Politik
Ärzte und Pflegekräfte in Kliniken: Erschöpft und traumatisiert
Mit dem Tod, dem Sterben von Patienten, war Hanna K.* vor Corona immer wieder konfrontiert. Die Ärztin arbeitet auf der Intensivstation einer 400-Betten-Klinik. Doch seit Beginn der Pandemie hat sich vieles verändert. Die Sterberate ist stark gestiegen. „In den vergangenen Wochen bin ich an meine emotionalen Grenzen gestoßen“, erzählt die 30-Jährige. Gemeint ist die Zeit um Silvester, als innerhalb von vier Tagen fünf Covid-Patienten verstorben sind. Menschen, die bereits drei, vier Wochen an Beatmungsmaschinen auf der Intensivstation lagen. Und in deren Behandlung man viel Zeit, Mühe und Arbeit investiert habe, um sie über den Berg zu bekommen, sagt die Internistin.
Inzwischen könnten Ärzte und Intensivpfleger schon früh absehen, wie die Krankheit verlaufen wird – bis zum Ende. Und das ziehe sich teilweise bis zu 14 Tage hin. „Dann steht man vor einem Patienten und kann ihm nicht helfen.“ Es ist die Hilflosigkeit, die Hanna K. umtreibt. Und dass es so gut wie keine Erfolge in Gestalt von Genesenen gibt.
Angehörige können Abschied nehmen
Dann sind da noch die Angehörigen, die über Wochen nur telefonisch etwas über den Gesundheitszustand des Ehepartners, des Vaters oder der Mutter erfahren können. „Wenn es dem Patienten sehr schlecht geht, ermöglichen wir Angehörigen immer, Abschied zu nehmen“, sagt die Ärztin. Das trage auch zu ihrer eigenen mentalen Gesundheit bei. Gleichzeitig nimmt es sie besonders mit, wenn Frauen oder Männer in ihrem Alter vor ihr stehen, weil deren Vater verstorben ist. Denn es sind nicht die Hochbetagten, die auf ihrer Intensivstation liegen, sondern überwiegend Männer zwischen 55 und 70 Jahren, ohne Vorerkrankungen.
Das Angebot einer Supervision, eines kollegialen Austauschs mit professioneller Begleitung, hat die Ärztin bislang noch nicht angenommen. An ganz schrecklichen Tagen ist Hanna K. froh, Verständnis im Team zu finden. Etwa wenn der Ton mal rau war oder ihr es schlecht geht. „Dann kann man auch mal eine Runde weinen.“
„Die stetige Überlastung macht mürbe“
Für die Intensivkrankenschwester Anke U.* macht die Corona-Pandemie noch einmal deutlich, dass die Pflege am Limit ist. „Das war sie schon vorher, aber es musste wohl erst Corona kommen, damit es überall wahrgenommen wird“, sagt die Mittvierzigerin, die seit 20 Jahren in der Intensivpflege arbeitet. Das eine sei die Belastung, dass man Patienten zwar die Maximalbehandlung zukommen lasse, dann aber zusehen müsse, wie sie stürben. „Das andere ist die stetige Überlastung, die mürbe macht“, erklärt die Krankenschwester. So sei es gut, dass sich derzeit die Situation etwas entspanne und man ein klein wenig durchschnaufen könne.
Die Pflege von Covid-19-Patienten sei arbeitsintensiv, vor allem dann, wenn sie vom Beatmungsgerät entwöhnt werden sollten. Da müsse man permanent beobachten, Beatmungsparameter umstellen, Blutgaskontrollen vornehmen und Patienten, die panisch würden, beruhigen. „Und da kann man nicht einfach mal rein- oder rausgehen“, sagt Anke U. Vor jedem Gang ins Covid-Zimmer müsse man frische Schutzkleidung anlegen – von Kopf bis Fuß. Und das mehrmals am Tag.
90 Minuten auf der Stoppuhr
Seit einiger Zeit sei vor jedem Zimmer eine Stoppuhr angebracht, die man einschalte, wenn man ein Covid-Zimmer betrete, und die nach 90 Minuten darauf aufmerksam mache, es wieder zu verlassen.
