Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Notarzt-Einsatz per Video: So läuft das Pilotprojekt in der Pfalz

Morgens in der Telenotarzt-Zentrale: Notärztin Dominique Straub testet die Verbindung mit dem Rettungswagen in Haßloch.
Morgens in der Telenotarzt-Zentrale: Notärztin Dominique Straub testet die Verbindung mit dem Rettungswagen in Haßloch.

Seit gut einem halben Jahr läuft in der Vorderpfalz das erste Telenotarzt-Projekt in Rheinland-Pfalz. Bislang werden die Notärzte, die Sanitäter aus der Ferne unterstützen sollen, nur zu wenigen Einsätzen am Tag alarmiert. Dass es so langsam vorangeht, hat seine Gründe.

Der Dienst als Telenotärztin beginnt für Dominique Straub mit dem Test, ob die Verbindung zu den Rettungswagen steht. Einer der sechs Wagen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), die an das System angebunden sind, hat sich für den Tag abgemeldet, ein weiterer ist gerade unterwegs zu einem Einsatz, zeigt einer der vier Monitore an. Mit der Besatzung des Rettungswagens des Roten Kreuzes in Haßloch (Kreis Bad Dürkheim) überprüft sie, ob der Videoanruf funktioniert und ob sich die EKG-Werte vom Rettungswagen in den Raum in der Ludwigshafener BG-Unfallklinik übertragen lassen, in dem Straub sitzt.

Sie ist eine von 13 Notärzten, die an der BG-Unfallklinik im täglichen Wechsel als Telenotärzte tätig sind. Seit Juli vergangenen Jahres läuft dort das erste Telenotarzt-Projekt in Rheinland-Pfalz. Von Ludwigshafen aus steht wochentags zwischen 8 und 16 Uhr ein Arzt derzeit für die Rettungsdienststandorte in Schifferstadt, Mutterstadt (beide Rhein-Pfalz-Kreis), Haßloch, Lambrecht (Kreis Bad Dürkheim) und Neustadt zur Verfügung. Der Telenotarzt soll laut den Verantwortlichen keine bestehenden Notarztstandorte ersetzen, sondern diese entlasten. „Ein typischer Einsatz ist, wenn ein Patient nicht im Rettungswagen mitfahren will“, sagt Straub. In solchen Fällen müsse ein Arzt den Patienten über mögliche Folgeschäden aufklären. „Bisher waren die Sanitäter dann gezwungen, auf einen Notarzt zu warten. Mit dem Telenotarzt-System können wir uns innerhalb von Sekunden zuschalten“, sagt Straub. Auch mehrere Einsätze parallel zu betreuen, sei damit möglich.

Unterstützung bei Fragen

Sie und ihre Kollegen schalten sich aber auch zu Einsätzen dazu, bei denen die Notfallsanitäter ärztliche Unterstützung brauchen, bei denen ein Arzt aber nicht unbedingt vor Ort sein muss – beispielsweise, wenn es um die richtige Dosierung eines Schmerzmittels geht. Außerdem stehen die Telenotärzte den Sanitätern oder anderen Notärzten bei Fragen zur Verfügung. „Mein interessantester Einsatz als Telenotarzt war in einem Fall, wo ein Junge plötzlich nichts mehr sehen konnte“, sagt Johannes Becker, Leitender Oberarzt an der BG-Unfallklinik und Ärztlicher Leiter des Projekts. Für ihn ging es darum, bei der Entscheidung zu helfen: Soll das Kind ins nächstgelegene Kinderkrankenhaus oder doch in ein größeres Klinikum gebracht werden? „Wir haben überlegt, ob es ein Tumor sein könnte und uns sicherheitshalber gegen eine kleinere Kinderklinik entschieden“, sagt Becker. Am Ende habe es sich als eine seltene Form der Migräne herausgestellt.

Gestartet ist das Projekt im Sommer vergangenen Jahres mit drei Rettungswagen. Entsprechend niedrig war in der Anfangszeit die Anzahl der Einsätze. „Seit wir im Januar die Anzahl der angeschlossenen Rettungswagen verdoppelt haben, sind auch die Einsätze deutlich mehr geworden“, sagt Becker. Im Klartext heißt das allerdings: Die Einsätze pro Tag lassen sich immer noch an einer Hand abzählen. Zwischen den Einsätzen übernimmt der diensthabende Telenotarzt deshalb auch andere Aufgaben in der Klinik, bei denen er innerhalb von drei Minuten wieder vor dem Bildschirm sein kann, wenn der Melder losgeht.

