Rheinland-Pfalz
Wie das Land die Corona-Lage aus dem Abwasser lesen will
In der Pfalz läuft seit März diesen Jahres ein Versuchs-Monitoring in der Kläranlage von Lachen-Speyerdorf, einem Ortsteil von Neustadt. Am Montag hat nun der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) angekündigt, dass das Land seine Daten über die Entwicklung der Pandemie künftig auch über das Abwasser erheben will – möglichst, wie das Gesundheitsministerium danach bestätigte, schon ab Oktober. Vierzehn Kläranlagen im Land wurden ausgewählt, sieben davon befinden sich in der Pfalz: Germersheim, Kaiserslautern, Landau, Pirmasens-Blümelstal, Pirmasens-Felsalbe, Speyer und Zweibrücken. Die restlichen Standorte sind Andernach, Bad Kreuznach, Koblenz, Mainz, Montabaur, Worms und Trier.
Die Liste der Standorte sei „gesetzt“, sagt das Gesundheitsministerium, nachdem Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) am Tag zuvor noch gesagt hatte, man sei mit diesen Standorten „im Gespräch“. Neustadt ist nicht dabei. Der Versuch, der dort läuft, ist Teil eines anderen, bundesweiten Projekts mit 20 Kläranlagen, und das Experiment soll noch bis Jahresende laufen. Dennoch geht Wolfram Klingelhöfer davon aus, dass das Vorgehen beim Abwassermonitoring des Landes ähnlich ablaufen wird wie beim Versuch in der Neustadter Kläranlage.
Klingelhofer ist Verfahrensingenieur beim Eigenbetrieb Stadtentsorgung (ESN), dem Betreiber der Anlage, und für das Abwassermonitoring zuständig. Zweimal wöchentlich ziehen seine Mitarbeiter Proben aus dem einströmenden Abwasser, die dann auf verräterische Bestandteile von Corona- oder anderen Viren untersucht werden. Ein großer technischer oder personeller Aufwand ist das für die Kläranlage nicht, erklärt der Ingenieur. Der teuerste Teil sei der sogenannte Probennehmer – ein Gerät, das die Kläranlage bereits hatte. Es pumpt automatisiert Proben aus dem Abwasser, kühlt sie und in füllt sie in einzelne Flaschen. Die Proben müssen außerdem umgerührt werden, damit sich die darin enthaltenen Feststoffe nicht absetzen, erklärt Klingelhöfer.
24 Stunden lang werden jedes Mal, wenn 40 Kubikmeter Wasser in die Kläranlage gelaufen sind, Proben gezogen. Diese werden sowohl im eigenen Labor als auch in einem Labor in Tübingen untersucht, und zwar mithilfe der wohlbekannten PCR-Tests. Dabei wird allerdings nicht nur nach Spuren von Coronaviren gesucht, sondern auch nach anderen Krankheiten. Auch das Umweltbundesamt wollte im Rahmen des derzeit laufenden Versuchs Untersuchungen anstellen, diese würden allerdings erst in einigen Tagen anlaufen, berichtet Klingelhöfer. Konkrete Ergebnisse in Form von Infektionszahlen hat das Experiment laut ihm noch keine erbracht. Dass die Menge der im Abwasser festgestellten Virus-Fragmente dem Verlauf der Inzidenzen folge, sei allerdings schon zu sehen.
Das Abwassermonitoring folgt eigenen Gesetzen, sagt der Ingenieur. Dabei zählt nicht nur die reine Viruslast im Abwasser, auch die Zusammensetzung des Abwassers selbst muss berücksichtigt werden: Bei Regen sind die Proben verdünnt, weil das Regenwasser ins Abwasser einfließt. Gab es Starkregen, wurde eventuell Schlamm aufgewirbelt, der sich zuvor in den Kanälen angesammelt hat. Deshalb erfassen die Neustadter auch die Wetterdaten, übermitteln die Abwasser-Gesamtmenge, die zu einer Probe gehört, und weitere Daten wie pH-Wert, Salzgehalte, Leitfähigkeit oder Stickstoff-Gehalt.
Allein auf das neue Verfahren stützen will sich das Land nicht. Der Gesundheitsminister hatte bei der Pressekonferenz am Montag zwar verkündet, dass die Inzidenz-Zahlen als Maßstab für den Pandemie-Verlauf „ausgedient“ hätten. Sein sein Pressestab relativiert das allerdings hinterher wieder: Die Inzidenzen würden weiter erhoben, ein Zurückfahren des Aufwands beim Erheben dieser Zahlen sei nicht vorgesehen. Das Abwasser-Monitoring solle zum „gleichberechtigten Parameter im Pandemieradar“ der Landesregierung werden. Gleichzeitig will das Land mit sogenannten „Sentinel-Praxen“ und einer „Sentinel-Kohorte“ seine Statistik absichern. „Sentinel“ ist ein englisches Wort für „Wächter“; mit der „Kohorte“ ist eine repräsentativ ausgewählte Gruppe von Patienten gemeint. Der Gedanke dahinter: Sowohl die Praxen als auch die Patienten-Gruppe sollen durch ihre Daten über Corona-Infektionen Schlüsse auf das Infektionsgeschehen in der ganzen Bevölkerung erlauben.