Rhein-Pfalz-Kreis
Der Waldboden – so wichtig für das Klima
Der April ist ein guter Monat, um sich den Boden im Wald zu betrachten. Der Waldboden ist nämlich Boden des Jahres 2024. Und im Frühling ist da immer eine Menge los. „Auch in anderen Monaten“, sagt Volker Westermann. „Aber im Frühjahr ist der Blick auf den Waldboden besonders bunt“, gibt der Bildungsförster vom Forstamt Pfälzer Rheinauen zu. Der Blick auf den Waldboden lohnt sich aber auch, weil Wald immerhin rund 30 Prozent der Fläche in Deutschland bedeckt. „Es ist ein besonderer Lebensraum, den man kennenlernen sollte.“
Waldboden ist nicht gleich Waldboden. Das schickt Westermann gleich mal vorweg. Je nach Grundgestein, Klima, Exposition und Waldvegetation unterscheiden sich Waldböden enorm. Selbst hier in der Vorderpfalz gibt es bereits Unterschiede. Da gibt es den sandigen und trockenen Boden im Maxdorfer Wald. Und es gibt den nährstoffreichen Boden der Auwälder, der immer wieder vom Hochwasser des Rheins überspült werden kann – um zwei Extreme zu nennen. Generell lässt sich sagen, dass die Waldböden, die wir heute noch haben, deshalb noch Waldböden sind, weil sie nicht zum Ackerbau getaugt haben. Als die Menschen in der Jungsteinzeit begannen, Böden landwirtschaftlich zu nutzen, haben sie zunächst die am einfachsten zu bearbeitenden und fruchtbarsten Böden in klimatisch für den Ackerbau günstigen Gebieten unter den Pflug genommen. Weniger günstige Lagen verblieben dem Wald. Das prägt bei uns bis heute die Verteilung von Wald und Feld.
Das besondere Merkmal des Waldbodens
„Apropos Landwirtschaft! Da sind wir schon bei einem wesentlichen Merkmal des Waldbodens: Er wird in der Regel nicht bearbeitet. Biologische Prozesse können über Jahrzehnte weitgehend ungestört ablaufen“, sagt Westermann. Ihm zufolge sind Waldböden grob in verschiedene Horizonte eingeteilt. Die oberste Schicht bildet eine Streuauflage. Hier sammeln sich Laub, Nadeln, Knospenschuppen, Holz- und Rindenteilchen, Zapfen, Früchte, Blüten oder Teile davon an. Kurzum: alles, was Bäume und Sträucher im Jahreslauf abwerfen oder verlieren. Heerscharen von Lebewesen zerkleinern dieses Material und erschließen die darin enthaltenen Pflanzennährstoffe. Insekten und ihre Larven, Asseln sowie Würmer fressen die abgestorbenen Pflanzenteile und scheiden die Reste aus. Pilze und Bakterien besiedeln diese Reste und bauen sie ab. Diese unfassbare Vielfalt in eine Zahl gepackt, heißt: Ein Gramm Waldboden enthält mehr als 50.000 verschiedene Bakterienarten und mehrere Hundert Meter an Pilzhyphen, von Pilzen ausgebildete Fäden. „Regenwürmer und Insekten sind in dieser Welt die Riesen“, sagt der Förster und lacht. Ein komplexes und eingespieltes Ökosystem.
So vielschichtig und belebt
Aus dieser Streuschicht recken sich bei unserem Frühjahrsspaziergang unterschiedliche Blüten der Sonne entgegen. Das Leben im Wald erwacht am Boden. Scharbockskraut, Kleines Immergrün, Buschwindröschen oder Lerchensporn entfalten gerade ihre ganze Pracht. Sie gehören zu den Frühblühern. Erste wichtige Nahrungsquellen für frühe Brummer und ausgeschlafene Insekten, die dringend Nektar brauchen. Die Pracht der Frühblüher endet, wenn das Laub der Bäume das Walddach schließt. „Ich bin jedes Jahr aufs Neue fasziniert, wenn im Frühjahr hier am Boden das Leben los geht. Waldboden kann also auch Grundlage für ein Blütenmeer sein“, sagt Westermann.
Unter der Streuschicht finden sich weitere Schichten mit mehr oder weniger stark zersetztem und zu Humus umgewandeltem Material. „Da müssten wir jetzt ordentlich graben, um alle Lagen zu sehen“, meint der Förster. Bereits ein, zwei Spaten tief zeigt sich aber schon, ob der Boden eher feucht und schwer ist oder karg und sandig. Abhängig von Boden- und Humustyp können die Schichten deutlich getrennte Lagen bilden oder stärker vermischt sein. Im Boden wühlende Tiere sorgen dafür, dass der Boden gelockert, Humus mit den Mineralien vermischt wird. Wasser ist das Transportmittel für Stoffe. Gelöste Stoffe werden vor allem nach unten verfrachtet. Es geht aber auch in die entgegengesetzte Richtung.
