Pfalz
Geothermie: Wie Erdbeben in der Pfalz künftig verhindert werden sollen
Endlich unabhängig von russischem Gas. Für viele Pfälzer ist diese Vorstellung in diesem Sommer noch ein frommer Wunsch. Für die Haßlocher könnte er bald Realität werden, wenn man den Plänen von Vulcan Energie folgt. An einem Juniabend lädt das börsennotierte Unternehmen Haßlocher Bürger zu einer Infoveranstaltung ein und stellt sich der Öffentlichkeit vor. Vulcan will in Haßloch Energie aus Geothermie gewinnen. Heißes Thermalwasser aus mehreren Tausend Metern Tiefe soll an die Oberfläche gepumpt werden und so viele Haushalte mit Fernwärme versorgen.
Doch das ist nicht alles. Aus dem zu Tage geförderten Tiefenwasser möchte Vulcan zusätzlich Lithium gewinnen. Es ist als Speicherstoff in Akkus verbaut – vom Mobiltelefon bis hin zum Elektroauto. Vor einigen Wochen hatte das Europaparlament das Ende des Verbrennungsmotors für 2035 beschlossen. Die Autohersteller werden in den kommenden Jahren ihre Flotten radikal von Diesel- und Benzinmotoren auf Antriebe wie Wasserstoff und Elektro umstellen müssen. Für Letzteres brauchen sie Lithium, und zwar sehr viel davon. Der Rohstoff kommt bisher vor allem aus Ländern wie Australien oder Chile, wo der Lithiumabbau die Landschaft zerstört und hohe Mengen Trinkwasser verbraucht.
Lithium für eine Million E-Autos
Vulcan Energie möchte das ändern und dazu die Kraft der Geothermie nutzen: Thermalwasser, das ganze Städte und Dörfer mit Wärme versorgen kann. Obendrauf gewinnt man noch den Rohstoff für die Autoindustrie der Zukunft. Vulcans Versprechungen klingen verheißungsvoll. Glaubt man den Berechnungen des Unternehmens, könnte es in der Pfalz Lithium für rund eine Millionen Akkus in Elektroautos fördern – pro Jahr.
Solche Prognosen wecken Begehrlichkeiten. In den vergangenen Monaten starteten mehrere Firmen den ersten großen Angriff auf die Bodenschätze, die unter der Pfälzer Erde schlummern sollen. 23 Anträge für die Erkundung lagen im April dem rheinland-pfälzischen Landesamt für Bergbau vor. 14 von ihnen hat das Amt bereits bewilligt. Das ergab eine kleine Anfrage des Südpfälzer Landtagsabgeordneten Martin Brandl (CDU). Dazu gehören Firmen der öffentlichen Hand wie die Stadtwerke von Schifferstadt, Speyer, Wörth oder die Pfalzwerke. Aber auch private Unternehmen wie eben Vulcan Energie haben sich Felder gesichert, auf denen sie später nach heißem Wasser und Lithiumvorkommen suchen wollen. Mittlerweile dürften deutlich mehr Erkundungsfelder für die geologisch interessante Zone zwischen Ludwigshafen und Wörth vergeben worden sein. Erst vor kurzem wurde ein weiteres Feld rund um die Gemeinde Hagenbach (Kreis Germersheim) freigegeben.
Bis zu 4000 Meter tief bohren
Vulcan ist mit seinen Plänen am weitesten fortgeschritten. Das Kraftwerk in Insheim hat das Unternehmen bereits gekauft und will es in den kommenden Jahren für die Lithiumgewinnung umbauen. In Landau möchte Vulcan mit den Besitzern des dortigen Kraftwerks zusammenarbeiten. Weitere Anlagen sollen folgen, eine davon westlich von Haßloch.
Doch um den Schatz im Oberrheingraben zu bergen, müssen die Unternehmen bohren. Tief bohren. In rund 4000 Metern Tiefe vermuten Wissenschaftler die Vorkommen. Kilometerlange Rohrleitungen werden benötigt, um das lithiumhaltige Thermalwasser an die Oberfläche zu pumpen, dort zu nutzen und es zurück in die Tiefe zu leiten.
Angst vor Erdbeben
Das öffentliche Interesse an dem Vorhaben ist groß. Die Haßlocher haben dringende Fragen. Schließlich könnte bald in ihrer Nachbarschaft ein Geothermiekraftwerk stehen. Wie sicher ist die Technologie? Die Skepsis hat ihre Gründe. 2007 ging in Landau das erste Tiefen-Geothermiekraftwerk Deutschlands in Betrieb. In den Jahren darauf kam es in Landau rund um das Kraftwerk immer wieder zu kleineren Erdbeben und Rissen an Hauswänden. Aus einem Leck in der Bohrung trat arsenhaltiges Thermalwasser aus und gelangte ins Trinkwasser. Seitdem wird das Thema kontrovers diskutiert. Bürgerinitiativen machten gegen das Kraftwerk lautstark mobil. 2014 forderte der Landauer Stadtrat noch die Schließung des Kraftwerks – jetzt hofft er mehrheitlich, einmal große Teile der Stadt auf diesem Weg mit Wärme versorgen zu können.
