Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Glasfaser-Mordprozess: Bautrupp lockt Chef in Sex-Falle

Beim Glasfaserausbau nehmen oft Kleinstfirmen Sub-Aufträge an. Vier Männern aus Kurdistan wird vorgeworfen, im März ihren Chef i
Beim Glasfaserausbau nehmen oft Kleinstfirmen Sub-Aufträge an. Vier Männern aus Kurdistan wird vorgeworfen, im März ihren Chef in einem Dorf im Saarland auf bestialische Weise getötet zu haben. Der Trupp auf dem Foto hat nichts mit der Tat zu tun, das Bild wurde andernorts im Saarland aufgenommen.

An Händen und Füßen gefesselt, Hose runtergezogen, Bart abrasiert, misshandelt: So lag der Chef eines Glasfaser-Trupps tot auf dem Bett. In Saarbrücken sind vier seiner Mitarbeiter angeklagt. Sie könnten ihren Boss in eine Sex-Falle gelockt und dann massakriert haben. Beim Prozess tun sich Abgründe auf. Was kann man glauben?

Tagsüber verlegten die Männer Glasfaserkabel in Schmelz und Lebach im Saarland, nachts schliefen sie gemeinsam in einer Monteurswohnung im Dorf Primsweiler im Landkreis Saarlouis. Die Wochenenden verbrachten die Männer bei ihren Familien in Südhessen. Ein Mord beendete diese Lebens- und Arbeitsgemeinschaft jäh. Die Umstände lassen selbst hartgesottene Juristen schaudern.

Laut Anklage ermordeten vier der Männer des Glasfaserbautrupps ihren Chef wegen ausstehender Lohnzahlungen. Zusätzliches Motiv sei, dass der Chef mit den Frauen zweier seiner Mitarbeiter sexuell verkehrte und sich damit via Internet-Plattform Tiktok in derben Worten und Gesten gebrüstet habe.

Daraufhin, so die Staatsanwaltschaft, hätten die vier Männer beschlossen, ihren Vorgesetzten gemeinsam zu quälen und zu töten. Sie hätten Kabelbinder und Klebeband besorgt. Dann hätten sie dem Vorgesetzten gesagt, dass für Freitag, 22. März, eine kleine Feier in der gemeinsamen Monteurswohnung geplant sei. Man habe zwei Frauen bestellt, gemeinsam wolle man ein bisschen Spaß haben. Der Chef möge an diesem Freitag deshalb nicht – wie sonst üblich – übers Wochenende heim in die Nähe von Darmstadt fahren.

Der Anklage zufolge tappte der selbstständige Geschäftsführer einer kleinen Glasfaserverlege-Firma in die Sex-Falle. Er begab sich zu der vermeintlichen Feier in Primsweiler.

Gedemütigt und geschlagen

Nach der Rekonstruktion der Staatsanwaltschaft und den Aussagen von Zeugen warteten dort vier seiner Mitarbeiter. Sie hätten den Chef an seinem langen Bart gepackt, ihn dann mit Kabelbindern gefesselt, mit Klebeband geknebelt und aufs Bett im Schlafzimmer gelegt. Den Angaben zufolge schlugen sie den Vorgesetzten, auch gegen den Kopf, traten ihn, zogen ihm die Hose bis zu den Knien runter und demütigten ihn sexuell. Dabei sollen sie ihn heftig beschimpft und ihm schließlich auch den Bart abrasiert haben. Laut Obduktion verstarb der Mann gegen 20.40 Uhr an seinen Verletzungen. Mindestens zwei der Täter hätten dann auch noch auf die Leiche uriniert.

Die Täter filmten die Tat teilweise. Sie hatten zwar die Handys, auf denen die Videos gespeichert sind, wegwerfen lassen, doch die Polizei fand sie.

Die mutmaßlichen Mörder und ihr Opfer stammen allesamt aus einem kleinen Bezirk im Kurdengebiet im Norden Syriens. Sie kamen, wie weitere Kurden aus der Gegend auch, zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach Deutschland und ließen sich in Offenbach und anderen hessischen Orten südlich davon nieder.

