Meinung
Biden hat Afghanistan fahrlässig den Taliban überlassen
18 Monate – so lange würde es wohl dauern, bis die radikalislamischen Kämpfer der Taliban den Fall Kabuls erzwingen könnten. So lautete die Einschätzung des US-Auslandsgeheimdienstes CIA noch vor wenigen Wochen. Nun haben die Taliban in zehn Tagen alle großen Städte außer Kabul eingenommen und sind in die Hauptstadt vorgestoßen. Die historische Dimension dieser verheerenden Situation lässt sich schnell umreißen: Die USA waren doppelt so lange am Hindukusch wie die Sowjetunion in den 1980er-Jahren und auch länger als die Briten im 19. Jahrhundert. Das Ergebnis ist dasselbe: Trotz militärischer Überlegenheit ein schmachvoller Abzug und – viel schlimmer – ein Afghanistan, das wohl schon bald ein Islamisches Emirat sein wird.
Wie schnell Kabul fällt, entscheidet nun der verbliebene Rest der Regierung von Präsident Aschraf Ghani. Es zeichnet sich ab, dass man binnen der nächsten Stunden und Tage die Kapitulation verkündet – um zumindest die Zivilbevölkerung vor Belagerungsgefechten zu bewahren. Ghani selbst hat offenbar bereits das Land verlassen, wie schon sein Verbündeter Raschid Dostum, der einst so mächtige usbekische General und Vizepräsident.
Die Flüchtlinge brauchen Hilfe
Hunderttausende Menschen sind zuletzt aus dem ganzen Land nach Kabul geflüchtet. Sie stecken nun fest, ihre Versorgung wäre für Ghanis Regierung ohne eine Luftbrücke der Nato oder auch einer UN-Truppe unter Einschluss Russlands und Chinas nicht mehr möglich.
Die Taliban zu Zugeständnissen zu bewegen, ist kaum noch möglich. Die Nato-Staaten, allen voran die USA, haben ihre Druckmittel aus der Hand gegeben. Die selbsternannten Gotteskrieger dürfen darauf setzen, dass auch die verbliebenen Sicherheitskräfte die Waffen strecken – in Kabul wie schon in Kandahar, Herat, Dschalalabad oder auch Mazar-i-Scharif und Kundus.
Die Taliban haben 20 Jahre auf diesen Moment gewartet und sich vorbereitet. Sie haben mit Schläferzellen die Sicherheitskräfte infiltriert. Anders ist kaum zu erklären, dass sie plötzlich in allen Städten so machtvoll aufmarschieren können und sogar in Kabul immer wieder Anschläge verübten. Sie haben durch ihre grausame Taktik der terroristischen Nadelstiche mit ungezählten Attacken auf Zivilisten demoralisiert. Nun da sie im Zuge ihrer Offensive im Moment des Abzugs der internationalen Hilfstruppen von der afghanischen Armee auch amerikanisches Militärgerät an sich gerissen haben, ist es um so schwerer, ihnen noch Paroli zu bieten.
Biden hätte bis zum Winter warten sollen
Die internationalen Gespräche von Doha – eine Farce. Die Versprechen der Taliban, man wolle einen friedlichen Übergang, ihnen ist nicht zu trauen.
Im Moment muss es darum gehen, möglichst viele Menschenleben zu retten und die Machtergreifung der Taliban so zu gestalten, dass die Versorgung des Landes sichergestellt bleibt. Auch die neuen Flüchtlingslager in angrenzenden Staaten wie Iran brauchen Hilfe. Sonst sind Flüchtlingstrecks programmiert, die schnell bis nach Europa reichen könnten.
Schuldzuweisungen sind nun nutzlos, aber US-Präsident Joe Biden hat einen fatalen Fehler gemacht. Statt an dem symbolischen Abzugsdatum 11. September festzuhalten, hätte Washington der Kabuler Regierung wertvolle Zeit kaufen können. Offensiven der Taliban hat es immer nur im Frühjahr und im Sommer nach der Mohnernte gegeben – das Terrain und das Klima erlauben keine andere Vorgehensweise. Nur zwei, drei Monate länger, der nächste Winter am Hindukusch hätte diese Katastrophe zumindest vertagt.