Pfalz
Unterschriften gefälscht? Betrugsvorwürfe gegen Pflegedienst
An die 20 Unterschriften hätten die Pflegerinnen über die Jahre gefälscht, sagt der Sohn von Hildegard Müller, die eigentlich anders heißt, aber ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Seit 2019 war die 96-Jährige jeden Morgen vom mobilen Dienst des Mannheimer Pflegeanbieters Avendi versorgt worden. Durch Zufall sei sie im Frühjahr dieses Jahres auf Unterlagen in ihrer Kundenmappe gestoßen, in denen offenbar Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes ihre Unterschrift gefälscht hatten. Damit hätten sie Leistungen, die gar nicht erbracht wurden, bei der Pflegekasse abgerechnet.
In den Bescheinigungen, die der RHEINPFALZ in Auszügen vorliegen, wurden über mehrere Jahre Beratungen zu Themen wie Diabetes, Stolperfallen in der Wohnung oder das Gehen mit dem Rollator erfasst. „Die Beratungen sind nie passiert“, sagt die Seniorin. Für einen Rollator habe sie sich schon entschieden, bevor Avendi ihre Versorgung übernommen hatte. Unterschrieben sind die Bescheinigungen von der zuständigen Mitarbeiterin und der Kundin – wobei letztere Unterschrift augenscheinlich je nach Formular von unterschiedlichen Personen vorgenommen wurde.
Avendi bestreitet Vorwürfe
Avendi hat seinen Hauptsitz in Mannheim und betreibt weitere Pflegeheime und ambulante Dienste vor allem in Baden-Württemberg, aber auch in Waldsee (Rhein-Pfalz-Kreis), in Steinbach (Donnersbergkreis) sowie in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Auf Anfrage der RHEINPFALZ gibt eine Sprecherin von Avendi an, dass bei der Überprüfung der Abrechnungen keine Unregelmäßigkeiten aufgefallen seien. Zudem erfolge die Erfassung der Pflegeleistungen seit zwei Monaten digital und sei daher mittlerweile fälschungssicher.
„Ich war geschockt, als Frau Müller mir das erzählt hat“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin von Avendi, die ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie war eine der Pflegerinnen, die die Dürkheimerin versorgt haben, und ist danach mit ihr in Kontakt geblieben. „Das mit den Unterschriften ist aber nur die Spitze des Eisbergs“, sagt die Pflegerin. Knapp drei Jahre war sie für den ambulanten Pflegedienst von Avendi tätig. Sie habe gewusst, dass Leistungsnachweise von Kolleginnen teils blanko bei den Kunden zur Unterschrift abgegeben wurden.
Auch Verstöße gegen die Datenschutzbestimmungen hätten sich während ihrer Zeit bei Avendi ereignet. Kolleginnen hätten beispielsweise Kundenmappen mit Kontaktdaten offen im Auto liegengelassen. „Als ich das in der Teamsitzung angesprochen habe, hat das niemanden interessiert“, erinnert sie sich. Krankmeldungen seien von der Pflegedienstleitung ebenfalls nicht akzeptiert und Mitarbeiterinnen unter Druck gesetzt worden, trotz Krankschreibung zur Arbeit zu kommen.
Gemeinsam mit vier weiteren Kolleginnen, von denen die meisten mittlerweile ebenfalls den Arbeitgeber gewechselt haben, habe sie die Missstände bei der Firmenzentrale in Mannheim gemeldet. „Nach meinem Kenntnisstand ist danach nichts passiert“, sagt sie.
Die Avendi-Sprecherin bestätigt, dass es Beschwerden gegenüber der Zentrale gab. Den Vorwürfen sei in mehreren Teamsitzungen nachgegangen worden, sie hätten sich aber nicht bestätigt. Bezüglich des Datenschutzes seien alle Mitarbeiter im Umgang mit Kundendaten geschult. Da die Dokumentation mittlerweile digitalisiert sei, würden auch keine Kundenmappen mehr in den Autos mitgeführt.
Der Sohn von Hildegard Müller hat nach eigenen Angaben auch versucht, den Fall über den Online-Betrugsmelder der Techniker Krankenkasse mitzuteilen. „Die Kasse hat behauptet, mit der Mutter Kontakt aufgenommen zu haben“, sagt er. Laut der Mutter hat sich allerdings niemand bei ihr gemeldet. „Dabei ist doch eigentlich die Kasse die Geschädigte“, so der Sohn. Die Polizei hat die Familie aus Angst vor Repressalien nicht informiert.
Hohe Schäden durch Betrug
Der bundesweite Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) spricht von Millionenschäden, die den Kranken- und Pflegeversicherungen jedes Jahr durch Abrechnungsbetrug zugefügt werden. Für den aktuellsten Berichtszeitraum 2020/2021 verzeichnet der GKV-Spitzenverband 39.600 Hinweise auf Fehlverhalten und rund 24.000 neue Fälle, die verfolgt wurden. Die Staatsanwaltschaft wurde in rund 2500 Fällen unterrichtet. Den entstandenen Schaden beziffert der Verband auf etwa 132 Millionen Euro.
Laut der Techniker Krankenkasse werden in der ambulanten Pflege mehr Betrugsfälle registriert als in der stationären Pflege. Das hänge damit zusammen, dass in der ambulanten Pflege einzelne Leistungen abgerechnet werden, während es in Pflegeheimen eine Pauschale, den Pflegesatz, gibt. In den meisten Fällen gehe es tatsächlich darum, dass Leistungen abgerechnet werden, die nie stattgefunden haben. Immer wieder komme auch vor, dass Personal eingesetzt wird, das nicht ausreichend qualifiziert ist. In solchen Fällen hat der Pflegedienst ebenfalls keinen Anspruch darauf, dass die Leistungen vergütet werden.