Kiews Botschafter RHEINPFALZ Plus Artikel Andrij Melnyk: der unverblümte Anwalt der Ukraine

Seit 2015 ist Andrij Melnyk der Botschafter KIews in Berlin.
Seit 2015 ist Andrij Melnyk der Botschafter KIews in Berlin.

Um Hilfe für Kiew zu organisieren, nimmt der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk kein Blatt vor den Mund, auch nicht beim Gespräch in seinem Büro mit der RHEINPFALZ am SONNTAG. Ein Porträt von Falk Reimer

Andrij Melnyk steht unter Druck. Und Andrij Melnyk macht Druck. Noch im Januar kannte den Botschafter der Ukraine hierzulande fast niemand. Mittlerweile reicht die Erwähnung seines Namens aus, um bei Deutschen den Blutdruck in die Höhe zu treiben. Ein Mann mit einer Mission, weil sein Heimatland von Russland überfallen worden ist. Moskau droht, die Ukraine als Staat von der Landkarte zu tilgen.

Der 46-jährige Diplomat, der seit 2015 sein Land in Berlin vertritt, versucht, auf allen Kanälen Hilfe zu aktivieren. Er setzt die Bundesregierung gehörig unter Stress – und er vergreift sich dabei auch mal im Ton. Als der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz vor einigen Wochen eine Reise nach Kiew wegen diplomatischer Verstimmungen vorläufig ablehnte, meinte Melnyk launisch: „Eine beleidigte Leberwurst zu spielen klingt nicht sehr staatsmännisch.“

Dass Melnyk, der seit 1997 Diplomat ist, Kritik mit Humor nehmen kann, hat er bewiesen, indem er den Südpfälzer Walter Adam eingeladen hat. Der Metzger aus Herxheim schickte ihm infolge des Aufruhrs um die „beleidigte Leberwurst“ einen Präsentkorb Pfälzer Spezialitäten.

Stets aufmerksam zu seinen Gästen

An diesem Mittwoch empfängt Melnyk Adams und dessen Frau sowie zwei Medienvertreter in seinem Büro in der Albrechtstraße in Berlin Mitte. Die Botschaft wirkt außen wie innen wie ein Behörden-Zweckbau. Hier könnte auch das Finanzamt von Riesa sitzen. Allein: Schon vor dem Eingang fallen Absperrungen und Gitter auf. Die seien früher nicht da gewesen, sagt Melnyk. In seinem Dienstzimmer dann freundliche Wohnzimmeratmosphäre. Geschmackvoll hellgrün getünchte Wände, an denen gerahmte Bilder hängen. Eine Ledercouch-Gruppe lädt zum Plaudern ein. Es gibt Mineralwasser und Kaffee sowie Obstschnitten. Zwischendurch fordert Melnyk seine Gäste immer wieder auf, etwas zu essen oder zu trinken: „Nach der langen Reise müssen Sie hungrig sein.“

Im Hintergrund hängt natürlich die blau-gelbe Flagge der Ukraine. Und natürlich fokussiert sich das etwa 90-minütige Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG auf das Grauen des Kriegs und Melnyks Ringen um Hilfe für sein geschundenes Land.

Dem Botschafter wird immer wieder vorgeworfen, er fordere zu viel. Fordern, meint Melnyk indes, tue er nicht. Stattdessen: „Ich appelliere an den Anspruch der Deutschen, eine führende Nation zu sein.“ Dazu gehöre es eben auch, mutige Entscheidungen zu treffen. Etwa schwere Waffen an das Land im Osten zu liefern, damit es sich gegen den von Kremlherrscher Wladimir Putin befohlenen Einmarsch der russischen Streitkräfte zur Wehr setzen kann. Melnyk sieht es so: Er wiederhole und wiederhole seine „Appelle“ eben wieder und wieder. Bis sich etwas tut. Und Melnyk sieht Fortschritte. Vor einigen Monaten noch habe die deutsche Politik diskutiert, ob Putin die Lieferung von Bundeswehr-Schutzhelmen als Eintritt in den Krieg werten könne. Mittlerweile rede man über schwere Waffen. Doch diese Fortschritte gehen dem Botschafter zu langsam. Denn: In der Ukraine sterbe alle zwei Minuten ein Mensch, sagt er.