Viele Bürger haben nun Sorgen, dass sich die Geschichte wiederholt, obwohl das Landauer Kraftwerk umfangreich nachgerüstet worden ist. Kritik kommt auch von Martin Brandl. Vor 15 Jahren habe man große Hoffnungen in die Geothermie gesteckt. Dabei gab es viele Enttäuschungen, sagt der Landtagsabgeordnete. Es gehe hierbei nicht nur um die Sicherheitsrisiken. Viele Projekte seien damals gescheitert, die Verantwortlichen hätten sich aus dem Staub gemacht. Übrig geblieben seien Bohrlöcher, wie zum Beispiel in Rülzheim, um die sich niemand mehr gekümmert habe. „Die Erfahrungen aus Landau und Insheim und anderen Orten lehren uns, kritisch auf solche Vorhaben zu blicken.“
Vulcan: Aus Fehlern gelernt
Horst Kreuter, Gründer und Chef von Vulcan Energie, versucht solche Sorgen zu zerstreuen. Auch er ist in Haßloch vor Ort und wirbt für seine Vision. Dabei äußert er sich ganz offen. Ja, in der Vergangenheit habe es Schäden durch Geothermieprojekte gegeben. „Wir haben aus diesen Fehlern gelernt und wissen, wie wir es in Zukunft richtig machen“, sagt Kreuter. Mikrobeben, ausgelöst durch Bohrungen beziehungsweise das Verpressen des genutzten Wassers in den tiefen Gesteinsschichten, soll es in Zukunft keine mehr geben. Helfen soll hier unter anderem ein Messsystem, das fortwährend die Erschütterungen im Untergrund rund um neu entstandene und bereits existierende Kraftwerke wie Landau und Insheim überwacht. Wenn die Beben stärker werden, drosselt das Unternehmen seine Fördermengen, um den Druck im Untergrund zu verringern.
Solche Aussagen hält Professor Frank Schilling vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) für plausibel. Schilling gilt als ausgewiesener Experte für Geothermie und leitet das Landesforschungszentrum für Geothermie in Baden-Würtemberg. Dass Mikrobeben vorkommen, ließe sich zwar nie zu 100 Prozent ausschließen, fügt Schilling hinzu. Die Fehler, die in der Vergangenheit in Landau begangen wurden, seien aus heutiger Sicht jedoch vermeidbar gewesen. Hinzu komme die strenge Regulierung durch die Behörden, so Schilling. „Schon bei Erschütterungen, die der einer vorbeifahrenden Straßenbahn entsprechen, wird der Kraftwerksbetrieb heruntergefahren. Und er wird erst dann wieder aufgenommen, wenn sichergestellt ist, welchen Grund die Beben haben.“
Experten bezweifeln die Fördermengen
In Landaus Kommunalpolitik haben solche Einschätzungen bereits für eine Kehrtwende im Umgang mit der Geothermie gesorgt. Mittlerweile stehen fast alle Parteien im Landauer Gemeinderat der Förderung von Thermalwasser und Lithium offen oder positiv gegenüber. Die Stadtverwaltung nannte die Lithiumgewinnung in der Südpfalz zuletzt eine „Schlüsselindustrie“, die neue, zukunftssichere Arbeitsplätze schaffen könne. Und auch Vulcan erhält finanzstarken Rückenwind. Ende Juni stieg der Autobauer Stellantis (dazu gehören unter anderem Marken wie Opel, Peugeot und Fiat) mit 50 Millionen Euro bei Vulcan ein.
Den Schlüssel zu den Pfälzer Bodenschätzen hält Vulcan trotzdem noch nicht ganz in seinen Händen. Bisher befindet sich die Lithium-Gewinnung nur in der Pilotphase. Wenn Vulcan von Lithium für jährlich eine Millionen Elektroautos spricht, dann bezieht sich die Firma auf Berechnungen aus Laborversuchen. Ob solche Mengen später auch im industriellen Maßstab möglich sind, ist noch nicht erwiesen. KIT-Wissenschaftler gehen in ihren Berechnungen von geringeren Raten aus. Dem entgegnet Kreuter, dass seine Anlagen weitaus effizienter arbeiten werden, als vom KIT angenommen. Doch dafür müssten solche Anlagen erst einmal gebaut werden. Die Zeit drängt jedenfalls: Schon 2025 will Vulcan seine Kunden mit Lithium versorgen. Entsprechende Abnahmeverträge wurden bereits geschlossen.
Für Vulcan drängt die Zeit
Bisher fördern nur Landau und Insheim Thermalwasser zu Tage. Mindestens drei weitere Anlagen müssten noch entstehen, um Vulcans gewünschte Fördermengen zu erreichen. Vulcan sieht sich dabei gleich mit mehreren Herausforderungen konfrontiert. Zum einen muss es so schnell wie möglich seine Anlagentechnik auf ein effizientes und industrielles Maß hochschrauben. Zum anderen muss es bei Bürgern und Gemeinderäten Überzeugungsarbeit leisten, um überhaupt eine Genehmigung zum Bohren zu erhalten.
Horst Kreuter bringen solche Fragen nicht aus der Ruhe. Als ihn ein Haßlocher Bürger auf seinen Zeitplan für ein mögliches Geothermiekraftwerk in der Gemeinde anspricht, gibt sich der Vulcan-Gründer optimistisch: „Wir könnten im Frühjahr 2023 starten. Wenn Gemeinderat und Behörden zustimmen.“