Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Gastronomen in der Pfalz: Steht ein Tsunami an Insolvenzen bevor?

Viele Restaurants halten sich mit Liefer- und Abholservices über Wasser.
Viele Restaurants halten sich mit Liefer- und Abholservices über Wasser.

Der Frust ist groß. Seit zwei Monaten sind die Gaststätten wieder geschlossen, die Inzidenzwerte sinken dennoch kaum. Wären Restaurants, Bars und Cafés geöffnet, wären die Zahlen geringer, sagt Dehoga-Präsident Gereon Haumann. Wie halten die Pfälzer Gastronomen durch?

Jeder einzelne Rheinland-Pfälzer kann zur Rettung der Betriebe beitragen, sagt Haumann, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Rheinland-Pfalz: „Indem sich alle endlich an die Regeln halten. So unlogisch sie manchmal erscheinen.“ Denn wenn die Zahlen sinken, können Restaurants und Hotels wieder öffnen. Und das sei dringend nötig. 40 Prozent der Betriebe hätten noch keinen Cent der Novemberhilfen bekommen. „Wir brauchen bis 15. Januar die komplette Auszahlung der zugesicherten Hilfen, um einen Tsunami an Insolvenzen zu vermeiden.“

Allein in und um Landau wisse er von 49 Betrieben, die sich Ende Januar vom Dehoga abmelden wollen – also schließen. Außerdem verlagerten sich die Treffen in private Küchen und Partykeller. „Die Leute glauben, man kann sich zuhause nicht anstecken“, findet Haumann. Wären die Restaurants mit guten Hygienekonzepten geöffnet, gebe es weniger Infektionen, ist er überzeugt.

Optimismus dringend nötig

Die Gastronomen sollen durchhalten. Denn: „Uns steht ein goldener Sommer und ein dreijähriges Tourismus-Hoch bevor“, prophezeit er. Er vermutet, dass Rheinland-Pfalz ein beliebtes Urlaubsziel wird. Im Radius von zwei Stunden mit dem Auto oder der Bahn sei das Bundesland von 50 Millionen Deutschen zu erreichen. „Wenn wir wieder reisen dürfen, werden die Deutschen wieder reisen“. Dabei werde voraussichtlich wichtig, im Notfall in kurzer Zeit wieder zuhause sein zu können.

Die optimistischen Worte haben die Gastronomen dringend nötig. Denn oft sieht es düster aus. Die Betreiber des Lemon in Landau zum Beispiel waren mutig und haben das wegen Corona geschlossene Lokal übernommen. Und es mitten im Lockdown, am 18. Dezember, wieder eröffnet. Zunächst lief der Liefer- und Abholservice super, erzählt Rudina Selaci: „Der erste Tag war bisher der beste.“ Doch inzwischen seien es immer weniger Kunden, die Pizza, Pasta und andere Gerichte bestellten. „Die Leute haben Angst und wissen nicht, wie es weiter geht. Viele haben keine Arbeit mehr und weniger Geld“, sagt Selaci. Ob sie die November- und Dezember-Hilfen bekämen, sei unklar. Denn weil sie neu eröffnet haben, gibt es für 2019 keinen Umsatz, von dem sie 75 Prozent erhalten könnten. „Wenn wir ab Februar wieder öffnen, können wir überleben.“ Sonst werde es danach irgendwann schwierig.

Zeltlandschaft war vorbereitet für den Winter

Doch auch Betriebe, die es 2019 bereits gab, warten auf die Hilfen: Alexander Bröhl von der Alex Weinlounge in Herxheim am Berg (Kreis Bad Dürkheim) zum Beispiel. Wenn das Geld aber komme, sei er seine Sorgen fürs Erste los. Denn die Monate November und Dezember 2019 seien so gut gelaufen, dass 75 Prozent des Umsatzes seine Kosten gut deckten. Ärgerlich sei der Lockdown dennoch, denn er habe groß investiert: „Wir haben eine riesige Zeltlandschaft aufgebaut, sogar beheizt, da hätten die Gäste den ganzen Winter draußen sitzen können.“ Die ersten 14 Tage sei das auch gut angenommen worden – doch als klar war, dass es im Dezember nicht wieder losgeht, habe er alles abgebaut. Er vermutet, dass es vor März auch nicht weitergehen wird.

Die Betreiberin des Atable in Ludwigshafen glaubt dagegen, dass erst an Ostern wieder aufgemacht werden kann. Das hoffe sie zumindest, da im Mai der große Umzug des Sterne-Restaurants nach Freinsheim (Kreis Bad Dürkheim) ansteht. „Wir würden gern noch einmal in Ludwigshafen aufmachen und unseren Stammgästen die Möglichkeit geben, noch einmal hier zu essen“, sagt Sybille Bultmann. Derzeit hielten sie sich mit Menüs zum Abholen für Zuhause über Wasser.

Christian Dörr vom Capito in Hornbach (Kreis Südwestpfalz) bietet ebenfalls Essen zum Mitnehmen an, sieht das aber eher als „Beschäftigungstherapie“. Denn wegen des Standortes in Hornbach sei das schwierig, die meisten Gäste kämen von weiter weg. Einen Teil der Hilfen habe er bekommen, aber: „Derzeit leben wir von dem bald nicht mehr vorhandenen Ersparten.“ Essen à la carte sei außerdem nur ein Teil seines Konzepts.

Der Betreiber des Bistro-Restaurants konzentriert sich auf Catering bei großen Veranstaltungen und auf das Konferenzzentrum Bauwerk. Aber: „Wir wissen nicht, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt.“ Vielleicht werde es in den nächsten Jahren keine großen Veranstaltungen mehr geben. Dann müsse man sich aber etwas Neues überlegen und sich neu erfinden, sagt Dörr.

Leberknödel McDrive

Den Hütten im Pfälzerwald geht es nicht anders als anderen Gastronomen: Die meisten bleiben zu. Manche Betreiber, wie Miguel Gutierrez von der Edenkobener Hütte am Hüttenbrunnen (Kreis Südliche Weinstraße), haben sich etwas überlegt. Bei ihm war es der „Leberknödel McDrive“, bei dem es die Knödel zum Mitnehmen gab. Den McDrive hat er wieder eingestellt: Seit er keinen Alkohol mehr ausschenken darf, kämen viel weniger Leute. „Wir sind umgestiegen auf Brötchen mit Wurst oder Saumagen.“ Er sei im Umkreis einer der wenigen, die so etwas anbieten. Im Kreis Südliche Weinstraße kenne er sonst niemanden – ansonsten vielleicht drei, vier Hütten. Er vermutet, dass die Gastronomie im Februar oder März öffnen darf. „Weil alle immer lauter werden.“ Und: „Die Ansteckungen kommen nicht von den Gaststätten.“

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