Von Schicksalen erschüttert

Melnyk, der fließend Deutsch spricht – er hat zuvor auch in Wien und Hamburg als Diplomat gearbeitet – berichtet seinen Gästen von Schicksalen, auch von Zahlen – und immer wieder bricht ihm die Stimme. Beim Bericht einer Botschaftsmitarbeiterin bekommt der 46-Jährige, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, Tränen in die Augen.

Die Mitarbeiterin erzählt von ihrem Vater, der in einer der vielen umkämpften Städte im Osten und Süden der Ukraine festsitzt. Flucht? Unmöglich, sagt sie. Der ältere Mann harre im Keller aus. Zweimal die Woche bekomme er ein bisschen Wasser und Brot. Das reiche nicht zum Überleben. Glücklicherweise habe er einen Garten und dort immer selbst Nahrung angebaut und diese in Einweckgläsern eingelagert. Sie habe ihn immer gefragt, warum er sich die Mühe mache – es gibt ja schließlich Supermärkte. Nun hält ihn die Nahrung am Leben. „Hätte er auf mich gehört, wäre er tot“, sagt die junge Frau.

Die Russen unter Putin wollten nicht nur das Land erobern. Sie wollen die Ukraine auslöschen, macht der Botschafter den Bürgern seines Gastlandes klar. „Als Volk, als Staat, als Kulturnation.“ Nicht nur Menschen werden ermordet, auch Museen würden geplündert, Bibliotheken, Schulen. Sobald die Russen ein Gebiet unter Kontrolle hätten, gebe es dort russische Schulbücher, der russische Lehrplan werde eingeführt. Melnyk: „Ich kann da nicht einfach zuschauen.“ Seine Aufgabe sei es, die Welt darauf aufmerksam zu machen, was in seinem Land geschieht. Aber wie geht das richtig? „Ich weiß es nicht.“ Also tut er, was er kann.

Ringen um die Aufmerksamkeit

Ja, Melnyk wird auch mal laut. Er sorgt für Schlagzeilen. Die brauche es, um daran zu erinnern, dass der Krieg Tag für Tag weiter tobt. Zu oft schon sei die Aufmerksamkeit geschwunden, wenn ein Krieg länger dauerte. Wie in Syrien, wo Russland seit 2015 Kriegspartei ist und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Dass er manchmal zu den falschen Worten greift, gibt Melnyk zu. Er sei emotional, habe mitunter keinen klaren Kopf, mache dann Fehler. Wer Melnyk persönlich erlebt, sieht aber einen sympathischen, zugewandten, offenen und höflichen Menschen. Liest man seine Aussagen – oft auch verkürzt in Schlagzeilen – sieht man: Er ist hart in seinem Urteil, er ist klar in seinen Aussagen. Aber er ist nicht verletzend, will es nicht sein. „Ich hoffe, die Deutschen sind nicht böse, wenn wir Klartext reden“, betont er.

Melnyk ist 1975 geboren. Er hat das sowjetische System noch erlebt. „Ich weiß, was Unfreiheit bedeutet. Ich weiß, was es heißt, heute in Belarus oder Russland zu leben.“ Die durch die ukrainische Unabhängigkeit 1991 errungene Freiheit wolle sein Volk nie wieder aufgeben. Natürlich sei ein Kompromiss erstrebenswert, um das Morden im aktuellen Krieg zu stoppen. Aber wie soll das gehen gegen einen Diktator, der das Land und die Kultur auslöschen wolle?

Also geht Melnyk einen anderen Weg. Kämpft. Alternativen hätten die Ukrainer nicht. Und sie kämpften ja auch für Deutschland, betont Melnyk. Bitten der Ukraine zu erfüllen – oder auf die Appelle zu hören – sei auch im Interesse Deutschlands: Der „Kriegsverbrecher“ Putin habe mehrfach erklärt, er plane, ein großrussisches Reich wiederauferstehen zu lassen. Die Ukraine sei nur das erste Ziel. „Wäre ich Kasache oder Georgier, ich würde mir große Sorgen machen.“ Stoppen könne man Putin nun in der Ukraine. Indem man dem überfallenen Land schwere Waffen liefert.

