USA RHEINPFALZ Plus Artikel Bestsellerautor J. D. Vance: Zum Trump-Apostel mutiert

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump spricht bei einer Kundgebung.
Der ehemalige US-Präsident Donald Trump spricht bei einer Kundgebung.

Der Autor J. D. Vance wurde weltweit als kritischer Erklärer des Erfolgs von Donald Trump geschätzt und gelesen. Nun drängt der 37-Jährige selbst in den Senat – und verbreitet rechtsnationale Parolen. An ihm zeigt sich die ungeheure Dominanz des ehemaligen US- Präsidenten über die Republikaner.

Im Gastraum von Mr. Gatti’s, wo es für sieben Dollar Buffalo-Chicken- oder Cheeseburger-Pizza vom Buffet gibt, herrscht reger Betrieb. Der schmucklose Veranstaltungssaal dahinter hingegen ist an diesem Mittag eher spärlich gefüllt. Die zwei Dutzend Gäste bekommen kaum mit, wie kurz nach 13 Uhr ein bärtiger Mann in Jeans und grauem Sakko durch die Tür tritt, ein Mikrofon greift und vor eine Pappwand mit seinem Namen tritt. „Hi“, sagt der Redner: „Ich bin J. D. Vance. Ich bin ein konservativer Außenseiter. Ich habe nie für ein öffentliches Amt kandidiert. Ich will frisches Blut nach Washington bringen und die Dinge aufmischen.“

Keine Musik. Keine Ankündigung. Kein Applaus. Portsmouth ist nicht der Ort für große Auftritte. Seit einem halben Jahrhundert geht es für die ehemalige Industriemetropole am Nordufer des Ohio River bergab. Vance hat den Niedergang der weißen Arbeiterklasse in der Region 2016 in seiner Autobiografie „Hillbilly-Elegie“ bedrückend beschrieben. „Hillbilly“ bedeutet so etwas wie „Hinterwäldler“.

Favorit bei Vorwahlen

Doch die Zeiten, als der einstige Bestsellerautor als kritischer Erklärer des Trump-Erfolges herumgereicht wurde, sind vorbei. Der zuvor jungenhaft pausbäckig aussehende Absolvent der Elite-Universität Yale hat sich einen Bart wachsen lassen – und er ist zum glühenden Trump-Apostel mutiert. In dieser Rolle will er nach ganz oben. Genauer gesagt: nach Washington in den US-Senat. Und dazu braucht er die Stimmen aus Portsmouth.

Vom aufklärerischen Chronisten zum rechtspopulistischen Demagogen: Am Dienstag wird sich zeigen, ob die verstörende Verwandlung des J. D. Vance von Erfolg gekrönt ist. Dann werden bei den Vorwahlen in Ohio die Kandidaten der Parteien für das Senatsrennen im Herbst ausgewählt. Fünf Republikaner treten gegeneinander an. Seit Neuestem gilt Vance als Favorit.

Aus ärmlichen Verhältnissen

Mit seinen 37 Jahren hat der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Kandidat einen bemerkenswerten Lebenslauf hingelegt. Nach der Promotion in Yale ging er als Elite-Soldat in den Irak-Krieg, arbeitete als Hedgefonds-Manager in San Francisco – und schrieb jene weltweit gefeierte Betrachtung über das Scheitern des Amerikanischen Traums im sogenannten Rostgürtel, den alten Industrielandschaften, die auch den Sozialdemokraten Olaf Scholz stark beeindruckt hat.

Knapp 20 Minuten dauert der Vortrag von Vance. Es geht um Amerika, das einst die mächtigste Wirtschaftsmacht der Welt war. Heute wird kaum noch im eigenen Land produziert, auch Industriearbeitsplätze wurden exportiert. Bei Vance geht es zudem um die Inflation, die die Einkommen auffrisst. Um die Linken, die den amerikanischen Patrioten angeblich den Mund verbieten wollen. Es geht um die illegale Einwanderung aus Richtung Mexiko. Und um die „korrupten“ Eliten in Washington, die auf republikanischer Seite „schwach“ und bei den Demokraten „bösartig“ seien.

Hass auf die Globalisierung

Vance listet vor allem emotionsgeladene Schlagwörter auf. Lösungen präsentiert er nicht. Der Hass auf die Globalisierung und den freien Handel, die Ablehnung von Zuwanderung und die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ – all dies sind Stereotype, mit denen rechtsnational gestrickte Trumpianer gerne operieren.

