Wandern im Pfälzerwald Streuobstweg bei Lambrecht
Es ist Liebe auf den zweiten Blick: Wer auf der Bundesstraße 39 zwischen Kaiserslautern und Neustadt durch Lambrecht fährt, ahnt nicht, dass sich hinter den Fassaden der teils dicht gedrängten Häuser tatsächlich die liebevoll gepflegte Idylle verbirgt, die der zu Anlässen hübsch dekorierte Geißbockbrunnen verspricht. Aber es gibt sie – herrliche Aussichten inklusive, wie der neue Streuobstweg zeigt.
Die nicht sehr weite, aber durchaus anspruchsvolle Runde ist vom Bahnhof Lambrecht aus markiert. Von dort sind es wenige hundert Meter entlang der Hauptstraße bis zum Geißbockbrunnen, der als erstes lohnendes Fotomotiv an einen interessanten Aspekt aus der Historie der Wallonenstadt erinnert.
Die Geißbocktradition zwischen Lambrecht und Deidesheim gehört seit Neuestem zum Immateriellen Weltkulturerbe. Sie geht auf ehemalige Weiderechte zurück: Die Stadt Lambrecht liefert seit 1534 jährlich einen Tributbock nach Deidesheim. Heute übernimmt das ein Brautpaar, und die Lieferung hat nur noch Symbolcharakter. Sie stärke aber „regionale Identität und Zusammenhalt durch Festivitäten wie die publikumswirksame historische Geißbockversteigerung an Pfingstdienstag vor dem historischen Deidesheimer Rathaus“, heißt es. Aber zurück zum Streuobstweg, der am Geißbockbrunnen erst so richtig startet.
Die Straße runter zum Friedrich-Ebert-Platz und über die Speyerbach-Brücke im sanierten Stadtkern geht es zur ehemaligen Klosterkirche. Der ortsprägende Bau aus dem 14. Jahrhundert hat viele Wandlungen erfahren und wird heute als protestantische Kirche genutzt. Er ist jünger als das ehemalige Kloster St. Lambrecht, das um 977 von Benediktinermönchen gegründet worden war.
Wir nähern uns nun der Streuobstwiese am „Beutelstein“, die neben den „Bohnenäckern“ am andere Ende der Runde dem Weg seinen Namen gibt. Zwischen zwei Häusern führt links ein mit einem Seil gesicherter Steig hinauf zu der von Naturschützern gepflegten Anlage. Über hohe, ausgetretene Stufen und steile Wegstücke erklimmen wir den ersten buchstäblichen Höhepunkt der Tour: Die Aussicht über blühende Obstbäumchen auf die Hügel des Pfälzerwalds und die Stadt sind reicher Lohn für die Aufstiegsmühen.
Abenteuerlicher Pfad
Nach der verdienten ersten Pause – Bänke gibt es an der Strecke zum Glück viele – führt die Markierung mit dem Obst einen abenteuerlich schmalen Pfad entlang. Auf der linken Seite ein steiler Abhang, säumt rechterhand eine alte Trockenmauer den Weg. Aus Holz gestaltete Schmetterlinge und Friedenstauben, Gedichte auf Tafeln und weitere hübsche Details machen den Trail, der hier der Wanderrunde „Friedensweg“ folgt, zu einem bunten und inspirierenden Abschnitt. Allerdings ist Trittsicherheit gefragt. Barrierefrei und für Kinderwagen geeignet ist der Streuobstweg nicht.
Der Pfad folgt eine Weile dem Themenweg „Aussichten der Tuchmacher“, der seinem Namen gerecht wird, und geht in einen Waldweg über. Für eine zweite Rast empfiehlt sich die Michael-Stöhr-Geburtstagsbank etwas unterhalb der markierten Runde. Hier liegt den Wandernden die Stadt mit ihren repräsentativen alten Villen zu Füßen. Trotz der guten Markierung muss man an Kreuzungen und Wegspinnen etwas aufpassen. Verirren indes wird sich niemand, das Tal macht die Orientierung leicht.
Die Strecke führt über den Dächern des „Häuselgartens“ und teilweise an der alten Grenze zwischen Lambrechter Stadtwald und Feldflur entlang in die „Fodenseng“ mit Metzmannbrunnen und Grillhütte. Nach Freizeitgrundstücken lockt mit den „Bohnenäckern“ bald die zweite Streuobstidylle. An den Blüten von Wiesenkräutern und Bodendeckern summen Hummeln und Bienen. Die alten Obstbaumsorten sind teils mit Infoschildern versehen, das Betreten der Flächen auf eigene Gefahr erlaubt.
Die Stadt liegt nun hinter uns. Ein Serpentinenweg führt durch lichten Wald hinab zu einem bequemen Feldweg, der wieder dahin zurückführt. Die große Betonruine des ehemaligen Seniorenheims weckt beim Verlassen der Naturoase etwas unsanft aus dem Streuobsttraum. Aber auch hier soll sich was tun: Ein Investor will Wohnungen bauen. Wir nehmen die Treppe am Restaurant „Bürgerstube“ hinab in die Wiesenstraße. Asphalt prägt den Rückweg zum Bahnhof. Die Zivilisation hat uns wieder. Der aussichtsreiche, kurzweilige Streuobstweg aber wird als kleine Auszeit für Körper und Seele im Gedächtnis bleiben.
Streuobstweg ab Bahnhof Lambrecht, 5,4 km, mittelschwer. Einkehren: Stadtcafé (06325 988188), Restaurant Amaryllis, Restaurant Bürgerstube, Infos: www.vg-lambrecht.de



