Vorderweidenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Burgruine Lindelbrunn: Stauferpracht und Teufelsschütze

Renommierbau der Stauferzeit: Lindelbrunns Saalbau von außen. Die Buckelquader-Architektur weist in die Epoche um 1200.
Renommierbau der Stauferzeit: Lindelbrunns Saalbau von außen. Die Buckelquader-Architektur weist in die Epoche um 1200.

Kein Turm, aber dennoch rundum Fernsicht. Eine Außenwand, deren Buckelquaderpracht sich nur dem offenbart, der den richtigen Standpunkt findet. Und eine Sage, die der „Hexenhammer“ als teuflische Wahrheit verkaufte: Burgruine Lindelbrunn wartet mit aparten Merkwürdigkeiten auf.

Das beginnt schon beim Namen. Denn als Lindelbrunn oder Lindelborn taucht die Burg bei Vorderweidenthal erst in einer Urkunde von 1398 auf. Zuvor wurde sie stets Lindelbol(l) genannt – nach der kegelrunden Bollenform des Bergs, dessen Plateau die Gipfelburg einnimmt. Der den heutigen Namen spendende Brunnen scheint also nicht vor Ende des 14. Jahrhunderts gebohrt worden zu sein.

Auch Lindelbrunns Form ist bemerkenswert: Der Grundriss der Oberburg entspricht einem gleichschenkligen Dreieck. Während von der Unterburg kaum Spuren blieben, ist in dieser Gipfel-Geometrie versammelt, was wütende Bauern 1525 und die nachfolgenden Jahrhunderte des Verfalls von Lindelboll übrig ließen. Das ist gar nicht so wenig und architektonisch obendrein bedeutend.

Ruine zwischen Wald und Himmel: Aufgang zur Oberburg.
Ruine zwischen Wald und Himmel: Aufgang zur Oberburg.

Mit Kapelle und Heizung

Gleich neben dem ehemaligen Burgtor mit der getreppten, von einer Wagenradrille durchschnittenen Felsenrampe finden sich die restaurierten Fundamente einer freistehenden Kapelle, gefolgt von einem aus dem Felsen gehöhlten Gewölbe an der abgerundeten Südspitze. Darüber ragt, gen Westen, die Schmalseite eines ehemaligen Wohnbaus auf. Die große Öffnung, die in dieser Mauer klafft, ist keine Tür, sondern Teil einer Heizungsanlage, die vermutlich von außen befeuert wurde und ihre Wärme über Luftschächte in die Zimmer verteilte: komfortabel. Dieser Wohnbau war unterkellert, im Gegensatz zum angrenzenden kleineren Raum, der ehedem womöglich auch sakralen Zweck erfüllte: Das lassen jedenfalls die beiden Säulenbasen vermuten, die hier noch in den Ecken sitzen.

An der Südecke des Gipfel-Dreiecks: Felsengewölbe und Schmalseite des östlichen Wohnbaus mit Heizanlage.
An der Südecke des Gipfel-Dreiecks: Felsengewölbe und Schmalseite des östlichen Wohnbaus mit Heizanlage.

Buckelquader-Baukunst erster Güte

Heute freilich nutzt man diesen quadratischen Absatz mit Mauern in Brusthöhe besser als Aussichtsterrasse. Denn nur von hier kann man das eigentliche architektonische Highlight der Burg bewundern: die neuerdings von Efeu befreite Außenwand des sich westlich anschließenden Saalbaus. Das ist stauferzeitliche Buckelquader-Baukunst erster Güte, stilistisch dem Trifels-Turm verwandt, mit Fenstern, die durch gefaste Rundbogenblenden ästhetisch betont sind. Dieser Saalbau oder Palas – innen hatte er einen großen Kamin – diente eindeutig Repräsentationszwecken, während man im nach Nordosten abknickenden Gebäudetrakt anderen Geschäften nachging: Dort hat sich ein Aborterker erhalten, der von außen fast wie eine steinerne Raumkapsel anmutet.

Mit großem, aber fehlerhaft restauriertem Kamin: Lindelbrunns Saalbau von innen.
Mit großem, aber fehlerhaft restauriertem Kamin: Lindelbrunns Saalbau von innen.

Entstehung um 1200

Aus all diesen architektonischen Resten darf man schließen, dass Lindelboll um 1200 großzügig ausgebaut wurde. Doch von wem? Was an historischen Nachrichten zu Lindelbrunn überliefert ist, will sich mit dem baulichen Ehrgeiz, der selbst 500 Jahre nach Zerstörung der Burg im Bauernkrieg noch sichtbar ist, nicht so recht verbinden.

Reichsministeriale, die sich nach der Burg benennen, werden um 1250 urkundlich fassbar. Das betreffende Dokument eröffnet einen familiären Zusammenhang der Ritter „de Lindelbolle“ mit den Mannheimer Herren von Hausen und, vor allem, mit dem mächtigen Reichstruchsess Markward von Annweiler (gestorben 1202). Sollte er den Bau Lindelbolls initiiert haben? Das könnte die ambitionierte Architektur der Anlage erklären. Doch leider fehlen Schriftquellen aus der Entstehungszeit der Burg, und um 1300 verschwinden die Ritter von Lindelboll bereits wieder vom Radar. An ihre Stelle treten die in der Historie der Pfälzer Burgen unvermeidlichen Grafen von Leiningen: ab 1317 befindet sich Lindelboll als Reichslehen nachweislich in ihrem Besitz. Ab 1358 mischen die Grafen von Zweibrücken-Bitsch als weitere Anteilseigner an der Burg mit.

