Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Ärztemangel: Zum Studium in ein fremdes Land

„Wenn ich erst mal Ärztin bin, dann bin ich in Deutschland wieder willkommen, aber einen Studienplatz gibt man mir nicht“, sagt
»Wenn ich erst mal Ärztin bin, dann bin ich in Deutschland wieder willkommen, aber einen Studienplatz gibt man mir nicht«, sagt Maren Bastian.

Im September beginnt Maren Bastian ihr Medizinstudium an der ungarischen Universität in Pécs. Über 1000 Kilometer wird sie dann von ihrer Familie in Saalstadt entfernt sein. „Das ist hart“, sagt die 19-Jährige. In Deutschland gibt es zu wenig Studienplätze. Darüber ärgert sich Bastian – und äußert klare Forderungen an die Politik.

Der Ärztemangel in Deutschland wird drängender. Lösungsvorschläge gibt es, allerdings sind es wenige, und sie kommen spät. Mangelnder Nachwuchs wird beklagt: Es kommen nicht genug junge Ärzte nach, um die alten – besonders auf dem Land – zu ersetzen. Dabei gibt es junge Leute, die das Medizinstudium aufnehmen wollen und sich gut vorstellen können, danach eine Hausarztpraxis in der Südwestpfalz zu führen. Ihnen wird es in Deutschland aber unnötig schwer gemacht, findet die Saalstadterin Maren Bastian. Sie zieht deshalb im Herbst nach Ungarn, um dort zu studieren.

Beim Verein „Ärzte für die Westpfalz“ hat sich Bastian für ein Stipendium beworben, das die Studiengebühren von 15.000 Euro im Jahr decken könnte. „Ich stehe ganz oben auf der Warteliste“, erzählt sie von einem Telefonat mit einer Vertreterin des Vereins. Inzwischen habe sie sogar einen Brief mit einer vorläufigen Zusage erhalten. Gesichert seien die Plätze aber noch nicht ganz. Es hängt davon ab, ob der Verein genug Spenden eintreiben kann, um die geplanten 16 Kandidaten auf die Reise zu schicken.

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Maren Bastian geht im September nach Ungarn. Weil es in Deutschland zu wenig Studienplätze in der Medizin gibt, tritt sie ihr St
Maren Bastian geht im September nach Ungarn. Weil es in Deutschland zu wenig Studienplätze in der Medizin gibt, tritt sie ihr Studium in Pécs an.

Bastian: Talente wandern ab

Fürs Erste musste sich die 19-Jährige verschulden, um ihr Studium beginnen zu können. 7500 Euro kostet das erste Semester. Fünf Jahre mit jeweils zwei Semestern – das macht ohne Stipendium 75.000 Euro Schulden bis zum Beginn des praktischen Jahrs, das Bastian in Deutschland machen könnte. Die Lebenshaltung ist da nicht eingerechnet. Die junge Saalstadterin ärgert sich über diese Situation: „Wenn ich erst mal Ärztin bin, dann bin ich in Deutschland wieder willkommen, aber einen Studienplatz gibt man mir nicht.“ Weil es in Deutschland so wenig Plätze für Medizinstudenten gibt, ist der Numerus clausus entscheidend. Nur mit Bestnoten hat man eine Chance, sagt Bastian. Einen Abischnitt von mindestens 1,0 könne sie nicht vorweisen.

Den Numerus clausus hält sie für unsinnig. „Wie gut ich in Gedichtsanalysen bin, sagt nichts darüber aus, wie gut ich als Arzt sein werde.“ Und wer in dem Beruf tätig sein will, müsse so oder so das Studium schaffen. Wer die Prüfungen an den Unis nicht besteht, kommt nicht weiter. Bastian hält es für unnötig, schon nach dem Abitur so stark auszusieben. So gingen Talente für die Medizin verloren, die Deutschland dringend brauche.

Leichen und Schauspieler

Ihrer Meinung nach benötigt das Land nicht nur deutlich mehr junge Ärzte, um die Lücken zu füllen, wenn die Babyboomer unter den Medizinern in Rente gehen. Nötig seien auch Ärzte, die nicht ausschließlich mit fachlicher Kompetenz glänzen, sondern die auch „Menschlichkeit im Beruf“ und Empathie für den Patienten mitbringen. Von denen schafften es nicht genug ins Studium, solange bei der Vergabe der Studienplätze hauptsächlich auf schulische Leistung gesetzt werde, sagt Bastian. Was zunächst ganz grundsätzlich nötig sei: bundesweit deutlich mehr Studienplätze für Medizin. Die sind teuer, sparen könnte man aber zum Beispiel mit Wechselunterricht. Wenn immer ein Teil der Studenten zu Hause vorm Rechner sitzt und den Unterricht in der Uni verfolgt, könnten mehr Leute an den Vorlesungen teilnehmen, ohne dass die Hörsäle überfüllt sind. „Das hat man bei uns in den Schulen während der Pandemie doch auch gemacht.“

Die Uni in Pécs ist international anerkannt. Die Saalstadterin, die online in Kontakt mit dem Institut und Studierenden steht, freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Das Studium sei praktischer angelegt als in Deutschland. In Kleingruppen werde nicht nur an Leichen geübt, auch Schauspieler stellten sich als Patienten zur Verfügung und ließen die Studierenden Diagnosen über ihre vorgeblichen Leiden stellen. Die Sprache in den Seminaren der Uni ist Deutsch, aber „am Krankenbett wird ungarisch gesprochen“, erzählt die 19-Jährige. Ab dem fünften Semester arbeiten die Studenten im Krankenhaus mit. Sprachkurse für die Deutschen konzentrierten sich vor allem medizinische Fachbegriffe.

„Heimweh wird dich zerreißen“

Trotz der Vorfreude fällt Maren Bastian der Abschied schwer. Sie habe ein enges Verhältnis zu ihren Geschwistern und vor wenigen Monaten erst eine kleine Nichte bekommen. „Sie wird sich nicht an mich erinnern“, sagt die 19-Jährige bedrückt. Die rasche Entwicklung vom Baby zum Kleinkind werde sie verpassen. Fast 1200 Kilometer wird die junge Frau von ihren Lieben entfernt sein. Sie freut sich auf die Chance, ihren Traum vom Medizinstudium zu erfüllen. Doch eine junge Frau, die ebenfalls im Ausland studiert, habe sie vorgewarnt: „Am Anfang wird das Heimweh dich zerreißen.“

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