Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Wann lassen Sie sich wieder impfen, Herr Minister?

Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD)
Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD)

Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) rechnet im Herbst wieder mit einer flächendeckenden Maskenpflicht, um den Krankenstand in der kritischen Infrastruktur niedrig zu halten. Im Gespräch mit Karin Dauscher lehnt der 44-Jährige außerdem mehr Medizinstudienplätze im Land ab.

Hand aufs Herz: Wie halten Sie es mit Abstand und Maske? Wir sitzen beide in Ihrem Büro ohne Mundschutz, haben uns mit Handschlag begrüßt.
Ich bin, was das normale gesellschaftliche Leben angeht, sehr entspannt. In allem, was den medizinischen Bereich betrifft und vulnerable Gruppen, gilt natürlich: mehr Maske und weniger Handschlag.

Wann werden Sie sich die zweite Booster-Impfung abholen?
Die Ständige Impfkommission empfiehlt das ab einem Alter von 60 Jahren oder für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Für mich gilt das nicht, zum Glück bin ich gesund. Deswegen können jetzt erst alle geboostert werden, die es dringend brauchen. Dann sehen wir weiter.

Die Europäische Arzneimittelbehörde hat den an die Omikron-Variante BA.1 angepassten Impfstoff zugelassen. Wie schnell ist dieser verfügbar?
Wenn die Auslieferung schnell erfolgt, sind die ersten Auffrischungsimpfungen in den Impfzentren ab Mittwoch möglich. Nach jüngsten Berechnungen erhalten wir in Rheinland-Pfalz in den nächsten zwei Wochen 250.000 Dosen von Biontech/Pfizer und 120.000 Dosen von Moderna. Die Booster-Impfung mit dem neuen Impfstoff ist ja nur für die Auffrischung vorgesehen. Den bisherigen Impfstoff gibt es weiterhin für all jene Personen, die noch nicht geimpft sind.

Können die Leute auch spontan in die Impfzentren kommen oder beim Hausarzt nachfragen?
Wir haben die Terminvereinbarung in den Impfzentren vereinfacht. Auf www.impfen.rlp.de sind sogar Wunschtermine buchbar. Darüber hinaus impfen natürlich auch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Unser staatliches Angebot versteht sich als Ergänzung dazu.

Biontech will noch im Herbst ein an die aktuelle Omikron-Variante BA.4 und BA.5 angepasstes Vakzin bereitstellen. Ist es nicht sinnvoll zu warten?
Nein. Von Biontech höre ich, dass sie Ende September mit dem nächsten Impfstoffkandidaten in die Zulassung gehen. Wie viele Monate das Verfahren dauert, ist unklar. Deshalb: Wer kann, und für den es empfohlen ist, sollte sich jetzt mit dem neuen Impfstoff boostern lassen.

Wir erleben einen Sommer der Freiheiten. Außer in Bussen und Bahnen gilt nur in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen die Maskenpflicht. Was erwarten Sie für Herbst und Winter?
Es wird auf jeden Fall mehr Atemwegserkrankungen geben. Ob das immer Corona ist, steht in den Sternen. Aber die Menschen werden andere Erkältungsviren, grippale Infekte oder Influenza bekommen. Unser Immunsystem wird schwächer in der dunklen Jahreszeit, wir sind mehr in Innenräumen. Das alles werden wir beim Krankenstand spüren. Dann werden wir einfach weniger Leute haben, die in der kritischen Infrastruktur arbeiten, vor allem im Gesundheitswesen. Deswegen glaube ich schon, dass es total realistisch ist zu planen, dass irgendwann im Herbst auch wieder flächendeckend die Maskenpflicht gilt.