Das spätere Opfer, ein 37 Jahre alter Kurde, gründete – wie sein Bruder – eine Kleinfirma, mit der er seine Dienste beim Glasfaserausbau anbot. Er warb Landsleute als Mitarbeiter an. Wie das funktionierte, schilderte einer der Angeklagten am Donnerstag. Er sagte, er sei im Kurdengebiet aufgewachsen, habe nie eine Schule besucht, dort Gelegenheitsarbeiten verrichtet und geheiratet. Als der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, seien seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder nach Deutschland gezogen. Er sei nachgekommen. Die Familie habe zunächst vom Jobcenter gelebt. Dann habe er sich dem Trupp des späteren Opfers angeschlossen. Der habe ihm monatlich 1200 Euro gezahlt, schwarz. So konnte er, deutete er an, weiter Geld vom Jobcenter beziehen.

Freitag war Zahltag. Dann wurde der Lohn für die zurückliegende Woche übergeben, Aussagen zufolge meist in einem Umschlag. Fragen, ob und in welcher Höhe es Lohnrückstände gab, wichen Zeugen und Angeklagte bisher aus. Ja, es habe immer mal wieder Streit wegen Geldes gegeben, sagte ein Zeuge. Und: Manchmal seien im Umschlag nur 100 oder nur 200 Euro gewesen. „Ich habe dann gesagt: ,Das reicht nicht.’ Dann hat er gesagt: ,Mehr habe ich nicht.’“

Die saarländische Vermieterin bescheinigte dem Chef des Bautrupps, die Miete immer korrekt und vollständig bezahlt zu haben. Sie lobte den Getöteten als „sauber, sehr freundlich und hilfsbereit“, als großzügigen Vorgesetzten, der seine Mitarbeiter gut versorgt habe, auch mit Essen. Auf die Frage, ob der Chef regelmäßig Frauenbesuch empfangen habe, antworte sie: „Ich weiß von zwei Frauen.“

In der Verhandlung am Donnerstag ging es auch um die Frage, ob die Kurden regelmäßig Drogen und Alkohol konsumierten und wie es sich am Abend der Tat verhielt. Die Vermieterin sagte, dass ihr eine Wolke aus Marihuana entgegengekommen sei, als sie am Samstagmittag nach der Tat in die Wohnung trat und die Leiche ihres Mieters auf dem Bett entdeckte.

„Ein bis zwei Liter Wodka“

Der Angeklagte Ahmad A. sagte auf Befragung, er trinke „seit jeher“ zwei bis vier Flaschen Bier täglich und rauche täglich oder alle zwei Tage Marihuana. Der Angeklagte Mohamad H. sagte, er konsumiere gelegentlich Marihuana und trinke „ein bis zwei Liter Wodka“. Auf die Frage wie oft, antwortete er: „Einmal pro Woche oder täglich oder gelegentlich.“

Der Bruder des Getöteten, wie seine Mutter und sein Neffe Nebenkläger im Prozess, räumte ein, dass es im Trupp hin und wieder auch Zoff um Geld gab. Der sei aber nie von seinem Bruder ausgegangen. Zu dem Streit um Frauen sagte er: Einer der Männer sei selbst schuld, dass seine Frau ihn verlassen habe. Er habe nämlich unangemessene sexuelle Wünsche an seine Frau gerichtet.

Zur Vorgeschichte: hier.

Zu den Arbeitsbedingungen beim Glasfaserausbau: hier und hier.

Der Podcast Alles Böse startet wieder mit neuen Kriminalfällen aus der Pfalz.

Kennen Sie schon unseren Crime-Podcast?

Welche Verbrechen werden in der Pfalz begangen? Welche Straftäter sind noch auf der Flucht? Über konkrete Kriminalfälle von heute und aus der Vergangenheit berichten Victoria Fuchs und Uwe Renners im True-Crime-Podcast "Alles Böse".

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x