Mit Sockel und Lisenen: Reste der freistehenden Kapelle auf Lindelbrunn.
Mit Sockel und Lisenen: Reste der freistehenden Kapelle auf Lindelbrunn.

Im 15. Jahrhundert belagert

Beide Grafenhäuser nutzen Lindelbrunn in der Folgezeit als Pfandobjekt, um an Geld zu kommen. Daraus entsteht eine komplexe Eigentümergemeinschaft. Zu ihr gehören um die Mitte des 15. Jahrhunderts auch ein paar niederadlige Herren, die wahlweise mit der Kurpfalz, dem Bistum Speyer oder der Stadt Landau im Clinch liegen. Resultat: Zwischen 1441 und 1450 wird Lindelbrunn gleich dreimal belagert.

In der militärischen Strafaktion anno 1441 – die Kurpfalz und der Speyerer Bischof bekriegten Lindelbrunn-Gemeiner Heinrich Steinhausen – hat eine der Sagen, die sich um die Ruine ranken, ihren Ursprung. Demnach gehörte zu den kurfürstlichen Truppen, die Lindelbrunn belagerten, auch ein teuflisch virtuoser Armbrustschütze, genannt der Punker von Rohrbach: „Er stellte sich nun auf einem hohen Punkte der Burg gegenüber auf, und Mann für Mann stürzte die Besatzung, von den Pfeilen des furchtbaren Schützen getroffen“, liest man in Friedrich Wilhelm Hebels Pfälzer Sagen.

Sage aus dem „Hexenhammer“

Das Pikante an der Geschichte: Schriftlich fixiert wurde sie wohl zuerst im „Malleus maleficarum“, dem unsäglichen „Hexenhammer“ des Inquisitors Heinrich Kramer, erstmals 1486 in Speyer gedruckt und damit in relativer zeitlicher Nähe zu den realen Ereignissen um Lindelbrunn. In Kramers Traktat, das zum Leitfaden der Hexenverfolgung avancierte, dient der Punker, von dem außerdem eine Art Tell-Schuss berichtet wird, als Paradebeispiel für Männer, die mit „Hexenwerken infiziert“ sind.

Wir sehen: Die Sage vom allzu treffsicheren Punker ist geboren aus frühneuzeitlichem Aberglauben, der wirkliches Geschehen überwuchert. Die Story lässt „Freischütz“-Feeling aufkommen. Jedoch werden schwarz-romantische Anwandlungen auf Lindelbrunn schnell vom Winde verweht oder von der Sonne weggebeizt. Denn das prägt die Atmosphäre dieser mittelalterlichen Ruinen-Akropolis: Weite, Himmel, Wolken, Licht. Dazu eine bruchstückhafte, die Ränder des Plateaus umfriedende Architektur, in deren Lücken ringsum bewaldete Berge sichtbar werden, die am Horizont zum Aquarell verschwimmen.

 

Wegweiser

  • Wie findet man Lindelbrunn? Burgruine Lindelbrunn liegt im Landkreis Südliche Weinstraße, 3,5 Kilometer nordöstlich der Ortschaft Vorderweidenthal. Anfahrt von Klingenmünster kommend über die L 493, dann der Abzweigung auf die K 10 folgen. Die Burgruine unter der Verwaltung der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz ist frei zugänglich . An der K 10, kurz vorm Cramerhaus, gibt es einen großen Wanderparkplatz. Der Aufstieg zur Burg beginnt am Forsthaus Lindelbrunn, von dort führt ein Wanderweg in etwa 15 Minuten hinauf zur Burg. Die Vegetation an der Strecke wird übrigens nicht, wie man wegen des Namens vermuten könnte, von Linden, sondern von Edelkastanien bestimmt.

 

  • Wo kann man einkehren? Direkt am Fuß des Burgbergs liegt das Cramerhaus, ein beliebtes Ausflugslokal mit typisch pfälzischer Küche (Mi-So 11-18 Uhr). Dem Forsthaus Lindelbrunn gegenüber steht außerdem ein Wild-Automat, an dem man sich, zum Beispiel, mit Wildschweinbratwurst in Dosen oder mit Wildschwein-Leberknödeln eindecken kann.

 

  • Was gibt’s noch zu sehen? Im Umland von Lindelbrunn finden sich schöne Naturdenkmäler wie der Rödelstein, ein langgestrecktes Felsmassiv, das man, zusammen mit der Burg und weiteren Sandsteinformationen, auf dem gut 20 Kilometer langen Wasgau-Felsenweg erwandern kann. Ein schönes Familienausflugsziel ist außerdem der Wild- und Wanderpark Südliche Weinstraße bei Silz.
Ruinen-Panorama: Von Lindelbrunn – oder auch Lindelboll – sind fast nur Außenmauern erhalten.
Ruinen-Panorama: Von Lindelbrunn – oder auch Lindelboll – sind fast nur Außenmauern erhalten.
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