Anders als im Jahr 2021 haben sich in diesem Sommer sehr viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert, es gab eine Durchseuchung. Warum reicht es nicht, wenn Leute eigenverantwortlich entscheiden, Maske zu tragen?
Weil Menschen immer noch krank werden, und zwar in großer Anzahl. Wir haben vor den Sommerferien überall massiv erhöhte Krankenstände gesehen. Die Leute waren zu Hause und sie waren zum Teil länger als fünf Tage zu Hause. Diese paar Prozent mehr Krankenstand haben dazu geführt, dass es ganz schön eng wurde in unseren Krankenhäusern. Wir haben ein paar Mal die Luft angehalten. Ich hoffe, dass die Eigenverantwortung noch viel länger reicht. Aber wir können es nicht sagen.

Sie setzen nicht mehr auf die Inzidenz und führen ein Monitoring des Abwassers ein. Woran werden Sie festmachen, ob eine erweiterte Maskenpflicht nötig ist?
Das werden wir an der Belastung der Krankenhäuser und der kritischen Infrastruktur festmachen und nicht am Vorkommen des Virus. Das Abwassermonitoring dient als Seismograph, ob wir mehr Viren in Umlauf haben oder weniger. Was wir fast in Echtzeit sehen, sind die Infektionen in unseren Krankenhäusern. Wenn die konstant bleiben, aber im Abwasser die Virenlast hochgeht, gibt es zwei Varianten. Entweder sehen wir zwei Wochen später auch mehr in den Krankenhäusern, oder wir merken, das Virus ist da, aber es macht nicht mehr so krank. Uns geht es darum, frühzeitig zu wissen, was passieren kann.

Die Landesärztekammer weist darauf hin, dass jeder zweite Arzt 50 Jahre und älter ist und fordert mehr Studienkapazitäten in Mainz. Gibt es politische Versäumnisse in der Fachkräftesicherung, und das Coronavirus muss herhalten, um diese zu kaschieren?
Erst einmal haben wir ein Personalproblem in unseren Kliniken insbesondere deshalb, weil wir einen höheren Krankenstand hatten, weil die Menschen sich mit Corona infiziert haben. Wenn alle an Bord wären, wäre das besser zu schultern gewesen. Und trotzdem sehen wir an manchen Stellen eine dünne Personaldecke, vor allem im pflegerischen Bereich, weniger beim ärztlichen Personal. Aber jetzt zu sagen, wir haben politische Versäumnisse bei Ärztinnen und Ärzten und beim Pflegepersonal, wäre falsch. Wir haben überall Fachkräftemangel, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Hier ist es einer, der besonders auffällt. Das sind auch die Versäumnisse der vergangenen 20 Jahre. Einerseits ist die Geburtenrate zu niedrig gewesen, andererseits hat und Deutschland die Chance auf eine vernünftige Einwanderung versäumt.

Noch einmal zur Forderung der Landesärztekammer: Müssen die Studienplätze für Medizin aufgestockt werden, weil sich die Babyboomer dem Rentenalter nähern?
Die Forderung verstehe ich, aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben die Anzahl der Studienplätze um 15 Prozent erweitert und wir sind in Mainz an der Kapazitätsgrenze der Ausbildung. Das hat auch etwas mit der Bettenanzahl zu tun. Die Unimedizin ist der drittgrößte Standort bundesweit. Wenn alle anderen Universitätskliniken in dieser Anzahl Medizinstudienplätze vorhalten würden, hätten wir in Deutschland ein kleineres Problem.

In der Bundesregierung ringen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und Justizminister Marco Buschmann (FDP) heftig miteinander. Macht ihr FDP-Kollege, Justizminister Herbert Mertin, mit, was Sie wollen?
Wir reden einfach miteinander, aber dann, wenn die Türen zu sind. Das betrifft auch nicht nur den Kollegen Justizminister, das betrifft das ganze Kabinett. Es sind ja auch andere Ressortkolleginnen und -kollegen betroffen. Der Unterschied der beiden Regierungen ist, dass wir im Land miteinander reden und in Berlin mehr übereinander geredet wird.

Die Impfzentren im Land werden bald mit einem aktualisierten Corona-Impfstoff bestückt.
Die Impfzentren im Land werden bald mit einem aktualisierten Corona-Impfstoff bestückt.
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