Evakuierung aus Kabul
Wie es auf der Airbase Ramstein für die ausgeflogenen Afghanen weitergeht
Müde, ja erschöpft; wirken viele der Menschen, die in dem riesigen Hangar – wie in einem Flughafenterminal – auf Schalensitzen und Klappstühlen auf ihren Weiterflug warten. Am Rand des Wartebereich stehen blaue Dixiklos. Auf Tischen gibt es reichlich Snacks und Getränke, auch frisches Obst. Einige hundert Afghanen sind es, die da am frühen Mittwochnachmittag hinter improvisierten Absperrungen aus Metallzaun mit Kind und Kegel ausharren. Viele Frauen tragen Kopfbedeckung, manche Männer sind traditionell, viele auch westlich gekleidet.
Endlich geht es weiter nach Amerika
Ihre jeweiligen persönlichen Geschichten sind heute nicht in Erfahrung zu bringen – auch um die Afghanen zu schützen, die aus Kabul hierher in die Westpfalz auf die Airbase nach Ramstein ausgeflogen wurden. Sie müssen die Taliban fürchten, mussten ihre Heimat fluchtartig verlassen. Über Katar sind sie hierher in Militärmaschinen der US-Luftwaffe gekommen. Nun aber soll es endlich weitergehen: nach Amerika! Auf dem Vorfeld wartet eine Chartermaschine der American Airlines.
„Dulles Airport, Washington, DC“, sei der nächste Stopp, erklärt Clark Price. Der weißhaarige untersetzte Mann mit dem blauen Sakko ist eigens aus Berlin angereist, um sich ein Bild zu machen und um die deutschen Journalisten zu briefen. Price ist Gesandter der US-Botschaft, der höchstrangige amerikanische Diplomat, der momentan in Deutschland ist, denn Amy Gutmann, die designierte neue Botschafterin, wartet noch auf ihre Bestätigung durch den US-Senat.
Der General hat ein Herz für die Menschen hier
Rechts neben Price steht in Tarnfleck der Europa-Kommandant der US Air Force, Vier-Sterne-General Jeffrey L. Harrigian. Auch er nimmt sich Zeit für die deutschen Medien, um vor allem eins zu betonen: Wie dankbar er der deutschen Regierung und allen beteiligten Partnern aus verschiedenen US-Ministerien und -Behörden sei. 7000 Afghanen sind seit Freitagabend, als die ersten Maschinen in Ramstein landeten, hier angekommen. Rund 2500 seien bereits weitergeflogen, vornehmlich mit Chartermaschinen, so das Zwischenfazit.
Der General redet in die Mikrofone des Fernsehens und das Smartphone des RHEINPFALZ-Reporters, im Hintergrund hallt ein lautes Stimmengewirr seiner Soldaten und der Menschen, die ihm sichtlich am Herzen liegen. Jeder, der in Afghanistan gedient habe, so der General, wisse, was diese Menschen für ihr Land und für die USA und deren Alliierte riskiert hätten. Man sei ihnen zu Dank verpflichtet.
Untergetauchte Taliban?
Könnten unter den Evakuierten aber nicht auch Taliban sein? In Frankreich stehen aktuell wegen dieses Verdachts mehrere evakuierte Afghanen unter Geheimdienstaufsicht. „Bisher ist dieses Thema hier nicht aufgetaucht“, versichert Harrigian. „Sicherheit ist unsere Aufgabe Nummer eins“, fügt er mit ernster Miene hinzu. Gesandter Price erläutert, dass es sich um Personen aus ganz unterschiedlichen Gruppen handele. „Sie sind bei jedem Schritt überprüft worden.“
Ein weiterer Offizier, der die laufende Mission erläutert, ist Major Justin Dere. Ebenfalls in Tarnfleck baut auch er sich vor den Mikrofonen auf. Er ist der Chef des Mobilitätskommandos und hat beeindruckende Zahlen über die Anzahl der Flüge und der Passagiere parat. Wie seine Vorgesetzten will aber auch er sich nicht entlocken lassen, wie lange diese Mission noch andauern wird. US-Präsident Joe Biden hält am 31. August als Abzugsdatum für das US-Militär fest. Das heißt: Einige Tage vorher ist Schluss für die afghanischen Zivilisten, die raus aus ihrem Land möchten. Denn es wird auch einigen Aufwand bedeuten, um die 6000 US-Soldaten heimzuholen, die derzeit den Flughafen Kabul absichern.
