Idar-Oberstein
Trauerfeier nach Tankstellen-Mord: Was die Mutter über ihren toten Sohn sagt
Das große Bild auf der Staffelei zeigt einen lächelnden jungen Mann. „Ein lebenslustiger, hilfsbereiter, charismatischer, intelligenter, chaotischer wie verrückter, ein lustiger junger Mensch“, so charakterisiert ihn die Frau, die neben dem Bild auf dem Podium hinter einem Pult ins Mikro spricht. Gut 400 Leute hören zu. Das Mienenspiel der Rednerin ist nicht zu sehen – Halle eins des großen Gebäudes der Messe Idar-Oberstein bleibt während der knapp 40 Minuten dauernden Gedenkfeier unbeleuchtet. Nur durch die offene Fluchttür, die an diesem Nachmittag als „Vip“-Eingang dient, sowie einige kleine Fenster an einer Seite fällt ein bisschen Tageslicht.
Keine politischen Reden
Durch besagten „Vip“-Eingang ist kurz zuvor der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) geschlüpft. Den eigens für Medienvertreter vorgesehen Eingang nutzt hingegen CDU-Landesvorsitzende und Bundesministerin Julia Klöckner. Auch für CDU-Fraktionschef Christian Baldauf ist ein Platz in Reihe eins reserviert. Zu Wort kommen sie allerdings allesamt nicht.
„Manuela wollte nicht, dass politische Reden gehalten werden“, erläutert Frank Frühauf (CDU), der Worte der Bewunderung für die Frau findet, die so offen über ihren verstorbenen Sohn spricht. „Sie ermöglicht uns, etwas zu erfahren über Alex, der mitten unter uns gelebt hat.“ Der Oberbürgermeister ist der einzige, der außer einer Trauerrednerin noch zu Wort kommt. Ihm obliegt es, die Zeremonie zu eröffnen, während der das Fotografieren und Filmen verboten ist. Zwei Handvoll Fernsehkameras lauern derweil im Foyer sowie auf dem Parkplatz vor der Messehalle.
Gegen Anfeindungen
Drinnen stimmen erst ein Mann, später eine Frau Balladen an. Die musikalischen Beiträge schmücken die Feier. So hallen die Worte der trauernden Mutter noch eindringlicher nach: „Bitte haltet Alex als den tollen Menschen in Erinnerung, der er war – nicht als den Jungen, der an der Tankstelle sein Leben lassen musste“, sagt sie. Und findet noch weitere deutliche Worte. „Hass bringt uns nicht weiter, Hass verbittert nur.“
Es wäre nicht im Sinne ihres Sohnes gewesen, dass jetzt unschuldige Menschen angefeindet werden. „Wie die Angehörigen des Täters.“ Die seien es schließlich nicht gewesen, die den Lauf auf ihren Jungen gerichtet hätten. „Seine Botschaft an uns alle wäre: Lebt euer Leben und habt Spaß dabei“, bekundet sie, ehe sie von der Bühne geht und ihren verbliebenen Sohn umarmt.
Aufrdringliche Medienvertreter
Eindringlich hat Oberbürgermeister Frühauf zuvor noch einmal gebeten, die Privatsphäre der Hinterbliebenen zu achten und sachlich zu berichten. Großes öffentliches Interesse habe die kleine Stadt in den Fokus genommen, auf eine Art, mit der keiner gerechnet habe. Das hatte auch unangenehme Züge angenommen. Wie der Pressesprecher der Stadt im Vorfeld der Feier gegenüber der RHEINPFALZ sagte, habe das überschwappende Medieninteresse so einige unangenehme Erscheinungen mit sich gebracht. Einige hätten sich nicht gescheut, fortwährend die Angehörigen zu behelligen.
Am 18. September war es passiert. Ein 49 Jahre alter Tankstellenkunde hat den 20 Jahre alten Studenten erschossen. Die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach ermittelt wegen des dringenden Tatverdachts des Mordes. Klar ist, dass der Kunde dem jungen Mann in den Kopf geschossen hat. Zuvor war er an jenem Samstagabend in den Verkaufsraum der Tankstelle gekommen, um Getränke zu kaufen. Dabei habe er offenbar keinen Mund-Nase-Schutz getragen, woraufhin ihn Alexander West auf die „Maskenpflicht“ hingewiesen habe, dies hatte die Staatsanwaltschaft im Laufe der weiteren Ermittlungen mitgeteilt.
Aufnahmen von der Tat
Kameraaufnahmen sollen zeigen, wie der Mann nach diesem Streit den Verkaufsraum verließ – und wie er später zurückkam. Bewaffnet.
Der mutmaßliche Mörder sitzt in Untersuchungshaft. Die Tat hat bundesweit viel Aufsehen erregt. Die Trauerfeier sei mit ein Schritt auf dem Weg, das mit Worten nicht zu Beschreibende zu verarbeiten, sagte der Oberbürgermeister. Das aber werde dauern. Noch herrschten Trauer, Fassungslosigkeit und Ohnmacht.


