in anderen Bistümern, wird derzeit verstärkt nach der Beteiligung von Verantwortungsträgern auf der oberen Leitungsebene der Bistümer gefragt.“ Die Vorwürfe, die von drei Betroffenen unabhängig voneinander gegen Prälat Motzenbäcker erhoben wurden, seien sehr gewichtig. Und das Gerichtsurteil zugunsten eines Betroffenen sei öffentlich. Darin wird der ehemalige Generalvikar Motzenbäcker namentlich genannt. Die Gläubigen im Bistum wie auch die Öffentlichkeit hätten ein Anrecht darauf, über diesen Sachverhalt informiert zu werden. Damit will der Bischof Menschen ermutigen, sich ohne Angst bei den unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Diözese zu melden.

Fall geht an Aufarbeitungskommission

Mit dem Fall Motzenbäcker wird sich die Aufarbeitungskommission beschäftigen, die sich 2021 konstituieren wird. Sie setzt sich zusammen aus zwei Betroffenen und fünf unabhängigen Experten aus Wissenschaft, Justiz und öffentlicher Verwaltung. Zwei von ihnen werden von den Landesregierungen in Mainz und Saarbrücken benannt, drei von der Diözese. Wichtig ist: Die Aufarbeitungskommissionen, die es in allen Diözesen geben wird, arbeiten unabhängig. Sie sollen die Missbrauchsfälle noch einmal genau anschauen, auch hinsichtlich der Frage, ob die Verantwortlichen auf Missbrauchsvorwürfe verantwortlich reagiert haben.

Klaus O. ist durch den Missbrauch gezeichnet. „Ich bin körperlich kaputt.“ Dem Geistlichen Motzenbäcker hat er inzwischen vergeben. „Doch den Nonnen, die das deckten und uns Kindern das Leben zur Hölle machten, verzeihe ich nie.“

*Name von der Redaktion geändert

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