Es fehlen Waffen

Trotz all der Lieferungen von „Freunden und Partnern“ habe die Ukraine ein mathematisch einfach zu erfassendes Problem, erklärt der Botschafter. Vor dem Angriff der Russen im Februar gab es 200.000 Soldaten, nun wurden 700.000 ukrainische Männer mobilgemacht. Die Ausrüstung für so viele Kämpfer fehle. „Kalaschnikows aus Sowjet-Beständen haben wir genug. Aber damit gewinnt man keinen Krieg.“ Es brauche Panzer, es brauche Haubitzen. Keine Altbestände, für die man keine Munition mehr bekommt, spielt Melnyk auf die deutsche Zusage an, Luftabwehr-Panzer vom Typ Gepard zu liefern.

Der Bundestag hat am 28. April den „historischen Beschluss“ gefasst, die Ukraine in der Tat mit schweren Waffen zu beliefern. „Dieser wurde nur teilweise umgesetzt“, beklagt Melnyk. Es mangele weiter am politischen Willen. Die größten Bremser säßen in der SPD. Die Sozialdemokraten seien der „schwierigste Partner“, auf den hinteren Bänken im Bundestag säßen „sehr viele einflussreiche Leute“. Diese Personen bremsten – und das sei „vielleicht einer der Gründe“, warum Bundeskanzler Scholz zögere.

Viele Bürger helfen privat

Aber Melnyk beschäftigt sich nicht nur mit Forderungen an die Berliner Politik. Er ist mittendrin in den vielen zivilen Hilfsaktionen für sein Land. Die Sonne scheint durch die Bäume vor den weiß gerahmten Fenstern seines Büros, als der Diplomat von einigen Initiativen berichtet, darunter von Lehrern, die geflüchtete Kinder unterrichten. Eine Gruppe ukrainischer Bürger in Deutschland packt mitten in Berlin jeden Tag Rucksäcke für Militärärzte. Ein solcher Rucksack könne zwölf bis 15 Leben retten. „Etwas anzupacken, gibt uns Kraft. Die Menschen zeigen: Uns ist unsere Heimat nicht egal“, erzählt Melnyk, hörbar bewegt. Auch den Deutschen sei die Ukraine ja überhaupt nicht egal. Dass so viele Bürger ukrainische Geflüchtete aufgenommen haben oder Spenden an die Grenze oder gar in das umkämpfte Land hineinbringen, sei großartig. „Es macht Hoffnung.“ Die Ukrainer würden das nicht vergessen.

Zum Schluss noch mal die Frage: Wenn der Krieg dereinst endet, wird es Vergebung und Versöhnung geben können? Ja, es werde Vergebung geben, betont Melnyk. Es werde auch Vergessen geben. „Aber nicht, solange alle zwei Minuten ein Mensch durch Russen stirbt.“ Das könne man nicht erwarten, sagt der 46-Jährige, dem man, aufrecht im Ledersessel sitzend, anmerkt, wie sehr er mitleidet. Vielleicht gerade, weil er so weit weg von der Heimat ist. Und so tut er, was er in Berlin tun kann: Er vertritt die Opfer.

Gerade den deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat der ukrainische Botschafter in Berlin immer wieder kritisiert – und erntet umg
Gerade den deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat der ukrainische Botschafter in Berlin immer wieder kritisiert – und erntet umgekehrt selbst harsche Kritik, sogar Hasskommentare.
Diplomat Andrij Melnyk im Gespräch mit seinen Gästen aus der Pfalz, rechts im Bild Metzger Walter Adam.
Diplomat Andrij Melnyk im Gespräch mit seinen Gästen aus der Pfalz, rechts im Bild Metzger Walter Adam.
Auch Kiew ist nach wie vor Ziel russischer Angriffe, hier ein beschädigtes Gebäude in einem Eisenbahnausbesserungswerk. Die Bahn
Auch Kiew ist nach wie vor Ziel russischer Angriffe, hier ein beschädigtes Gebäude in einem Eisenbahnausbesserungswerk. Die Bahn ist Haupttransportmittel für die Waffenhilfe der Nato.
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