Funklöcher machen Probleme

Seit Januar sind auch der Rettungswagen in Lambrecht und die beiden Neustadter Wagen an das Telenotarzt-System angeschlossen. „Uns war es wichtig, den Rettungswagen in Lambrecht möglichst früh dazuzunehmen, weil wir in der Gegend Verbindungsprobleme erwartet hatten“, sagt Becker. Schon vor dem Start hatte er eine schlechte Mobilfunkabdeckung in abgelegenen Gegenden wie dem Pfälzerwald als mögliche Schwachstelle genannt. Es habe zwar noch keinen realen Einsatz in einer solchen Gegend gegeben, „unsere Tests haben aber gezeigt: Die Probleme gibt es tatsächlich“, sagt Becker. „Da müssen wir uns noch ein Ersatzverfahren ausdenken.“ Immerhin soll das System auf lange Sicht landesweit funktionieren.

In der Anfangszeit habe man noch einige weitere technische Probleme ausräumen müssen – angefangen beim begrenzten Datenvolumen von Diensthandys oder Handyhüllen, die den Ton beim Videoanruf abdämpfen. „Das ist total banal, aber wir haben es erstmal erleben müssen“, sagt Becker. Die Software, die noch in der Entwicklungsphase ist und auch bei ähnlichen Projekten in anderen Bundesländern zum Einsatz kommt, laufe seiner Erfahrung nach aber stabil.

Die Schulungen, in der die Notfallsanitäter den Umgang mit dem Telenotarzt-System lernen, sind dem Ärztlichen Leiter zufolge der entscheidende Faktor, warum das Projekt nicht schneller auf weitere Rettungswachen ausgeweitet wird. Bis alle Notfallsanitäter des DRK-Rettungsdienstes Vorderpfalz im Umgang mit dem System geschult sind, dauert es seine Zeit. Laut DRK wird die Schulung derzeit auf die Mitarbeiter der Wachen in Frankenthal, Bad Dürkheim und Grünstadt (Kreis Bad Dürkheim) ausgeweitet. Die Teilnehmeranzahl der Schulungen, die an der BG-Unfallklinik stattfinden, ist jeweils auf zehn Personen begrenzt. „Wenn wir zu viele auf einmal schicken würden, hätten wir draußen Probleme, die Notfallversorgung zu gewährleisten“, sagt Steven Pöselt, Prokurist des DRK Rettungsdienstes Vorderpfalz. 75 Sanitäter sind ihm zufolge bereits geschult, 50 stehen noch aus.

Außerdem gehe es darum, das System von beiden Seiten – Rettungswagen und Telenotarzt-Zentrale – kennenzulernen und die Kommunikation zu trainieren. „Wichtig ist, dass die Kollegen die Übergabe nach einem bestimmten Schema machen. Als Telenotarzt muss man sich erstmal einen Überblick über die Situation verschaffen“, sagt Becker. Außerdem sollten beide Seiten die Möglichkeit haben, den Telenotarzt-Einsatz abzubrechen und einen Notarzt vor Ort anzufordern. Auch die Kommunikationsabläufe für dieses Szenario werden in den Schulungen trainiert. Denn für den Telenotarzt sind die Möglichkeiten begrenzt. „Was einem fehlt, ist das haptische und olfaktorische“, sagt Straub. „Da muss man sich auf die Schilderungen der Kollegen und die eigene Erfahrung verlassen.“ Für sie habe das Telenotarzt-Projekt aber mehr Vor- als Nachteile.

Für den Anfang sind der Einfachheit halber nur die Rettungswagen des DRK an das System angeschlossen. „Jede Hilfsorganisation hat ihre eigene Infrastruktur“, sagt Becker. „Auf lange Sicht würde es aber keinen Sinn ergeben, die anderen Anbieter – Malteser, Johanniter und Arbeiter-Samariter-Bund – nicht dazuzunehmen.“ Außerdem sollen in Zukunft weitere Telenotarzt-Zentralen in Rheinland-Pfalz aufgebaut werden. Ein konkreter Termin, bis wann das geschehen könnte, steht bislang nicht im Raum.

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