Im Wasser gelöste Mineralstoffe wie Nitrate, Phosphate, Kalium und Magnesium werden von den Wurzeln nach oben geholt und in der Pflanze bis in die feinsten Verästelungen und Blätter verteilt. Tief wurzelnde Bäume können mit ihren Wurzeln auch aus größerer Tiefe, sogar aus Klüften im Fels unterhalb des Bodens, durch Mineralverwitterung frei gewordene Nährstoffe nach oben holen. „Der Kreislauf ist perfekt, wenn mit dem fallenden Laub die Nährstoffe wieder der Streuauflage zugeführt werden und von dort langsam in den Boden wandern“, erläutert der Förster.
Wasserspeicher und Trinkwasserspender
Waldböden sind der größte Süßwasserspeicher – mit Trinkwasserqualität. Das mag man gar nicht glauben, wenn man sich vom Waldboden erhebt, auf dem man bis eben zwischen Buschwindröschen und Scharbockskraut gekniet hat und sich den braunen Schmuddel aus Erde, Nadeln und Blattresten von der Hose klopft. „Und doch ist es so“, bestätigt Westermann. „Wie ein Schwamm saugen sich Waldböden mit Niederschlagswasser voll und geben die Feuchtigkeit langsam nach und nach ab. Das Wasser wird gefiltert.“
Besonders die obere, humusreiche Erdschicht kann sehr viel Regenwasser aufnehmen und speichern. Bis zu 200 Liter Wasser können sich unter einem Quadratmeter Waldboden ansammeln. Das Regenwasser sammelt sich in Poren, Ritzen, größeren Spalten und den unterirdischen Gängen der Tiere. Aufgrund seiner Schwerkraft sickert es weiter nach unten und durchquert verschiedene Bodenschichten. Dabei werden Partikel im Wasser mechanisch herausgefiltert und sogar im Wasser gelöste Stoffe vom Boden chemisch aufgenommen. Diese gefilterten Stoffe bauen dann die Bodenlebewesen – sofern möglich – ab.
Wir hocken auf einem Baumstamm. Totholz, das hier liegen bleibt und verrotten darf. „Darin ist eine Menge CO2 gebunden“, sagt Westermann. Und damit kommt er auf eine weitere wichtige Funktion von Wald und Waldboden zu sprechen. Wald hat Experten zufolge eine herausragende Bedeutung für den Klimaschutz, eben auch, weil er Kohlendioxid bindet und eine natürliche Kohlenstoffsenke ist. Allein im deutschen Wald wird die Atmosphäre laut der Ergebnisse der Bundeswaldinventur jährlich um rund 52 Millionen Tonnen Kohlendioxid entlastet.
Der Waldboden als Kohlenstoffsenke
Bäume brauchen zum Wachstum das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) und binden es dadurch im Holz. 1,17 Milliarden Tonnen Kohlenstoff sind gegenwärtig in lebenden Bäumen und in Totholz gebunden. Das sind rund 105 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar in der ober- und unterirdischen Biomasse (ohne Streuauflage und Mineralboden). Die Bodenzustandserhebung im Wald gibt für die Streuauflage und den Mineralboden einen Vorrat von weiteren 850 Millionen Tonnen Kohlenstoff an. Das Fazit der Bundeswaldinventur: Der Wald in Deutschland wirkt derzeit als Senke. „Wichtig ist, dass der Zuwachs der Waldes höher bleibt als seine Nutzung. Das versuchen wir mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit zu erreichen. Aber wir wissen nicht, ob uns durch Hitze und Trockenheit im Klimawandel irgendwann mehr Bäume ausfallen als nachwachsen“, sagt Westermann. Tendenzen dafür seien schon da.
Wert des Waldbodens erkennen
Den Wert des Waldbodens hat man erst in den letzten Jahrzehnten wirklich erkannt. Hier wurden nach Meinung des Försters in der Vergangenheit viele Fehler gemacht. „Ganzflächiges Befahren mit Forstmaschinen, Bodenbearbeitung, Kahlschläge waren Fehler, die heute vermieden werden müssen. Und die oft zum Glück auch vermieden werden.“
Trotzdem muss Holz, das gefällt wurde, an die Wege gebracht und abtransportiert werden. Jeder verbraucht schließlich Holz, und es wächst nicht im Sägewerk. Eine Lösung heißt Rückegassen. „Nur auf dauerhaft markierten Trassen im Wald – möglichst im Abstand von mindestens 40 Metern – dürfen Forstmaschinen fahren. Auf diesen Gassen erfolgt eine Bodenverdichtung. Aber es entstehen eben nur dort Schäden“, erklärt der Förster.
Westermann freut sich, dass der Waldboden gewürdigt wird. Damit werde darauf aufmerksam gemacht, dass Waldbodenschutz für den Erhalt gesunder Wälder unerlässlich ist. „Jetzt müssen wir es nur schaffen, Wald in Zeiten des Klimawandels zu erhalten. Und wir müssen den Klimawandel einbremsen. Wenn wir das nicht tun, riskieren wir ein Klima vergleichbar mit dem Nordafrikas, dann riskieren wir auch das Verschwinden des Waldes und seines besonderen Bodens. Wir riskieren unsere Lebensgrundlage als Mensch“, mahnt Westermann. Ernste Worte im fröhlichen Frühlingswald. Der sieht mit seiner Blütenpracht am Boden immerhin so aus, als würde es ihm gut gehen.
