Interview
Mit „Brigitte Bordeaux“ zurück in der Pfalz: Theaterautor Sergej Gößner
„Lauwarm“, „Irreparabel“, „Der fabelhafte Die“ – schon die Titel lassen erahnen, dass es bei ihm um Außenseiter geht, um sexuelle Identität, um „queere“ Themen. Auch Gößners bis dato einziges Erwachsenenstück „Brigitte Bordeaux“ ist ein munterer Frontalangriff auf die heteronormative Gesellschaft. Winzer und Familienvater Herbert mutiert da schlagartig zu Brigitte, die auch noch – das ist der eigentliche Skandal – Weinprinzessin werden will. Eine herrlich bissige Komödie, die das Haßlocher WWP-Theater von 7. bis 10. September spielt. LEO-Redakteur Kai Scharffenberger bekam den Autor an die Strippe.
Hallo Sergej, ich erwische dich in Graz, wo dein neues Stück „Shoot’n’Shout“ geprobt wird. Ist der Inhalt so martialisch, wie der Titel klingt?
Nein. Martialisch soll es nicht werden. Allerdings ist es durchaus herausfordernd, einen Theaterabend zum Thema Gewalt zu entwickeln, ohne Gewalt zu reproduzieren. Aber in erster Linie befasst sich der Text mit den beiden Fragen „Was ist Gewalt?“ und „Wann ist Gewalt legitim?“.
Deine Theatertexte entstehen in der Hauptsache für Kinder und Jugendliche. Warum eigentlich?
Es fühlt sich für mich „wertiger“ an. Allein durch Kita- und Schulvorstellungen sitzt dort ein deutlich diverseres Publikum im Zuschauerraum als im Abendspielplan. Junges Publikum bildet viel eher die Gesellschaft ab. Sprechen wir über die gesellschaftliche Relevanz von zeitgenössischem Theater, müssen wir also über Kinder- und Jugendtheater sprechen.
Zu den gesellschaftsrelevanten Themen, die du in deinen Stücken beackerst, gehört nicht zuletzt sexuelle Diversität. Du stellst binäre Geschlechterklischees gern auf den Kopf, mit Humor zwar, aber doch nachdrücklich. Was reizt dich speziell an diesem Thema?
Zunächst ist es mir wichtig, keinen Druck auszuüben. Oder nicht permanent. Ich möchte mit Humor eine Grundlage für Empathie schaffen. Auf unterhaltsame Weise Inhalte vermitteln. Wir kommen nicht weiter, wenn wir immer von uns auf andere schließen. Ist die Mehrheit im Recht, weil sie lauter ist?
In deinem Stück „Brigitte Bordeaux“, das demnächst in Haßloch aufgeführt wird, gerät die konservative Welt eines Winzerdorfs ganz schön aus den Fugen. Kannst du kurz erzählen, worum es geht?
Ganz am Ende geht es – für mich – um Liebe. Um die Liebe eines Vaters zu seinem Kind.
Das Stück entstand 2018 für das Stadttheater Trier und spielt eigentlich an der Mosel. Dachtest du beim Schreiben trotzdem an deine Jugend in der Pfalz?
Sehr. Darauf hab’ ich mich gut verlassen können. Darauf, dass ich die Menschen in so einer Dorfwelt kenne. Beziehungsweise darauf, dass mir ihre Lebensrealität sehr vertraut ist.
Formal betrachtet ist „Brigitte Bordeaux“ eine Art Erzähltheater und sprachlich überraschend artifiziell für eine Komödie. Was hat dich bewogen, diesen Stil zu wählen?
Ich wollte so das ländliche Setting ein wenig brechen, es auf eine Art veredeln. Nicht zuletzt wollte ich dadurch möglichst weit weg vom Bauernschwank.
Du bist in Ludwigshafen geboren und in Haßloch aufgewachsen, hast die Pfalz aber schon längst gegen die große weite Welt der deutschsprachigen Theaterlandschaft eingetauscht. Wie fühlt es sich an, jetzt mit „Brigitte Bordeaux“ nach Hause zu kommen?
Aufregend! Ich bin ziemlich genauso lange aus Haßloch weg, wie ich dort gelebt habe. Heute verbindet mich mit diesem Großdorf nur noch wenig, und doch bin ich dort aufgewachsen, es ist ein großer Teil meiner Biografie. Es ist meine Heimat. Ein bisschen fühlt es sich so an, als hätte ich im Kunstunterricht ein Bild gemalt, das von der entsprechenden Lehrkraft vor der gesamten Klasse gelobt wurde. Und jetzt bringe ich es mit nach Hause und hoffe auf positives Feedback meiner Eltern. Hoffentlich schafft es mein Bild an die Kühlschranktür.
„Brigitte Bordeaux“ in Haßloch
Zum Stück: Plötzlich Brigitte! 50 Jahre lang war Herbert A. Treves, Winzer, Vater zweier Söhne und Mitglied im Volkschor „Goldene Kehlen“, ein stinknormaler Mann. Doch von einem Tag auf den andern will er eine Frau sein. Gattin Moni nimmt’s halbwegs gelassen, der jüngere Sohn Sebastian ist peinlich berührt, die Nachbarn zerreißen sich das Maul, und die „Goldenen Kehlen“ schmeißen die neue Brigitte kurzerhand raus. Und als wäre das alles nicht schon Provokation genug, startet die frisch mutierte Winzerin in den sozialen Netzwerken auch noch eine Kampagne, um Amt und Krone der Weinprinzessin zu ergattern. Doch warum die plötzliche Metamorphose? In Wahrheit sind es Schuldgefühle, die Herbert umtreiben. Der Theaterverein „Work With People“, kurz WWP, spielt die (Tragi-)Komödie „Brigitte Bordeaux“ als Freilufttheaterstück im Hof des Ältesten Hauses von Haßloch: Do-So 7.-10.9. jeweils um 20 Uhr, Gillergasse 14. Regie führt Peter Ruffer, bei dem Autor Sergej Gößner während seiner Jugend in Haßloch erste Theatererfahrungen sammelte. Die musikalischen Arrangements – Charles Aznavours Chanson „Elle“ zum Beispiel bildet ein Leitmotiv des Stücks – stammen von Max Oliv. Karten: 06324 820084 (Chaoskeller), eventim.de, wwp-theater.de