Wer durch die heruntergekommene Innenstadt von Portsmouth streift, begreift schnell, weshalb diese Botschaft verfängt. Überall verfallen die Häuser. Viele Fenster sind mit Spanplatten vernagelt. Einstmals lebten hier 50.000 Menschen, nur 20.000 sind geblieben. Am Fluss erinnert ein 100 Jahre alter gewaltiger Backsteinbau mit dem Schriftzug „Excelsior Shoe“ daran, dass dieser Ort einmal das Zentrum der US-Schuhindustrie war. Heute werden nur noch Schnürsenkel gefertigt.

Bildungsfeindliche Haltung

Anders als Donald Trump, der als Sohn eines reichen New Yorker Immobilienmoguls aufwuchs, kennt Vance diese bedrückende Welt aus eigenem Erleben. Öfter lässt er bei seinem Vortrag Erinnerungen an seine Kindheit, seinen Großvater, der „ein konservativer Demokrat und Gewerkschaftsmann“ war, oder an seine drogensüchtige Mutter einfließen.

Leser von „Hillbilly-Elegie“ werden sich an diese und andere Szenen im Buch erinnern. Doch beim Politiker Vance nehmen diese Episoden plötzlich einen anderen Ausgang als im Buch. Darin hatte sich Vance einfühlsam auch mit der Apathie, der bildungsfeindlichen Haltung und der Tendenz zur Gewalt in der weißen Unterschicht auseinandergesetzt und gefordert, „dass wir aufhören, Obama oder Bush oder gesichtslose Unternehmen verantwortlich zu machen und uns fragen, was wir tun können, um die Umstände zu verbessern“.

Opfer der „Drecksäcke“

Nun ist davon nicht mehr die Rede. Im Gegenteil. Die Arbeitslosen in Ohio sind Opfer der „Drecksäcke in Washington“. Und: „Wenn man die Anführer eines Landes zwingt, die Unis zu besuchen, muss man sich nicht wundern, wenn die Politiker nachher alle linksradikal sind.“

Die schwindelerregendste Kehrtwende hat der Erfolgsautor in seiner Beziehung zu Donald Trump hingelegt, den er einst in die Nähe von Hitler gerückt hatte. In einem hellsichtigen Aufsatz in „The Atlantic“ verglich Vance wenige Monate vor der Wahl 2016 Trump mit „kulturellem Heroin“: Auch der Politiker verspreche „einen raschen Ausweg aus den Sorgen des Lebens“. Die von Trump beschriebenen Probleme seien real, doch seine Lösungen trügerisch.

Politischer Drogendealer

Sechs Jahre später ist Vance selbst zum politischen Drogendealer geworden. Inflation, Zuwanderung, Kriminalität, Tablettensucht, industrieller Wandel – alles hängt in seiner Welt zusammen. Und immer sind die US-Demokraten schuld. Trump hingegen ist ihm der Heilsbringer. „Ich mochte ihn 2016 nicht“, räumt Vance in Portsmouth ein, um eilig hinzuzusetzen: „Ich habe mich getäuscht.“ Trump sei ein guter Präsident gewesen – vor allem, „weil er die Korruption im Herzen unseres Landes aufgedeckt hat.“

Man kann nur rätseln, was den Sinneswandel ausgelöst hat. Einige Beobachter machen seine angebliche Enttäuschung über die Abkehr des linken Establishments von den Nöten der Arbeiterschaft hin zum Kulturkampf gegen Trump dafür verantwortlich. Doch je länger man Vance zuhört und seine Selbstradikalisierung verfolgt, desto mehr gewinnt man den Eindruck eines zynischen Pakts mit dem Teufel.

Der konservative, aber Trump-kritische Publizist Tom Nichols sprach im angesehenen Magazin „The Atlantic“ von einem „moralischen Kollaps“ seines Ex-Kollegen. Wie ein Konfirmand stand Vance vor einigen Tagen im schwarzen Anzug 100 Meilen von seinem Geburtsort Middletown entfernt auf einer Bühne neben dem übermächtigen Republikaner-Paten und strahlte. Sein Kalkül scheint aufzugehen: Seither zeigen die Umfragewerte nach oben.

J. D. Vance in Portsmouth.
J. D. Vance in Portsmouth.
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