Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Deshalb gefährden elektrische Heizgeräte das Stromnetz und Ladesäulen für E-Autos nicht

Ladesäulen brauchen viel mehr Strom als Heizlüfter und sind dennoch kein Problem für das Stromnetz. Aber warum?
Ladesäulen brauchen viel mehr Strom als Heizlüfter und sind dennoch kein Problem für das Stromnetz. Aber warum?

Während die Energieversorger vor einer Überlastung des Stromnetzes wegen elektrischer Heizgeräte warnen, ist von Ladesäulen und Wallboxen kaum die Rede. Warum eigentlich?

Immer mehr Pfälzer greifen scheinbar aus Angst vor hohen Gaspreisen oder Heizungen, die abgeschaltet werden, massenhaft auf elektrische Alternativen für den Winter zurück. Die Energieversorger im Land schlagen nun Alarm und warnen, dass die Heizgeräte zu einer hohen Stromlast führen können und so die Wahrscheinlichkeit für Stromausfälle steigt. Die Redaktion hat seitdem zahlreiche Rückmeldungen von Lesern erhalten.

Eine Frage, die dabei immer wieder auftaucht: Warum sorgen ausgerechnet Heizstrahler für eine Überlastung des Stromnetzes, aber Wallboxen zum Aufladen von Elektroautos nicht? „Ich bin mir sicher, dass jedes kleine Ortsnetz bei einer Ausstattung von 20 bis 25 Prozent der Häuser mit Solaranlagen, Wärmepumpen und Ladestationen in die Knie gezwungen würde“, schreibt zum Beispiel RHEINPFALZ-Leser Michael Knebel aus Böhl-Iggelheim. Ähnlich äußert sich Stefan Lieberich aus Battenberg. Es sei sehr verwundert, dass plötzlich Heizwärmer das Stromnetz gefährden sollen, „während Elektroautos – die ja nach dem Wunsch der Politik zukünftig millionenfach unsere Straßen befahren sollen – keine Gefahr für die Stromnetze darstellen.“

Lokale Stromausfälle durchaus möglich

Doch was ist dran an dieser Kritik? Ist die Warnung der Netzbetreiber ungerechtfertigt? „Nein“, sagt Wolfram Wellßow von der TU Kaiserslautern. Als ehemaliger Professor am Lehrstuhl für Energiesysteme und Energiemanagement forscht Wellßow seit Jahren zu Stromnetzen. Doch warum sind aus Wellßows Sicht elektrische Heizgeräte ein so großes Risiko? „Es ist der enorm schnelle Zuwachs dieser Geräte, der den Netzbetreibern keine Chance gibt zu reagieren. Zudem wissen wir bei den rasant steigenden Verkaufszahlen nicht, wo diese Geräte eingesetzt werden“, sagt der Experte. Würden nun viele Heizgeräte an einem Ort gleichzeitig angeschaltet, was bei tiefen Außentemperaturen durchaus wahrscheinlich ist, könnten die örtlichen Stromleitungen die abgerufene Leistung nicht mehr transportieren. „Dafür haben die verlegten Kabel schlicht zu wenig Querschnitt.“ Die Gefahr lokaler Stromausfälle in einem Stadtteil oder Straßenzug bestehe also durchaus. Im Vergleich zu der noch geringen Menge und dem langsamen Zuwachs an Wallboxen – die mit elf Kilowatt zwar viel mehr Strom benötigen, aber selten alle gleichzeitig in Betrieb sind – steige die punktuell abgerufene Leistung also enorm, und zwar innerhalb weniger Monate.

Netz für rasant steigenden Strombedarf jedoch nicht ausgelegt

„Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass unser bisheriges Netz in Zukunft für mehr Ladesäulen oder elektrische Wärmepumpen ausreicht“, betont Wellßow. Wenn in den kommenden Jahren immer mehr Prozesse elektrisch werden, steigt auch der Strombedarf und mit ihm die Leistung, die das Stromnetz stemmen muss. „Wir werden in der Pfalz also nicht drum herumkommen, das Netz sowie die Erzeugungskapazitäten großflächig auszubauen.“

Der Netzausbau in Rheinland-Pfalz wird Milliarden kosten

Mit dieser Sicht steht Wellßow nicht allein da. Auch der Landesverband der Energie- und Wasserwirtschaft Rheinland-Pfalz und Hessen (LDEW), der allein 100 Energieversorger in der Pfalz vertritt, verweist im Gespräch mit dieser Zeitung auf notwendige Ausbaumaßnahmen. Dabei müsse auf allen Ebenen des Stromtransports das Netz erweitert werden, sagt Wellßow. Es brauche einerseits mehr Hochspannungsleitungen, zum Beispiel, um durch Windkraft erzeugten Strom von der Westpfalz in die Städte der Vorderpfalz zu transportieren. Andererseits müssen in den Städten und Gemeinden zusätzliche oder leistungsfähigere Stromkabel verlegt werden, damit die von den Verbrauchern abgerufene Leistung auch störungsfrei übertragen werden kann.

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Wie hoch diese Investitionen in das Stromnetz in der Pfalz sein müssten, dazu gibt es bisher kaum stichhaltige Zahlen. Der LDEW verweist lediglich auf die 2014 vom rheinland-pfälzischen Umweltministerium in Auftrag gegebene Verteilnetzstudie. In diesem Papier hatten Gutachter berechnet, wie teuer der Netzausbau in ganz Rheinland-Pfalz wird. Schon damals veranschlagten die Experten eine Summe von 1,8 Milliarden Euro. Solche Beträge hält Netzexperte Wellßow mittlerweile jedoch für zu niedrig angesetzt. Auch das Umweltministerium schreibt auf Anfrage dieser Zeitung: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der in der Verteilnetzstudie aus 2014 genannte Ausbaubetrag wegen höherer Anteile von E-Fahrzeugen, Elektro-Heizungen und Wärmepumpen mittlerweile überholt ist.“

„Jeden Tag eine Milliarde für fossile Energien“

Die Szenarien hätten sich in den vergangenen zehn Jahren enorm verändert, fügt Wellßow hinzu. „Wir werden deutlich mehr Strom benötigen, aber insgesamt wird unser Energiebedarf auf etwa die Hälfte des derzeitigen Bedarfs sinken, da elektrische Fahrzeuge und Wärmepumpen sehr viel effizienter sind.“ Was die Kosten für den Netzausbau anbelangt, kann auch er keine Zahl nennen. Zu kleinteilig seien die Planungen, zu individuell die Bedürfnisse der einzelnen Stadtwerke und Netzbetreiber. Sorgen um den Netzausbau macht sich Wellßow deshalb nicht. „Wir bezahlen aktuell jeden Tag fast eine Milliarde Euro für importierte fossile Energieträger. Für die Ertüchtigung unserer Stromnetze werden wir nur einen Bruchteil dieser Summe benötigen.“ Hinzu komme laut Wellßow noch ein weiterer Punkt: Ein beträchtlicher Teil der Netze erreiche in den kommenden 20 Jahren ohnehin das Ende der seiner technischen Lebensdauer und muss ersetzt werden. „Diese neue leistungsfähigere Infrastruktur steht uns dann wieder für Jahrzehnte zur Verfügung.“

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