Angst vor einer Ansteckung hat die Krankenschwester nicht. Auch wenn sie zugibt, dass sie auch schon einmal in einem Covid-Zimmer das Fenster aufgerissen habe, weil sie dachte, keine Luft mehr zu bekommen. „Wenn man Stunden vor sich hinarbeitet, der Patient nicht ansprechbar ist, da muss man den eigenen Gedankengang mal unterbrechen – indem man auch mal ein Radio einschaltet.“
Für das Personal im Gesundheitswesen herrscht momentan eine Ausnahmesituation. Um ihm in dieser Corona-Krise zu helfen, hat der Verein PSU-Akut in München im März 2020 eine telefonische „Helpline“ eingerichtet. PSU steht für psychosoziale Unterstützung.
Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt
Für Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Lokführer gibt es seit vielen Jahren Angebote zur Stabilisierung nach Kriseneinsätzen, nach Unfällen mit vielen Toten, nach Suiziden. Damit soll schweren gesundheitlichen Folgeschäden durch Traumatisierung vorgebeugt werden. In Kliniken und Pflegeheimen ist dies noch nicht selbstverständlich. Ein Grund, warum sich der gemeinnützige Verein PSU-Akut 2013 gegründet und eine Unterstützung im Gesundheitswesen aufgebaut hat. Denn auch dort gebe es traumatisierende Ereignisse, sagt Andreas Igl, Geschäftsführer und Experte für Krisenmanagement. Durch einen Behandlungsfehler wird ein Patient geschädigt, bei der Geburt stirbt die Mutter oder – wie vor Kurzem – ein Patient stürzt sich aus dem vierten Stock einer Klinik. Hier schaltet sich die PSU auf Nachfrage ein und kümmert sich um die Nachsorge der Mitarbeiter.
Verlust an Empathie bis zur Depression
Die Pandemie verschärft die Arbeitsbedingungen in Kliniken und Altenheimen. Besonders belastend ist die Erfahrung, bei Covid-Patienten alles richtig gemacht zu haben und trotzdem deren Leben nicht retten zu können. „Das kann dazu führen, dass diese Menschen den Glauben an die eigene Kompetenz verlieren“, sagt Igl. Die möglichen Folgen: Schlaflosigkeit, Verlust an Empathie, Flashbacks (plötzliches Erinnern an das Ereignis) bis hin zu Depression und posttraumatischer Belastungsstörung.
Damit es nicht so weit kommt, ist die „Helpline“ bundesweit unter der Nummer 0800 0911 912 täglich von 9 bis 21 Uhr geschaltet. 1500 Personen wurden ab März 2020 beraten. Das Prinzip sei „peer support“, erklärt der Geschäftsführer. Gemeint ist, besonders geschulte Kollegen aus Gesundheitsberufen hören zu, fragen nach und unterstützen. Denn sie wissen, was in Kliniken und Pflegeheimen passiert.
Da meldet sich die Altenpflegerin, die Angst hat, das Virus in ihre Einrichtung zu tragen oder umgekehrt von der Arbeit in die Familie. Da will die Leitung eines Pflegeheims wissen, wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen soll, die nach einem Corona-Ausbruch den Tod vieler Bewohner verkraften müssen.
Hilfe, um Ängste und Gefühle einzuordnen
Für Andreas Igl gibt es Hinweise, auf die Menschen im Gesundheitswesen achten sollten: Wenn sie merkten, dass sie zwar jeden Tag in ihrer Arbeit funktionierten, es ihnen aber immer schwerer falle, ihre Emotionen und Ängste zu unterdrücken; wenn sie spürten oder widergespiegelt bekämen, dass sie ihre Empathie und Kommunikationsfähigkeit verloren hätten. Kollegen oder Ansprechpartner der „Helpline“ könnten helfen, die Symptome zu normalisieren, Gefühle und Ängste einzuordnen, Entlastung zu schaffen und Strategien zu erarbeiten, mit den Belastungen umzugehen.
Belastend ist für die Ärztin Hanna K. auch das Verhalten mancher Menschen in der Pandemie. Wie das einer jungen Frau, die nachts volltrunken eingeliefert wurde und die Nacht auf der Intensivstation verbrachte. Morgens habe sie lachend erzählt, dass sie ja wisse, dass Corona-Partys verboten seien, aber sie trotzdem gefeiert habe. Oder wie das Verhalten eines Sohnes, der positiv auf Corona getestet war und trotzdem seine Eltern besuchte. Der Vater erkrankte und starb – im Alter von 60 Jahren.
*Namen von der Redaktion geändert