Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Telenotärzte das Rettungswesen entlasten sollen

Auf dem Bildschirm kann Notarzt Christoph Schmidt aus der Ferne die Vitalwerte der Patientin einsehen.
Auf dem Bildschirm kann Notarzt Christoph Schmidt aus der Ferne die Vitalwerte der Patientin einsehen.

In der Ludwigshafener BG-Klinik sind seit Donnerstag Telenotärzte im Einsatz. Sie sollen Rettungssanitäter unterstützen und Notarztstandorte entlasten. Das System hat allerdings auch seine Grenzen.

Eine ältere Dame liegt nach einem Sturz mit Verdacht auf einen Oberschenkelhalsbruch im Rettungswagen. Weil sie starke Schmerzen hat, überlegen die Sanitäter, ihr ein Medikament dagegen zu geben. Die Entscheidung können sie aber nicht selbst treffen – das muss ein Arzt übernehmen. Notarzt Christoph Schmidt kommt allerdings nicht mit dem Auto an den Einsatzort, sondern sitzt in einem Raum in der zentralen Notaufnahme der Ludwigshafener BG-Klinik.

Auf einem der vier Bildschirme, die er vor sich hat, kann er die EKG-Daten der Patientin sehen, über einen Videoanruf ist er mit den Menschen im Rettungswagen verbunden. Die Sanitäter informieren ihn über Vorerkrankungen und den Medikamentenplan der Frau. Die Anordnung des Schmerzmittels übermittelt Schmidt über das Computersystem an den Rettungswagen. Über die Kamera kann er die richtige Dosierung überprüfen und sich im Anschluss vergewissern, dass es der Patientin besser geht.

Erster Versuch im Land

So könnte ein Einsatz der Telenotärzte aussehen, die seit Donnerstag in Ludwigshafen im Einsatz sind. Es ist das erste Pilotprojekt dieser Art in Rheinland-Pfalz. Perspektivisch soll das Telenotarzt-System landesweit ausgerollt werden und den demografischen Wandel sowie den damit verbundenen Ärztemangel abfangen. „Wir müssen mit weniger Ärzten bessere Qualität liefern“, sagt Paul Alfred Grützner, Ärztlicher Leiter der BG-Klinik, die von der Landesregierung als Teststandort ausgewählt wurde.

Die Telenotärzte sollen laut den Verantwortlichen keine Notarztstandorte ersetzen, sondern dafür sorgen, dass diese mehr Zeit für die Fälle haben, bei denen zwingend ein Notarzt vor Ort sein muss. Sanitäter können den Telenotarzt hinzuziehen, wenn erst im Verlauf eines Einsatzes klar wird, dass ein Notarzt gebraucht wird. „Das kann sein, wenn der Blutdruck entgleist oder der Patient die Mitfahrt im Rettungswagen verweigert“, sagt Johannes Becker, Leitender Oberarzt für interdisziplinäre Rettungs- und Notfallmedizin und Leiter des Pilotprojekts. Er könne sich auch vorstellen, dass die Telenotärzte die Zeit überbrücken, bis ein Kollege vor Ort eintrifft, oder dass junge Notärzte die Kollegen am Bildschirm kontaktieren, wenn sie eine zweite Meinung einholen wollen. Die Telenotärzte sind bewusst in der Notaufnahme und nicht etwa in der Rettungsleitstelle angesiedelt, damit sie bei Bedarf ebenfalls Rücksprache mit Kollegen halten können.

Zunächst arbeitet das Team aus fünf erfahrenen Notärzten, zu denen auch Becker selbst gehört, mit den Rettungswachen des Deutschen Roten Kreuzes in Haßloch (Kreis Bad Dürkheim), Mutterstadt und Schifferstadt (beide Rhein-Pfalz-Kreis) zusammen. „Eigentlich ist es egal, wo wir sitzen. Aber am Anfang ist es einfacher, wenn wir kurze Wege haben“, sagt Becker. In einem zweiten und dritten Schritt sollen auch Rettungswagen in Neustadt, Speyer und schließlich in Ludwigshafen an das System angebunden werden. Dass die Großstadt zuletzt an das Pilotprojekt angeschlossen wird, ist Absicht. „In Ludwigshafen gibt es eine gute Notarztdichte mit drei Fahrzeugen. Im ländlichen Bereich ist es viel gravierender, wenn einer ausfällt“, sagt Becker. Für die Anfangszeit, wenn die Telenotärzte mit nur drei Rettungswagen verbunden sind, rechnet er mit wenigen Einsätzen am Tag.

Sich kein Bild von der Situation am Einsatzort machen und nicht aktiv ins Geschehen eingreifen zu können, bedeutet für die Telenotärzte eine Umstellung. In einer dreitägigen Schulung wurden sie in den Umgang mit dem technischen System eingearbeitet, das eine Arbeitsgruppe des Deutschen Zentrums für Notfallmedizin und Informationstechnologie (Denit) am Kaiserslauterer Fraunhofer-Institut entwickelt hat. „Wir haben speziell die Kommunikation geschult. Die Notärzte müssen schnell in den Einsatz einsteigen und konzentriert auf Fragen eingehen“, sagt Thomas Luiz, der Leiter der Arbeitsgruppe.

Funklöcher als Problem

Bei aller Vorbereitung kann das System allerdings auch an seine Grenzen stoßen. Voraussetzung dafür, dass die Übermittlung der Patientendaten funktioniert, ist eine Mobilfunkverbindung, die vor allem in ländlichen Gegenden nicht überall gegeben ist. „Darauf bin ich sehr gespannt, wenn wir in Richtung Pfälzerwald ausrollen“, sagt Becker. Auch wenn ein Patient nicht zustimmt, dass ein Telenotarzt zugeschaltet wird, oder wenn sich herausstellt, dass eine Behandlung durch den Arzt notwendig ist, muss sich ein anderer Notarzt auf den Weg machen.

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