Pfalz
Vom Bischof geschützt? Wie ein katholischer Geistlicher trotz Missbrauch Karriere machte
Der Mann, um den es hier geht, ist nicht irgendein Geistlicher, sondern ein mit zahlreichen Ämtern und Titeln ausgestatteter katholischer Pfarrer. Er soll sich in den 1950er Jahren an einem Jungen vergriffen haben. Die Vorwürfe wurden öffentlich bekannt, nachdem die Mannheimer Historikerin Sylvia Schraut vor ein paar Wochen eine Studie zum Thema „Sexueller Missbrauch im Bistum Speyer seit 1946“ vorgestellt hat. Der Geistliche und seine Rolle werden in der Studie anonymisiert dargestellt. Die RHEINPFALZ hat recherchiert, wer der Geistliche ist.
Weil ein Junge in der Schule Probleme hat, wendet sich seine Familie an besagten Pfarrer. Der beherrscht als einer von wenigen Bürgern im Dorf Latein und Griechisch. Die Familie ist laut der Studie eng mit der Kirche verbunden, und der südpfälzische Ort ist fest im katholischen Milieu verankert. Der Betroffene ist zu diesem Zeitpunkt in den 1950er Jahren Messdiener und nimmt an kirchlichen Angeboten für Jugendliche teil. Laut der Studie sollte er später selbst die Laufbahn eines Pfarrers einschlagen. Der Geistliche, der sich an ihm vergeht, gilt im Dorf als Autorität.
2010 meldet sich der Betroffene
Jahrzehnte vergehen, bis der Betroffene sich 2010 an das Bistum Speyer wendet. Dort werden Meldungen zu sexuellem Missbrauch erst seit jenem Jahr systematisch erfasst. Der Fall ist einer von über 170, mit denen sich die Studienautoren befasst haben. Demzufolge steigen die erfassten Vorfälle in den 1950er Jahren deutlich an, erreichen in den 1960er Jahren einen Höhepunkt und fallen seit den 1970er Jahren wieder ab, um dann zwischen 2010 und 2019 nochmals sprunghaft anzusteigen. Der Höhepunkt in den 1960er Jahren ist laut der Studie nicht nur für das Bistum Speyer charakteristisch, sondern auch für andere deutsche Bistümer und für andere Länder wie etwa Frankreich oder die Vereinigten Staaten.
Zum Zeitpunkt der Übergriffe hat der Geistliche schon einige Karrierestationen hinter sich. Im Archiv des bayerischen Kultusministeriums befindet sich eine Personalakte mit Angaben zu den 1930er und 1940er Jahren von ihm. Das liegt daran, dass die Pfalz bis 1946 zu Bayern gehörte und der Geistliche zeitweise als Lehrer in der Vorderpfalz an einem Gymnasium und Realgymnasium tätig war. Der Pfarrer kam Ende des 19. Jahrhunderts zur Welt, studierte in Österreich, war Mitglied im Deutschen Alpenverein und 18 Monate beim bayerischen Heer – auch „im Felde“, wie er in seiner Bewerbung als Lehrer schreibt.
Empfehlungsschreiben des Bischofs
In den Unterlagen findet sich ein Schriftstück, demzufolge der Geistliche offenbar beste Beziehungen zur damaligen Bistumsleitung hatte. Bischof Ludwig Sebastian lobte den Geistlichen, der sich „mit ganzer Hingebung der Betreuung der Jugend“ widmete. Der Bischof legte dem bayerischen Kultusministerium nahe, diesen Bewerber „anderen Bewerbungen voranzustellen“. Von den Qualitäten des Mannes hatte sich der Bischof zuvor selbst ein Bild machen können: Der Geistliche war sein persönlicher Sekretär. Über zehn Jahre stand er im engen Kontakt zum Leitungszirkel des Ordinariats, also der Verwaltungsbehörde des Bistums.
Im Laufe des Zweiten Weltkriegs verließ der Theologe wieder den Schuldienst. Er übernahm eine Pfarrstelle in der Vorderpfalz, wurde später Dekan und übernahm weitere hohe kirchliche Ämter. Diese Posten sind laut der Studie Beleg dafür, dass „das Ordinariat ihm Leitungsfunktionen zu- und anvertraute“. Darüber hinaus hatten seine engen Kontakte ins Ordinariat Bestand, namentlich seine persönlichen Beziehungen zu Bischof Isidor Markus Emanuel und Generalvikar Philipp Jakob Haußner. Dokumentiert sei das beispielsweise durch das vertrauliche „Du“ zwischen ihnen im Briefwechsel der 1950er Jahre.
Vom Papst geehrt
Nach gesundheitlichen Problemen wechselte der Geistliche 1958 als Seelsorger in ein anderes pfälzisches Dorf. Dort lernte er den Jungen kennen, an dem er sich vergeht. Die Autoren der Studie schreiben dazu: „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Missbrauch seiner beruflichen Laufbahn geschadet hätte.“ Später durfte er sich sogar als „Päpstlicher Hausprälat“ bezeichnen – ein Titel, den ihm Papst Paul VI. anlässlich des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils auf Antrag des Bischofs verlieh.
Die Studienautoren kommen zu folgendem Schluss: „Die Annahme, dass sich das Ordinariat, namentlich Bischof Emanuel und die Generalvikare Haußner und Rudolf Motzenbäcker, schützend vor ihn gestellt und entsprechende Hinweise ignoriert oder vernichtet hätten, ist zumindest plausibel.“ Der Priester starb in den 1970er Jahren. Nach allem, was bekannt ist, wurde er für seine Taten nie zur Rechenschaft gezogen. Das Bistum Speyer hat zuletzt im Januar 2024 zu Gebeten für seinen Geistlichen aufgerufen.
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