Zwischenstopps müssen gut organisiert sein
Um so viele Menschen wie möglich zu retten – die Rede ist in Washington von insgesamt 70.000 Personen –, müssen die Zwischenstopps wie Ramstein zu zügig wie möglich alles abwickeln. Nur sieben Minuten – so schnell kann im besten Fall ein Passagier durch das improvisiertes Abflugterminal geschleust werden, erklärt Major Dere. Etwa 200 Menschen pro Stunde schaffe man derzeit.
Mehrere Stationen durchlaufen die Afghanen dabei. Sie kommen mit einem Bus aus ihrem Übernachtungsort, viele haben auf der Airbase in Zelten geschlafen, manche aber auch in einer Kaserne der US Army in Kaiserslautern. Die zweite Station bilden Beamte des Heimatschutzministeriums: Sie stellen sicher, dass niemand auf einer Liste von Personen steht, die die US-Regierung mit Flugverbot belegt hat. Station drei ist wie am normalen Flughafen: Röntgenkontrolle und Koffercheck. Händisch wird überprüft, was die Geflüchteten in ihrem Gepäck haben. Station vier ist die TSA, die Behörde, die auch in den USA für die Flugsicherheit zuständig ist. „Sie stellen die abschließende Passagierliste zusammen“, so Major Dere. Dabei wird Sorge getragen, dass alle Daten korrekt im System sind. Die meisten hätten übrigens reguläre Pässe, ergänzt der Offizier. Dere ist wie schon sein Chef General Harrigian hörbar stolz auf das Geleistete: „Wir haben diese Luftwaffenbasis von einem Flugplatz in etwas Spektakuläres verwandelt“, sagt er über die Arbeit der vergangenen Woche.
Ramstein als Teil der Luftbrücke
Wie Kommandant Harrigian betont, ist Ramstein zwar ein sehr wichtiger Teil der Luftbrücke aus Kabul, aber längst nicht der einzige. Ob in Katar, Spanien oder Italien – es gibt an verschiedenen Orten Europas und des Nahen Ostens US-Militäreinrichtungen, die beteiligt sind. Und neben den Stützpunkten des Militärs sind eben unterschiedlichste Behörden involviert, nicht zuletzt das State Department, also das Außenministerium, das Gesandter Price heute hier vertritt. Er hält mit Harrigian auch den Kontakt zu den deutschen Stellen. Gerade erst am Vormittag habe er auch Bürgermeister aus der Region wieder auf der Airbase empfangen, damit auch sie sähen, was gemeinsam geschafft worden sei, so Harrigian. Deutsche Firmen und Stellen seien unverzichtbar gewesen, ob nun für die Beschaffung von Essen oder auch sanitärer Anlagen. „Es ist eine enorme Mission, und alle ziehen an einem Strang“, so der Vier-Sterne-General, der fast 11.000 Soldaten auf der Airbase in Ramstein unter sich hat.
Durch die breite, haushohe Öffnung des Hangars sind grelle Sonnenstrahlen zu sehen. Das Briefing geht zu Ende. Letzte Frage: Wie lange dauert diese Luftbrücke und Ramsteins Rolle dabei? Harrigian antwortet wie alle hier heute ausweichend, aber mit ansteckendem Optimismus in der Stimme: „Wir sind vorbereitet, egal, was als nächstes kommt.“


