Politik
Arbeitsmarkt: Ansturm auf Kurzarbeit
Von Ralf Joas
Was sagt die Statistik zur Lage am Arbeitsmarkt?
Orientiert man sich an den am Dienstag von der Bundesagentur für Arbeit vorgelegten Zahlen, scheint auf den ersten Blick alles nicht so dramatisch. Saisonal bedingt sank die Anzahl der Arbeitslosen gegenüber Februar um 60.000 – im Jahresvergleich wurde allerdings bundesweit ein Anstieg um 34.000 registriert. Ähnlich verlief die Entwicklung in Rheinland-Pfalz: 3000 Arbeitslose weniger als im Februar, aber knapp 3600 mehr als im März 2019. Die Arbeitslosenquote im Land lag im vergangenen Monat bei 4,6 Prozent; bundesweit waren es 5,1 Prozent. Allerdings, und das ist bei der Betrachtung dieser Zahlen sehr wichtig: Die Daten geben den Stand vom 12. März wieder, damals war Deutschland von der Corona-Krise noch weitgehend verschont.
Werden denn noch Arbeitskräfte gesucht?
Ja, aber auch hier macht sich bemerkbar, dass der Arbeitsmarkt schon in den vergangenen Monaten unter Druck stand. Bundesweit waren im März noch 691.000 freie Stellen gemeldet, 106.000 weniger als vor einem Jahr. Und mit Blick auf Rheinland-Pfalz heißt es seitens der zuständigen BA-Regionaldirektion, angesichts der in weiten Teilen ruhenden Wirtschaft blieben „Neu- und Wiedereinstellungen vorerst aus“.
Wie sieht die künftige Entwicklung aus?
Im April wird die Situation am Arbeitsmarkt deutlich schlechter sein. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet binnen Monatsfrist mit einem Anstieg der Anzahl der Arbeitslosen um 200.000. „Die Arbeitslosigkeit – das sagen uns alle Agenturen – steigt“, brachte es BA-Chef Detlef Scheele am Dienstag auf den Punkt. Derzeit seien davon besonders die Gastronomie und der Tourismus betroffen, weil dort häufig nicht genug Eigenkapital vorhanden sei, um Mitarbeiter länger zu halten.
Wie viele Menschen müssen jetzt in Kurzarbeit?
Das ist derzeit schwer zu beziffern. Wenn aber, wie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Dienstag mitteilte, bereits 470.000 Betriebe – also ein Fünftel aller Betriebe – Kurzarbeit angezeigt haben, lässt sich leicht ausrechnen, dass die Anzahl der Kurzarbeiter in die Millionen gehen wird. Sie wird mit Sicherheit auch den bisherigen Höchststand aus der Finanzkrise 2009 übersteigen, als knapp 1,5 Millionen Kurzarbeiter registriert wurden. Wie viele Arbeitnehmer tatsächlich betroffen sein werden, wird statistisch erst erfasst, wenn tatsächlich kurzgearbeitet wurde.
Wie dramatisch sich die Situation binnen kurzer Zeit gewandelt hat, zeigen die Zahlen für Rheinland-Pfalz: Im Januar gingen bei der Arbeitsagentur landesweit 52 Kurzarbeit-Anzeigen ein; in den vergangenen beiden Wochen habe sich die Anzahl der Anzeigen, so die BA, auf rund 19.000 erhöht. Heidrun Schulz, Chefin der BA-Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland, unterstrich, es sei „gut“, dass jetzt so viele Unternehmen Kurzarbeit anzeigen. Schließlich sei Kurzarbeit „genau dafür da“, Arbeitslosigkeit zu vermeiden.
Ist dieses Ausmaß an Kurzarbeit überhaupt finanzierbar?
Laut BA-Chef Scheele kosten 100.000 Kurzarbeiter, die ihre Arbeit um 50 Prozent reduzieren, die BA monatlich rund 79 Millionen Euro. Die Rücklagen der Arbeitsagentur belaufen sich derzeit auf 26 Milliarden Euro, das heißt die Agentur verfügt momentan noch über ein dickes Finanzpolster.
Das aber kann angesichts der gewaltigen Dimensionen bei der Kurzarbeit rasch dahinschmelzen. Aber Detlef Scheele stellte gestern klar, dass es für die Finanzierung der Kurzarbeit kein finanzielles Limit gebe; Geld sei „kein limitierender Faktor“. Und Bundesarbeitsminister Heil betonte, es gebe derzeit keinen Anlass, über eine mögliche Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu spekulieren.