Mediziner gesucht RHEINPFALZ Plus Artikel Ärzte aus Mexiko an Pfälzer Klinikbetten

Chefarzt Oliver Niederer, Minerva Atilano Solis, Ana Rut Rustrian Ruiz und Erick Cota Ochoa.
Chefarzt Oliver Niederer, Minerva Atilano Solis, Ana Rut Rustrian Ruiz und Erick Cota Ochoa.

„Specialized“, fachbezogen, heißt ein Programm, mit dem die Bundesagentur für Arbeit (BA) Krankenhäusern zu Ärzten verhelfen will. Rekrutiert werden die ausländischen Kräfte in Mexiko und Jordanien. Fünf junge Leute aus Lateinamerika hat es nun in die Pfalz verschlagen.

Sie haben alles hinter sich gelassen: ihre Familie, ihre Heimat, um in der Fremde in ihrem Beruf zu arbeiten und sich weiterzubilden. Fünf Ärztinnen und Ärzte aus Mexiko sind vor einigen Wochen in Deutschland angekommen, um in den Kliniken der Krankenhaus-Stiftung der Niederbronner Schwestern in Speyer und Ludwigshafen beruflich Fuß zu fassen. Sie alle haben ein abgeschlossenes Medizinstudium und bereits in ihrer Heimat als Ärzte gearbeitet.

Da ihre Abschlüsse hier jedoch nicht anerkannt werden – was übrigens allen Nicht-EU-Bürgern so ergeht – bereiten sie sich auf die sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung vor. Sofern sie diese bestehen, können sie dann in Deutschland eine Facharztausbildung beginnen.

Erst die Sprachprüfung

Ihr Alltag ist durchgetaktet – vormittags Hospitation in der Klinik, nachmittags Sprachkurs. Im April kommenden Jahres sollen sie die Sprachprüfung C 1/medizinische Fachsprache ablegen. Im November 2022 kann dann, wenn bei der fachlichen Anerkennungsprüfung alles glatt läuft, die Weiterbildung zum Facharzt beginnen.

Minerva Atilano-Solis hat seit dem Abschluss ihres Medizinstudiums damit geliebäugelt, ins Ausland zu gehen. Sie wurde durch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der BA auf das Programm „Specialized“ aufmerksam, erzählt die 28-Jährige. Sie meldete sich zum Deutschkurs an. Schnell merkte sie, dass es am besten wäre, die Sprache vor Ort zu lernen. Und so ging sie zunächst als Au-pair in eine deutsche Familie nach Köln. Immer ihr Ziel vor Augen, hierzulande ihren Facharzt zu machen. Im Speyerer Vincentius-Krankenhaus will sie diesen Schritt nun gehen.

Auch die Pfalz wird bunter

Maria Palacios, die in der Ludwigshafener Klinik „Zum guten Hirten“ untergekommen ist, hat die für den Einstieg notwendigen Sprachprüfung auf dem B2-Level in Mexiko abgeschlossen. Sie sei überglücklich gewesen, als sie nach einem Online-Interview mit Christine Weis, der Ludwigshafener Chefärztin für Geriatrie und Innere Medizin, die Zusage erhalten habe.

Für Weis passt es: In der Klinik seien teilweise Ärzte aus drei bis vier Kontinenten beschäftigt gewesen, erzählt sie. Man habe gute Erfahrungen gemacht. „Die Welt wird bunter, auch die Pfalz“, wirft sie lächelnd ein. Was diese Menschen mitbrächten, sei eine große Flexibilität, stellt die Chefärztin fest. Und Oliver Niederer, Chefarzt der Speyerer Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, ergänzt: Die ausländischen Kräfte brächten auch noch „Ehrgeiz und ein großes Engagement“ mit. Drei Ärzte sind im St.-Vincentius-Krankenhaus untergekommen.

Wichtig: Ein Profil erstellen

Start des Projekts „Specialized“ war im Jahr 2017. Vor Ort in Mexiko und Jordanien können sich seither Interessenten bei lokalen Ansprechpartnern der ZAV melden. Diese klären Voraussetzungen und Wünsche der Bewerber ab, erstellen Profile und treffen eine Vorauswahl. Auf der anderen Seite kümmern sich die arbeitgeberorientierten Vermittler der BA um die Wünsche deutscher Kliniken.

Bei der BA-Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland ist Ulrike Scheinert eine von ihnen. Wichtig sei es, dass die Kliniken als Arbeitgeber ein Profil erstellten mit genauen Angaben über die Größe ihres Hauses, die Fachabteilungen und die Lage. Gerade in ländlichen Gebieten müsse man als Klinik schon Werbung für sich machen, sagt Scheinert. Denn die Ärzte erhielten bundesweit Angebote. Sage einem Bewerber ein Krankenhaus zu, könnten sich Interessent und möglicher Arbeitgeber durch ein Interview per Skype kennenlernen, beschreibt Scheinert das gegenwärtige Prozedere.

Sechs weitere Kliniken haben Interesse

Die Anforderungen an die Kliniken sind: die Ärzte in der Qualifizierungsphase zu unterstützen, sie während des Anerkennungsverfahrens zu beschäftigen und ihnen nach der Approbation eine Stelle für die Facharztausbildung anzubieten. Um die bürokratischen Verfahren wie Visa und Aufenthaltsgenehmigungen kümmert sich die Arbeitsagentur.

Das Programm wird außer in Rheinland-Pfalz in sieben weiteren Bundesländern umgesetzt. Bislang seien, so die Arbeitsagentur, mehr als 90 Ärztinnen und Ärzte vermittelt worden, um ihnen eine Facharztausbildung zu ermöglichen und den Personalmangel in den Kliniken zu verringern. Weitere 100 Mediziner hätten ihr Interesse angemeldet und verfügten bereits über die entsprechenden Sprachprüfungen. In Rheinland-Pfalz haben bislang die beiden Kliniken in Speyer und Ludwigshafen das Programm genutzt. Vermittlungsaufträge von sechs weiteren Kliniken lägen vor, so die BA-Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland. Beteiligt an dem Programm sind die Bundesministerien für Arbeit und Bildung, das Netzwerk Integration durch Qualifizierung und das Auswärtige Amt.

Schlechte Bezahlung in der Heimat

Bleibt die Frage: Werden so nicht anderen Ländern gut ausgebildete Fachkräfte abgeworben?

Die Ärzte seien hier, um ihr Wissen zu erweitern, und sie müssten sich nicht binden, heißt es von der Arbeitsagentur. Das bedeutet, sie könnten nach der Facharztausbildung in ihre Heimat zurückkehren. Maria Palacios und ihre Kolleginnen wiederum geben diese Antwort: In Mexiko gebe es viele ausgebildete Ärzte, aber nur wenige feste Stellen. Daher sei es nach dem Studium trotz guter Noten schwierig, einen Platz für die Facharztausbildung zu bekommen. Überhaupt sei der Verdienst im Gesundheitsdienst mies. Grund genug, die Zelte in der Heimat abzubrechen – vorerst.

Info

Auf der mehrsprachigen Infoseite der Bundesagentur für Arbeit können sich ausländische Ärzte über die Möglichkeiten zum Arbeiten und zur Weiterbildung als Facharzt informieren – aber es finden sich auch Tipps und Erklärungen für die Arbeitgeber, also die Kliniken: https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/zav/specialized

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